Fall Drygalla

Rechtsextremismus wird im Sport „unterschätzt“

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Claudia Ehrenstein

Mit einer Kampagne versucht die Bundesregierung gegen rechtsextreme Gruppen in Sportvereinen vorzugehen. SPD und Grünen ist das nicht genug.

Die Politik will jetzt keine Zeit verlieren. Bereits in der ersten der Sitzungswoche nach der Sommerpause, voraussichtlich am 26. September, befasst sich der Sportausschuss des Bundestags mit der Ruderin Nadja Drygalla und ihrem Nazi-Umfeld. Die Ausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) fordert rasche Aufklärung – auch im Interesse der Athletin. „Spitzensport wird mit Steuergeldern gefördert“, sagte Freitag der Morgenpost. „Da erwarten wir von den Spitzensportverbänden, dass sie ihre unbestreitbaren Lücken im Kommunikationssystem schnellstens schließen.“

Freitag warf dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einen „unprofessionellen“ Umgang mit dem Fall vor. Er müsse erklären, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Der Fall Drygalla lenke aber auch die Aufmerksamkeit auf das grundsätzliche Problem des Rechtsextremismus im Sport, sagte Freitag. Dass rechtsextreme Gruppen versuchen, Sportvereine zu unterwandern, ist seit Jahren bekannt. Der Hanoveraner Fanforscher und Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz warnte bereits 2009 in einer vom Bundesinnenministerium geförderten Expertise, der organisierte Sport sei „aufgrund seines hohen gesamtgesellschaftlichen Stellenwerts eine Zielgruppe für menschenverachtendes Gedankengut“.

Kein spezifisch ostdeutsches Problem

Einzelne Beispiele rechtsextremer Personen in ehrenamtlichen Funktionen zeigten, „in welcher Zwickmühle sich die Vereine befinden“, heißt es in dem Papier weiter. Es sei eine „schleichende Infiltration“ von aktiven Sportlern in bestehende Vereine festzustellen. Es wurden in einigen Fällen auch neue Vereine von Rechtsextremen gegründet. Problematisch sei auch die Vereinsmitgliedschaft von Kindern, deren Eltern sich in rechtsextremen Kreisen engagierten.

Rechtsextremismus ist laut der Expertise kein spezifisch ostdeutsches Problem, wobei jedoch in bestimmten Regionen Ostdeutshclands „Rechtsextremismus stärker als eine normale politische Strömung wahrgenommen wird als dies in den alten Bundesländern der Fall ist“. Oftmals wollen die Betroffenen das Problem jedoch nicht wahrhaben: „Einige Landessportbünde schließen Rechtsextremismus im Sport in ihrem Bundesland gar vollkommen aus.“

Um rechtsextreme Einflüsse im Sport zu bekämpfen, schlägt die Experise ein ganzes Bündel an Maßnahmen vor. So sollten in Schulungen für Vereinsfunktionäre demokratische Werte vermittelt und vereine ermuntert werden, klare Positionen gegen Rechtsextremismus zu beziehen. Klare Regeln und Satzungen sollten den Mitgliedern eine entsprechende Orientierung geben. Vereine mit rechtsextremen Tendenzen könnten etwa dadurch ausgegrenzt werden, dass sie keine Hallenzeiten für das Training erhalten.

Die Bundesregierung hat auf Grundlage der Expertise Kampagne „Sport und Politik verein(t) gegen Rechtsextremismus“ entwickelt und im Januar 2011 die rund 91.000 Sportvereine in Deutschland aufgerufen, ihre Mitglieder, Trainer und Ehrenamtlichen für die Versuche rechtsextremer Einflussnahme zu sensibilisieren und sich für Toleranz, Respekt und Menschenwürde stark zu machen. „Klar ist, dass Extremismus im Sport keinen Platz haben darf“, heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Die Bekämpfung rechtsextremistischen Gedankenguts sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Sinnvolles Siegel

Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, zweifelt jedoch am Erfolg der Kampagne. So sei etwa ein „Gütesiegel“ für Sportvereine angekündigt worden, die sich vorbildlich gegen rechtsextreme Einflüsse wehren – beispielsweise durch einen Passus in ihrer Satzung, der Mitglieder einer rechtsextremen Vereinigung von einer Mitgliedschaft im Sportverein ausschließt. Gerster kritisierte, dass bislang nicht einmal die Kriterien für die Vergabe dieses Siegels formuliert worden seien.

Im Grundsatz hält Gerster das Siegel aber für richtig und sinnvoll. Die SPD-Bundestagsfraktion hatte es auch in einen Antrag aufgenommen, in dem sie die Bundesregierung im März 2011 aufforderte, rechtsextremistische Einstellungen im Sport noch konsequenter zu bekämpfen. Unter anderem sollten regelmäßig konkrete Fallzahlen von betroffen Vereinen ermittelt und mehr Gelder zur Erforschung des Problemfeldes bereitgestellt werden. Die Initiative fand jedoch keine Mehrheit. Nach der parlamentarischen Sommerpause soll nun geprüft werden, ob ein Antrag mit entsprechenden Nachbesserungen auf Grund der aktuellen Falls Drygalla eine fraktionsübergreifende Mehrheit erhalten könnte.

So schlägt Gerster etwa vor, die Nominierungskriterien für die Olympiateilnahme eines Sportlers zu überprüfen. Es müste genau festgelegt werden, welche Voraussetzung die Athleten erfüllen müssten, wenn sie als „Botshafter für unser Land“ bei den olympischen Spieln starten. Viola von Cramon sportpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, würde eine solche fraktionsübergreifende Initiative unterstützen. Die Gefahr von Rechts werde nicht geringer. Sportverbände sollten sich im eigenen Interesse genau unter die Lupe nehmen und zertifizieren lassen.

„Rechtsextremismus im Sport wird von den Vertretern der Verbände immer noch unterschätzt und verharmlost“, sagte Cramon Morgenpost Online. Das betreffe sowohl den Breitensport als auch den Spitzensport. Die Vorstände von Vereinen dürften nicht von Rechtsextremen unterwandert werden. Und es müsse Möglichkeiten geben, diese Personen mit rechtsextremem Gedankengut aus den Sportvereinen auszuschließen. Cramon: „Wir müssen uns mit vereinten Kräften gegen Rechtsextremismus im Sport stemmen.“

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