NRW-Wahl

Norbert Röttgen reißt die 30-Prozent-Hürde

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Robin Alexander

Foto: REUTERS

Vom Sieg mochte bei der NRW-CDU zum Ende hin kaum mehr jemand sprechen - allenfalls von der 30-Prozent-Latte. Röttgen riss sie.

Das Endspiel von Norbert Röttgen hat genau eine Stunde vor Schließung der Wahllokale begonnen. Während man in Nordrhein-Westfalen noch seine Stimme für den CDU-Kandidaten abgeben konnte, eröffnete dieser schon die Sitzung, in der es um seine Zukunft nach der Landtagswahl gehen sollte. In der Parteizentrale an der Düsseldorfer Wasserstraße saßen die CDU-Verantwortlichen geschockt zusammen: der geschäftsführende Landesvorstand, also die engste Parteiführung, und – wichtiger – die Bezirksvorsitzenden aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Röttgen wollte den Menschen, die über seine Zukunft entschieden, in die Augen sehen.

Aber gab es überhaupt noch viel zu entscheiden? Schon nach dem verpatzten Wahlkampfauftakt, als sich Röttgen geweigert hatte, zu erklären, er käme in jedem Fall nach Nordrhein-Westfalen, hatte niemand mehr an einen Sieg geglaubt. Ein motivations- und emotionsloser Wahlkampf raubte dann die Hoffnung, sich als Juniorpartner in eine große Koalition zu retten. Zuletzt sprachen Christdemokraten nur noch von der 30-Prozent-Latte. Röttgen riss sie.

Röttgen zeigt in der Niederlage Haltung

In der Niederlage aber zeigte er Haltung. Nur wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale trat er vor die Kameras, nannte die Niederlage „bitter“ und „eindeutig“ und übernahm die volle Verantwortung dafür: „Der Wahlkampf war auf mich zugeschnitten in den Themen, den Inhalten und im Stil.“ Ein Parteitag solle in einem Monat einen neuen Landesvorsitzenden wählen.

Viele hatten ihn vorher gewarnt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sogar ihre Leute gegen Röttgen Front machen lassen, als dieser vor knapp zwei Jahren nach dem Landesvorsitz griff, der ihm die tragische Kandidatur einbrachte. Damals hatte der Wirtschaftsflügel Röttgens Plan einer Urwahl unterstützt. Heute ist kaum einer enttäuschter über Röttgen als diese ehemaligen Helfer. Als Gegnerin nahm Röttgen die SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft viel zu spät ernst. Er maß sich lange an einer anderen Frau: an Merkel, zu deren engstem operativem Kreis, der sogenannten Morgenlage im Kanzleramt, Röttgen einige Jahre Zugang hatte. Dort sei er mit eigenen Gedanken aufgefallen, hieß es anerkennend. „Muttis Klügster“ nannten ihn Neider.

Merkel entscheidet über Röttgens Karriere

Irgendwann war die Nähe aber nicht mehr gar so nah. Röttgen wünschte sich jetzt Diskussionskultur und Sinnzusammenhänge für die CDU. Richtete hier jemand einen Scheinwerfer auf Merkels Schwächen? Nach dem Abgang von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war die Stelle des Reservekanzlers in der Union vakant. Zuhörer gewannen den Eindruck, „Muttis Klügster“ halte sich für klüger als Mutti.

Acht Wahlkampfwochen später ist es Merkel, die entscheidet, welche Reste seiner Karriere Röttgen retten darf und wer die Ämter erbt, die er verliert. Diesmal wollen sich ihre Leute das Spiel nicht wieder aus der Hand nehmen lassen: Da ist einmal Peter Hintze, Staatssekretär, Chef der großen Gruppe der nordrhein-westfälischen Parlamentarier im Bundestag und – in diesem Kontext am wichtigsten – Strippenzieher im einflussreichen Leichlinger Kreis. Er trat am Wahlabend als erster CDU-Politiker überhaupt vor die Kameras. Dann gibt es Ronald Pofalla, Kanzleramtschef, Bezirksvorsitzender am Niederrhein, der Röttgen immer schon für medial grotesk überschätzt hielt. Außerdem Hermann Gröhe, Generalsekretär in Berlin, und Herbert Reul, oberster Christdemokrat im Europaparlament und Bezirksvorsitzender im Bergischen Land.

Um den Landesvorsitz wird jetzt gepokert

Bei diesen Männern, nennt man sie einmal die Merkel-Rheinländer, hatte sich schon in der vergangenen Woche die Erkenntnis durchgesetzt, dass Röttgen bei schlechtem Ergebnis als Landesvorsitzender gehen muss. Der Kandidat der Merkel-Rheinländer ist Armin Laschet. Doch der Aachener, der einst als nordrhein-westfälischer Integrationsminister überregionale Aufmerksamkeit genoss, hat einen Konkurrenten: Karl-Josef Laumann, Fraktionsvorsitzender im Landtag und Vorsitzender der Christdemokratischen Arbeitnehmer. Auch er könnte nach dem Landesvorsitz greifen. Damit er es nicht tut, wollen ihn die Merkel-Rheinländer wegloben: nach Berlin. Hat er nicht auf dem letzten CDU-Parteitag als „Vater des Mindestlohns“ einen tollen Auftritt gehabt?

Doch Merkel ließ sich nicht in die Karten schauen, und so haben die Freunde von Laschet bisher noch kein konkretes Angebot für Laumann. Der flirtete in den vergangenen Tagen mit der Idee, „den Hut in den Ring zu werfen“, und verbarg solche Überlegungen auch nicht ernsthaft. Vor zwei Jahren hielt er sich noch für ungeeignet, Spitzenkandidat zu werden. Hat er seine Meinung über sich selbst im Lichte jüngster Erfolge (Mindestlohn) geändert? Oder will er nur den Preis für einen Verzicht nach oben treiben? Laumann ist sozialer, aber auch konservativer als Laschet, der ein liberal-großstädtisches Publikum anzieht. Laschets Engagement für das Recht von Muslimen, Moscheen zu bauen, kommt nicht überall in der CDU gleich gut an. Entschieden werden muss das Duell um die Nachfolge spätestens am Dienstag: Dann wird der neue Fraktionsvorsitzende gewählt. Vor zwei Jahren besiegte Laumann Laschet mit 34:32 Stimmen.

Und Röttgen? Für den Posten des Oppositionsführers in Düsseldorf ist das Ergebnis zu schlecht. Bleibt das Bundesumweltministerium. Hier könnte ihn nur Merkel entfernen. Die aber scheut Kabinettsumbildungen. Und sie mag kluge Männer – wenn sie wissen, wo ihr Platz ist.

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