Gegendemonstration

Krawall in Hamburg-Wandsbek - Neonazi-Gegner legen Feuer

10.000 Menschen demonstrieren friedlich gegen Neonazi-Aufmarsch - und dann greifen Linksextremisten in Wandsbek die Polizei an.

Im Zusammenhang mit einem Aufmarsch von Neonazis ist es in Hamburg zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Linksextremisten und der Polizei gekommen. Zunächst hatten tausende Menschen in der Innenstadt friedlich gegen den Rechtsextremisten-Aufzug protestiert. Im Stadtteil Wandsbek, wo die Rechtsextremen nach einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts am Samstagmittag marschieren durften, eskalierte dann aber die Gewalt.

19 Polizisten wurden verletzt, wie eine Polizeisprecherin sagte. Zwölf Gegendemonstranten vor allem aus der linken Szene wurden nach Straftaten festgenommen und 63 Menschen in Gewahrsam genommen. Rund 700 Rechtsextreme waren von 12 Uhr bis 17.30 Uhr nach einer Genehmigung durch das Verwaltungsgericht die Pappelallee entlang marschiert.

Noch bevor die Neonazis, deren Anreise von der Polizei gesichert wurde, Wandsbek erreichten, hatten Gegendemonstranten Beamte mit Steinen und Böllern angegriffen. Die Täter hätten zur linken Szene gehört. Daraufhin kreisten Polizisten eine Gruppe von 500 bis 700 Teilnehmern ein und nahm sie in Gewahrsam, um Personalien aufzunehmen. Es wurden Verfahren wegen schweren Landfriedensbruchs eingeleitet.

Barrikaden und Fahrzeuge angezündet

Ein Augenzeuge sagte, durch Wandsbek ziehe sich eine Schneise der Verwüstung. Gegner der Neonazis hatten Barrikaden und Fahrzeuge rund um den Eilbeker Weg in Brand gesteckt. Dort wollten der Polizei zufolge rund 700 Rechte entlang marschieren.

Andere Gegendemonstrationen lösten sich in kleine Gruppen auf, die unkontrolliert durch die Straßen Wandsbeks zogen. Bis zu 3000 Menschen waren es der Polizei zufolge. „Die Lage ist sehr unübersichtlich“, sagte die Sprecherin. Mit einem Polizeihubschrauber versuchten die Beamten, den Überblick von oben zu behalten.

Insgesamt waren in Hamburg fast 4.500 Polizisten im Einsatz, davon 2.400 aus anderen Bundesländern und von der Bundespolizei. Das Ausmaß der Ausschreitungen war deutlich größer als die jährlich wiederkehrenden Maikrawalle vor einem Monat.

"Kleine Gruppe aus der linken Szene"

Das „Hamburger Bündnis gegen Rechts“ warf der Polizei ein zu hartes Vorgehen gegen die friedlichen Sitzblockaden vor. „Es wurden Pfefferspray und Wasserwerfer eingesetzt, und die Reiterstaffel ritt in die Sitzenden direkt hinein“, hieß es in einer Erklärung. Zudem hätte die Polizei den Neonazi-Aufmarsch beenden können, so das Bündnis. Die Polizeisprecherin wies die Vorwürfe zurück. „Wir mussten eine Ausweichroute anbieten, um das Grundrecht der Versammlungsfreiheit zu gewährleisten“, sagte sie. Auch den Einsatz von überzogener Polizeigewalt wollte sie nicht bestätigen.

Die Hamburger Polizei ihrerseits verurteilte die Gewalt „einer kleinen Gruppe aus der linken Szene“, die nicht repräsentativ für die weitgehend friedlichen Proteste gewesen sei. Viele der verletzten Polizisten hätten Knalltraumata durch zu nah am Ohr explodierte Böller erlitten.

Aufmarsch-Route muss geändert werden

Bereits in der Nacht hatten Brandstifter elf Polizeifahrzeuge auf dem Parkplatz eines Hamburger Hotels angezündet, wo für den Einsatz zugereiste Beamte schliefen. Die Täter entkamen unerkannt. Am Vormittag dann trafen sich Tausende Gegner der Rechtsextremen im Bezirk Wandsbek. „Unsere primäre Aufgabe ist es, die Rechten und die Gegendemonstranten voneinander zu trennen“, sagte die Polizeisprecherin.

Am Mittag hatten die Neonazis ihren zentralen Kundgebungsplatz an der Pappelallee erreicht. Mit Sitzblockaden versperrten ihnen Hunderte Gegendemonstranten die geplante Route über den Eilbeker Weg. Die Polizei trug einige Blockierer weg und ging mit Wasserwerfern gegen sie vor. Doch der Widerstand war zu groß: Die Polizei änderte die Route der Rechten in Richtung Pappelallee. „Es waren einfach zu viele Gegendemonstranten am Eilbeker Weg“, sagte die Polizeisprecherin.

Tausende demonstrieren friedlich in der Innenstadt

In der Innenstadt hatten Tausende friedlich gegen die Rechtsextremisten demonstriert. Am Morgen gab es eine Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) mit Polizeiangaben zufolge 3.000 Teilnehmern und eine Kundgebung des vom Senat unterstützten Bündnisses „Hamburg bekennt Farbe“ auf dem Rathausmarkt. Nach Polizeiangaben versammelten sich dort 10.000 Menschen.

In einer Rede während der Kundgebung sprach Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) von der „Ankunftsstadt“ Hamburg – deren Vielfalt sei „ein Schatz“, der „gegen Intoleranz, Ressentiment und Rassismus“ verteidigt werden müsse. Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) würdigte das übergreifende Engagement gegen den Rechtsextremismus. „Hier auf dem Rathausmarkt demonstriert die Stadt. Das ist einmalig“, sagte er. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs sagte: „Wer gegen Menschenwürde handelt, handelt gottlos. Rechtsextremes Gedankengut ist mit keiner unserer Religionen vereinbar. Unsere Unterschiede sind eine Kraft, mit der wir allen Einheitsideologien entgegen treten können – und als Christin möchte ich es auf den Punkt bringen: Unser Kreuz hat keine Haken!“