Seine Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg wird Christian Lindner künftig nur noch selten sehen. Der Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen FDP, erst 2009 in die Bundeshauptstadt gezogen, hat seinen Lebensmittelpunkt künftig wieder in Düsseldorf. Dort wird er die liberale Fraktion anführen, die bei der Wahl im bevölkerungsreichsten Bundesland erneut den Einzug in den Landtag schaffte. Als ein „liberales Leuchtfeuer“ wertete er das Ergebnis. „Wir haben hier der rot-grünen Schuldenpolitik nicht zugestimmt“, sagte Lindner. Die Fraktion habe sich dem Verschuldungskurs verweigert und stattdessen lieber eine Neuwahl in Kauf genommen. Prinzipienfestigkeit in der Politik sei keine Dummheit. Prinzipienfestigkeit sei Ausdruck von Tugend und Charakter.
Die Entzündung seines Leuchtfeuers war noch vor wenigen Wochen keinesfalls absehbar. Als die FDP-Abgeordneten dem von der rot-grünen Minderheitsregierung eingebrachten Haushalt im März die Zustimmung verweigerten, taxierten die Meinungsforscher die freidemokratische Partei noch bei zwei Prozent. Dass es nun deutlich mehr wurden, ist vor allem Lindners Verdienst. In dem nur acht Wochen währenden Wahlkampf gelang dem erst 33 Jahre alten Politiker eine bemerkenswerte Aufholjagd. Mit seinem Redetalent und beharrlichem Werben für solide Haushalts-, vernunftgeleitete Industrie- und diversifizierte Schulpolitik stabilisierte er die angeschlagenen Liberalen nicht nur, sondern führte sie zu einem der besten Ergebnisse in der Geschichte des Bundeslandes. Hilfreich war dabei nach Meinung vieler Freidemokraten auch das irrlichternde Auftreten des CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen, der dem bürgerlichen Lager nahestehenden Wählern nur eine schwache Alternative bot.
Aus Düsseldorf Einfluss in Berlin nehmen
Obwohl Lindner nun nach dem Posten als Generalsekretär der Bundespartei auch sein Mandat als Bundestagsabgeordneter aufgeben will, wird er in Berlin weiter eine einflussreiche Rolle spielen: Als Vorsitzender und Fraktionschef des größten Landesverbandes hat sein Wort in der Bundes-FDP künftig Gewicht – mehr noch als das von Wolfgang Kubicki, der die FDP am vorigen Wochenende in Schleswig-Holstein ebenfalls wieder in den Landtag führte.
Denn der Wahlerfolg des 60-jährigen Kubicki stand am Ende einer langen politischen Karriere; Lindner dagegen gilt bei einflussreichen Liberalen als Hoffnungsträger für die kommenden Jahre. Allen voran hatte ihn der Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher vorige Woche in der Berliner Morgenpost als „Mann der Zukunft“ ausgerufen, was durchaus bundespolitisch von ihm gemeint war. Im „Focus“ legte Genscher jetzt noch einmal nach. „Christian Lindner ist nicht nur ein Repräsentant des neuen Denkens und einer neuen FDP, er repräsentiert mit seinem Stil eine neue Politikergeneration“, sagte der parteiintern noch immer mächtige Ehrenvorsitzende. Lindner könne jüngere, ältere und Nichtwähler an die Wahlurne bringen.
"Es kommt immer auf die Glaubwürdigkeit an“
„Die Lehre aus Kiel und Düsseldorf für die FDP lautet: Es kommt immer auf die Glaubwürdigkeit an“, sagte die stellvertretende Parteivorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. „Die FDP von Christian Lindner ist so erfolgreich, weil sie auf Glaubwürdigkeit, Eigenständigkeit und liberale Erkennbarkeit setzt.“ Und der Fraktionschef der Liberalen im Bundestag, Rainer Brüderle, schließlich stellte fest: „Das ist ein großartiger Erfolg für Christian Lindner und die ganze FDP.“
Vergleichbare Lobeshymnen mag auf den mit 39 Jahren nur unwesentlich älteren Bundesvorsitzenden Philipp Rösler niemand mehr anstimmen. Im Gegenteil. Am Sonnabend, beim Landesparteitag der hessischen Liberalen, leistete sich Brüderle einen nur leidlich verbrämten Seitenhieb auf Rösler. „Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche“, rief der Rheinland-Pfälzer den hessischen Delegierten zu. „Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr.“ Rösler hatte seinen Politikstil bei seinem Amtsantritt im Mai 2011 so beschrieben: „Der Bambus wiegt sich im Wind und biegt sich im Sturm, aber er bricht nicht.“
Was die Wahl für Rösler bedeutet
Röslers Generalsekretär Patrick Döring jedenfalls sah sich veranlasst, Mutmaßungen zurückzuweisen, der angeschlagene FDP-Chef könnte nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen von seinem Amt zurücktreten. „Ich halte das für völlig abwegig, es gibt dafür keinen Grund“, sagte Döring. Mit seiner „breit angelegten Wachstumsoffensive“ gebe Rösler der deutschen Wirtschaft wie auch der Partei „eine Erfolgsgrundlage, die langfristig wirkt“. Das mit der Langfristigkeit aber ist so eine Sache: Führende Liberale werden nicht müde zu betonen, dass sich die Ergebnisse aus Kiel und Düsseldorf bald auch im Bund widerspiegeln müssten.
Immerhin bis zur nächsten Wahl scheint Rösler weitermachen zu dürfen. Im Januar 2013 schreiten die Niedersachsen an die Urne. Das ist Röslers Heimatland. Dort wird er zeigen müssen, dass auch er Wahlen gewinnen kann. Denn wenig später steht ein Bundesparteitag an – mit der Neuwahl des Vorsitzenden.


