Bundestagspläne

Warum wollen Sie nach Berlin, Frau Müntefering?

| Lesedauer: 7 Minuten
Miriam Hollstein

Foto: Catrin Moritz

Im ersten großen Interview nach ihrer Hochzeit mit Franz Müntefering spricht seine Frau Michelle über ihre Bundestags-Pläne und ihre Ehe.

Streng wirkt sie, mit der Bluse und dem hochgesteckten Haar. Doch der Eindruck täuscht: Beim Treffen in einem Kaffeehaus in ihrem Heimatort Herne lacht Michelle Müntefering viel. Im ersten großen Interview nach ihrer Hochzeit mit SPD-Politiker Franz Müntefering (74) erzählt die 32-Jährige, wie man mit einer politischen Legende lebt.

Morgenpost Online: Frau Müntefering, wann kam Ihnen die Idee, für den Bundestag zu kandidieren?

Michelle Müntefering: Der Gedanke tauchte erstmals nach der Bundestagswahl 2009 auf. Damals hat Gerd Bollmann, der SPD-Abgeordnete für Herne-Bochum angekündigt, dass er 2013 nicht mehr kandidieren will.

Morgenpost Online: Was hat Ihr Mann dazu gesagt?

Michelle Müntefering: Er hat gesagt, dass er mich unterstützt. Und dass er auch so angefangen hat: in der Kommunalpolitik, auch in meinem Alter! Er ist mit 35 Jahren das erste Mal in den Bundestag gekommen.

Morgenpost Online: Ist der Name Müntefering in dieser Situation ein Vor- oder ein Nachteil?

Michelle Müntefering: Ich weiß, dass manche so oder so darüber reden. Aber ich bewerbe mich ja bei den Delegierten in Herne. Die kennen mich seit fast 15 Jahren. Da spielt es keine Rolle, wie ich heiße.

Morgenpost Online: Hatten Sie vor der Hochzeit erwogen, Ihren Mädchennamen zu behalten?

Michelle Müntefering: Jeder denkt doch bei der Heirat darüber nach. Für mich ist der gemeinsame Name ein Zeichen dafür, dass man eine Familie ist. Wäre ja auch komisch gewesen, wenn Franz meinen Namen angenommen hätte!

Morgenpost Online: Herne ist eine SPD-Hochburg, das Ticket nach Berlin gilt als sicher. Aber Sie müssen sich erst gegen eine andere Bewerberin durchsetzen.

Michelle Müntefering: So ist das in einer Demokratie! Jeder, der möchte, kann sich bewerben. Wir sind beide erfahrene Kommunalpolitikerinnen. Die Delegierten entscheiden, wer die bessere Vertreterin für Herne-Bochum in Berlin ist.

Morgenpost Online: Haben Sie politische Vorbilder?

Michelle Müntefering: Es gibt in der Geschichte der SPD viele beeindruckende Persönlichkeiten. Etwa jede und jeder Einzelne, die 1933 gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben.

Morgenpost Online: Und vom Stil her?

Michelle Müntefering: Manchmal versöhnen, wie Johannes Rau. Manchmal hart bleiben, wie Herbert Wehner.

Morgenpost Online: Nicht Ihr Mann?

Michelle Müntefering: Natürlich habe ich von ihm gelernt. Zum Beispiel, die richtigen Fragen zu stellen. Franz ist ein Zwiebelschäler: Er pellt die Dinge nach und nach auseinander, bis er zum Kern vorgedrungen ist. Dann stellt er die richtige Frage. In der Politik ist das viel wert.

Morgenpost Online: Sie sind wie Hannelore Kraft im Ruhrpott aufgewachsen. Gibt es einen gemeinsamen Stil?

Michelle Müntefering: Ja. Klare Kante.

Morgenpost Online: Das heißt?

Michelle Müntefering: Nicht um den heißen Brei rumreden, das Kind beim Namen nennen und so sprechen, dass Menschen Politik verstehen. Ich bin mit Hannelore Kraft seit 2004 gemeinsam im Landesvorstand, und ich kann sagen: Das trifft auf sie zu hundert Prozent zu.

Morgenpost Online: Gab es für Sie ein politisches Schlüsselerlebnis?

Michelle Müntefering: Zum Beispiel die Bundestagswahl 1998. Es war, als ob Deutschland aus einem politischen Tiefschlaf erwacht. Ich war gerade 18, durfte das erste Mal wählen. Einige Schulkameraden waren bei den Jusos und haben mich dann einfach mitgenommen. Dann bin ich dabei geblieben.

Morgenpost Online: Ihr Vater ist Kleinunternehmer. Da ist die SPD-Karriere nicht vorgezeichnet.

Michelle Müntefering: Ja, mein Vater hat einen kleinen Rohrsanierungsbetrieb in Herne. Bei uns zu Hause wurde nicht viel über Politik gesprochen. Wenn ich über den damaligen Kanzler Kohl geschimpft habe, sagte mein Vater immer: „Das ist immer noch der Herr Doktor Kohl.“ Und ich habe schon damals gedacht: Es kommt nicht auf das Alter oder auf den Doktortitel an, ob jemand recht hat. Sondern auf das konkrete Handeln. Das hat mich auch zu den Sozialdemokraten geführt. Dort gilt der Grundsatz: Die Menschen sind nicht gleich, aber alle sind gleich viel wert.

Morgenpost Online: Wie reagierten Ihre Eltern, als Sie in die SPD gingen?

Michelle Müntefering: Begeisterung sieht anders aus. Rechtfertigen musste ich mich schon. Aber das ist Vergangenheit. Heute reden wir vernünftig miteinander – auch über Politik.

Morgenpost Online: Was sind Ihre Ziele, wenn Sie es in den Bundestag schaffen?

Michelle Müntefering: Ich habe mir drei Schwerpunkte vorgenommen: Als Kommunalpolitikerin will ich mich für die Zukunft der Kommunen einsetzen. Die Städte im Ruhrgebiet brauchen dringend Hilfe. Sie haben jahrzehntelang dafür gearbeitet und bezahlt, dass der Süden des Landes auf die Beine kam. Jetzt brauchen unsere Städte Unterstützung. Hilfen dürfen nicht nach Himmelsrichtung gegeben, sondern müssen nach Bedürftigkeit verteilt sein. Das geht über den Länderfinanzausgleich oder Sonderprogramme. Und – eventuell in einer neuen Föderalismuskommission – müssen die Beziehungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen neu definiert werden. Das Kooperationsverbot muss weg. Außerdem will ich mich für einen besseren Verbraucherschutz und das Miteinander der Generationen einsetzen. Das Betreuungsgeld ist da absolut kontraproduktiv.

Morgenpost Online: Manch Kritiker wirft Ihnen vor, Sie hätten noch nie richtig gearbeitet.

Michelle Müntefering: Das ist Quatsch. Ich habe während der Schulzeit eine Ausbildung zur Kinderpflegerin gemacht. Nach dem Abitur habe ich dann Journalismus und PR studiert, für Verbände gearbeitet und ein Zeitungsvolontariat gemacht und war dann auch wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Franz Müntefering.

Morgenpost Online: Wie ist es, mit jemandem zu leben, den die SPD als Ikone feiert?

Michelle Müntefering: Ikonen betet man an. Das wäre vielleicht etwas übertrieben (lacht). Ich schätze Franz natürlich als Politiker, aber ich stelle mir nicht täglich die Frage, wie sich der Mantel der Geschichte um meinen Ehemann legt. Da geht's eher um die Frage, wer den Müll rausbringt.

Morgenpost Online: Reden Sie zu Hause viel über Politik?

Michelle Müntefering: Natürlich. Nicht über Details, aber generell. Oft reißen wir uns auch Artikel aus Zeitungen aus und legen sie uns gegenseitig auf den Schreibtisch.

Morgenpost Online: War der Altersunterschied ein Thema für Sie?

Michelle Müntefering: Nie wirklich. Ich weiß, dass das für manche ein Thema ist. Aber ob man jemanden mag, entscheidet sich an so vielen Sachen und so wenig am Alter. Ich finde die Frage überschätzt.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos