Aktenfund

Wallraffs "Ganz unten": Schrieb die Stasi mit?

Neu aufgetauchte Akten lassen den Bestseller des Schriftstellers über Ausländerfeindlichkeit in einem zweifelhaften Licht erscheinen.

Foto: kiepenheuer und witsch

Langley (Virginia), 1993: Es regnet, der Wind weht steif an diesem Frühlingsmorgen, der Himmel ist verhangen. Ein grauhaariger Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd geht durch den Empfangssaal, seine Schritte hallen, als er über das große Siegel mit dem Weißkopfseeadler schreitet.

Central Intelligence Agency steht darunter, CIA, einer der mächtigsten Geheimdienste der Erde. Alles, was die Regierung der USA aus dem Ausland wissen muss, wird von Tausenden Agenten weltweit hierhergebracht und ausgewertet. Vieles bleibt geheim.

Der Gast an diesem Morgen im April kommt aus Deutschland, und auch er zählt im Nachrichtendienstgeschäft zu den wichtigsten Männern. Bernd Schmidbauer, 53 Jahre alt, ist der Geheimdienstkoordinator der Regierung Helmut Kohl (CDU). Seine Mission ist eine der heikelsten und schmerzlichsten der Nachkriegszeit für die deutsch-deutsche Geschichte.

Die CIA hatte in den Jahren nach dem Mauerfall eine Liste erbeutet, die die Bundesrepublik in den kommenden Jahrzehnten sehr beschäftigen wird. Es ist die Liste, auf der die Namen aller Spione des DDR-Auslandsgeheimdienstes zusammengefasst sind, die noch kurz vorm Mauerfall aktiv waren.

Auch diejenigen, die als Bundesbürger für die Abteilung des legendären Spionagechefs Markus Wolf gearbeitet haben. Deutschland will diese Liste haben, und Schmidbauer soll sie holen. Die Männer und Frauen entlarven, die die Vorzüge der Bundesrepublik genossen und gleichzeitig der Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang konspirativ zu Diensten waren. Helmut Kohl vertraut in solchen Angelegenheiten nur seinem Mann fürs Geheime.

Schmidbauer wird in diesen Tagen wichtige Vertreter des US-Auslandsnachrichtendienstes treffen. Die CIA ist in einer komfortablen Situation. Während in Deutschland nach der Wende fast alle Akten der Auslandsspionage-Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vernichtet wurden, sicherten sich die Amerikaner eine der wichtigsten Dateien mit den mikroverfilmten Karteien.

Der Plan beider deutschen Regierungen, das Kapitel Spionage für alle Ewigkeit im Schredder zu schließen, schlug fehl. Peinlich für die Bundesrepublik, dass sie über die Agenten so gut wie nichts wusste, deren Wirken in der CIA-Zentrale in Langley bis ins kleinste Detail analysiert wurde.

Deckname „Wagner“

Die Zeit sitzt Schmidbauer bei seinem Besuch im Nacken. Denn in Deutschland verjährt der Straftatbestand der „geheimdienstlichen Agententätigkeit“ nach fünf Jahren. Bonn will die Verräter zur Rechenschaft ziehen. Und vorbauen – denn es ist nicht auszuschließen, dass die CIA versuchen wird, Stasi-Agenten zu „drehen“, also zu erpressen, um sie für eigene Interessen zu nutzen.

Schließlich stimmen die Amerikaner zu, den Deutschen winzige Einblicke zu gewähren. Schmidbauer darf eine Delegation aus hochrangigen Mitarbeitern des Bundesnachrichtendienstes und des Bundesamtes für Verfassungsschutz zusammenstellen, die die wichtigsten Dateien der bis zuletzt aktiven IM abschreiben können. Eine mühsame Arbeit.

Die Aktion wird später unter dem Namen „Rosenholz“ bekannt. Sie führte mit zur Enttarnung hochkarätiger Ost-Agenten, die es in die sensibelsten Bereiche wie Militär, Politik, Medien und Wissenschaft gebracht hatten.

In eben jenen Dateien steht auch der Name eines der bekanntesten Journalisten der Bundesrepublik: Günter Wallraff. Das wurde allerdings erst gut zehn Jahre später bekannt, als es die Tageszeitung „Die Welt“, die wie die Berliner Morgenpost im Verlag Axel Springer erscheint, enthüllte.

Damals, 2003, hatte Amerika die letzten Datenträger gerade an die Behörde für die Unterlagen der Staatssicherheit übergeben. Und nach einem anfänglichen Dementi musste die Behörde bestätigen, dass Wallraff dort in der IM-Kategorie „A-Quelle“ (Abschöpfquelle) mit dem Decknamen „Wagner“ auftaucht. Hinweise auf eine aktive Tätigkeit als IM „Wagner“, hieß es in der damaligen Pressemitteilung schließlich, „liegen für den Zeitraum 1968 bis 1971 vor“.

Ein Schock. Wochenlang wurde anschließend in der Öffentlichkeit die Frage diskutiert, ob der kritische Journalist bei seinen Aktionen an der langen Leine des ostdeutschen Geheimdienstes gelaufen war. Günter Wallraff galt schließlich als der Enthüllungsautor, der sich für Unterdrückte engagierte und Missstände aufdeckte. Eine Ikone des bundesrepublikanischen Journalismus.

Und seine Art der Recherche, andere Identitäten anzunehmen, sich bei Industriebetrieben als Arbeiter anstellen zu lassen, als Türke Ali bei verschiedenen Firmen oder als „Hans Esser“ bei der „Bild“-Zeitung einzuschleichen, hatte ihm auch internationale Anerkennung eingebracht.

Sein Buch „Ganz unten“, das Menschenrechtsverletzungen und Ausländerfeindlichkeit in der Bundesrepublik der frühen 80er-Jahren an den Pranger stellte, hatte sich allein in Deutschland mehr als vier Millionen Mal verkauft und war in mehr als 30 andere Sprachen übersetzt worden.

Wallraff ist für viele immer noch ein journalistisches Vorbild. Trotz des Verdachtes einer Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, der schon Anfang der 90er-Jahre zum ersten Mal aufgekommen war, durch Artikel in den Zeitschriften „Focus“ und „Super“. Und sogar trotz der Aufdeckung von 2003, die um die Erwähnung Wallraffs in den Rosenholz-Dateien kreiste und kaum mehr Zweifel an seiner Nähe zur DDR-Staatssicherheit ließ.

Tatsächlich gibt es nun Hinweise, die diese Nähe einmal mehr bestätigen. Sie stammen aus zahlreichen Akten und Unterlagen, die jahrzehntelang in den Archiven der Stasi-Unterlagen-Behörde verborgen lagen. Sie lassen nicht nur Wallraffs Verhältnis zur DDR und deren Staatssicherheitsdienst in einem sehr zweifelhaften Licht erscheinen, sondern auch und vor allem – ausgerechnet – das erfolgreichste Buch des Autors: seinen Bestseller „Ganz unten“. Und sie legen nahe, dass es bei Weitem nicht nur um den „Zeitraum von 1968 bis 1971“ geht.

Berlin, 1975. Günter Wallraff ist einer der bekanntesten investigativen Journalisten der Bundesrepublik. Seine Reportage über seine Erfahrungen als Arbeiter in deutschen Großbetrieben hat ihn berühmt gemacht.

Im Jahr zuvor hat er über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus Aufsehen erregt, als er sich im Protest gegen die griechische Militärdiktatur in Athen an einen Laternenpfahl kettete und anschließend verhaftet wurde. Das entsprechende Buch erscheint nun.

Ein Konzern, in dem Wallraff zwei Monate als Bote gearbeitet hatte, strengt gerade einen Prozess gegen den Autor an. Und die HVA – die Hauptverwaltung Aufklärung, also der Auslandsnachrichtendienst der DDR, Abteilung X „Aktive Maßnahmen“ –, bei der Wallraff als IM „Wagner“ verzeichnet ist, beschäftigt sich mit dem Umfeld des Autors, auch dem privaten.

Zu dem gehört offenbar auch ein wichtiger weiblicher IM mit dem Decknamen „Hajo“. Nach den vorliegenden Unterlagen hat „Hajo“ eine beginnende Beziehung zu dem West-Schriftsteller.

Just als die Sache ernster wird, beginnt sich die Abteilung X für die Frau zu interessieren, das geht aus einem Bericht in ihrer Stasi-Akte hervor. Der Staatssicherheitsdienst drängt sie dazu, die Beziehung zu beenden. Er will offenbar unter keinen Umständen eine Ost-West-Beziehung von zwei als IM geführten Personen zulassen.

„Es wird vorgeschlagen, auf die IM dahingehend einzuwirken, den Kontakt zu W. zu beenden, in dem sie auf den lockeren Lebenswandel von W. und der zu erwartenden Enttäuschung hingewiesen wird.“ An anderer Stelle wird ergänzt: „Zusätzlich wurde durch die Abteilung X bekannt, dass Hajo sich mit … trägt und von ihrer Arbeitsstelle vor die Alternative gestellt wurde, entweder die Beziehung zu W. zu lösen oder aus dem Palast der Republik auszuscheiden.“ Dort war IM „Hajo“ hauptberuflich beschäftigt.

Die Stasi kommt im Dezember 1975 zu dem Ergebnis, vorerst die Zusammenarbeit mit „Hajo“ zu beenden. Dafür werden verschiedene Punkte genannt. Einer von ihnen: „Drittens sei ihre selbst gewählte Bindung zu dem westdeutschen Schriftsteller Wallraff eine operativ hemmende Verbindung, die Probleme unserer Zusammenarbeit aufwirft, die vorerst unlösbar erscheinen.“

Sollte hier ein nachrichtendienstliches Juwel geschützt werden? Befürchtete die Stasi, dass der Kontakt zu „Hajo“ ihre Beziehung zu Wallraff beeinflussen könnte? Die ehemalige IM „Hajo“ möchte sich heute nicht dazu äußern. „Mein damaliger Kontakt zu Herrn Wallraff war eine absolut persönliche Sache“, sagt sie. Eine Privatangelegenheit, über die sie nicht spreche.

Wallraff selbst hatte aber offenbar in diesen Jahren weitgestreute Interessen. Denn aufgetaucht ist auch ein Brief vom Leiter der Stasi-Hauptabteilung XX an den Chef der für Desinformation zuständigen Abteilung HVA X, der ebenfalls im Archiv der Behörde lag und jetzt erstmals an die Öffentlichkeit kommt.

In dem Schreiben vom 31. März 1981 wird Bezug genommen auf Wallraff, der auch dort als „erfasst für HVA X“ genannt wird. Es geht um eine Information, die ein IM mit dem Decknamen „Herbert Hildebrandt“ – ein Bezirksverordnetenvorsteher aus Berlin-Charlottenburg – erfahren haben will.

Der IM will damals von einem britischen Agenten gehört haben, dass sich Wallraff einige Jahre zuvor beim US-Geheimdienst CIA beworben habe, was allerdings abgelehnt worden sei. Der ehemalige Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer, der Mann also, der damals in Virginia die Abschrift der „Rosenholz“-Dateien anstieß, findet diesen Aktenfund sehr interessant. „Warum sollten sich zwei wichtige Abteilungsleiter des Ministeriums für Staatssicherheit im Jahr 1981 miteinander über Günter Wallraff verständigen, wenn er für sie keine operativ wichtige Rolle spielte?“

Aber es ist nicht nur die sehr wahrscheinliche Nähe zu Geheimdiensten, die vermuten lässt, dass Wallraff ein eher freundschaftliches Verhältnis zur DDR hatte. Einige Jahre später, im Frühjahr 1987, fuhr er mit seinem berühmten Buch „Ganz unten“ auf Lesereise in die DDR.

Dabei war er etwa Ende März im Suhler Kulturhaus „7. Oktober“ zu Gast, wo er in einem Podiumsgespräch das Buch und den dazugehörenden Film vorstellte. Die DDR-Zeitung „Freies Wort“ war damals durchaus angetan vom Besuch: „Erste Station der Lesereise Günter Wallraffs durch einige Städte dieser Republik war diese Woche Suhl. Wie wir bereits berichteten, fand das Podiumsgespräch zu Buch und Film ‚Ganz unten' im Kulturhaus 7. Oktober großes Interesse.“

„Der IM war selbst mit eingesetzt“

Dazu stellte das Blatt auch ein Kurzinterview mit Günter Wallraff zu seinen Eindrücken in der DDR unter der Überschrift „Hier gelten wirkliche Werte des Menschseins“. Wallraff wird darin unter anderem mit folgenden Sätzen zitiert: „Ich möchte zuallererst die wirklichen Werte im Zusammenhang der Menschen nennen. Der Umgang miteinander ist aggressionsfrei, freundlicher als bei uns. Was das Klima bei uns vergiftet, ist hier nicht vorhanden. Diese Werte kann man nicht genug propagandistisch darstellen.“

Bundesrepublik/DDR, 1987. Die Dresdener Auslandsaufklärung der Stasi führt Frank Berger in ihren Unterlagen als IM „Fischer“. In einer Kurzauskunft zu „Fischer“ vom 6. Oktober 1987 heißt es in den Akten: „Im Zusammenhang mit der Herausgabe des Buches Ganz unten im September/Oktober 1985 war der IM innerhalb der Bearbeitung verschiedener Fälle der Arbeit mit Leih-Arbeitern in der BRD selbst mit eingesetzt, bediente sich dabei auch ,wallraffscher' Methoden (Arbeit mit anderen Namen, äußerliche Veränderungen, Arbeit mit Leih-Arbeitsverhältnissen). Er schrieb selbst einige Kapitel dieses Buches.“

Tatsächlich bedankt sich Wallraff in seinem Buch „Ganz unten“ gleich auf den ersten Seiten bei Frank Berger. Und Berger selbst veröffentlichte später das Buch „Thyssen gegen Wallraff – Chronik einer politischen Affäre“.

Er schrieb darin: „Ich habe diese Auseinandersetzung von Anfang an miterlebt, zunächst als ,Betroffener', später als Zeuge und Informant. Seit Februar 1984 – Günter Wallraff befand sich seit einem Jahr in seiner Rolle als Türke Ali – war ich an der Vorbereitung des Buches ,Ganz unten' beteiligt, als juristischer Zeuge auf einer Kölner Großbaustelle und auch einige Wochen bei Thyssen … Denn eines hat die Auseinandersetzung um das Buch ,Ganz unten' ganz sicherlich deutlich gemacht: Kritischen Journalismus brauchen wir heute mehr denn je …“

Und die Staatssicherheit weiß noch mehr zu berichten: „Für Oktober 1987 bis ca. Oktober 1988 will er gemeinsam mit G. Wallraff bei Kiepenheuer und Witsch einen zweiten Teil von ,Ganz unten' herausbringen.“ Es erscheint tatsächlich eine zweite Auflage von „Ganz unten“ mit einer Dokumentation der Folgen, die laut Buch unter Mithilfe Bergers verfasst wurde. Dort wird Berger darüber hinaus auch als juristischer Berater Wallraffs bezeichnet. Laut Stasi-Akte wurde Berger für seine Mitarbeit bei „Ganz unten“ auch bezahlt, von wem, bleibt offen.

Berger hatte bereits 1983 zusammen mit anderen Autoren das Buch „Wenn BILD lügt – kämpft dagegen“ verfasst. Das Vorwort schrieb damals Wallraff. Bereits zu dieser Zeit war Berger laut Stasi-Akten als IM verzeichnet, schon seit einigen Jahren.

1977 soll er demnach bei einem Urlaub mit seiner Frau von einem Stasi-Pärchen angesprochen und ein Jahr später geworben worden sein – zunächst offenbar unter der Legende, dass sie für den Ministerrat der DDR arbeiten würden. In einer internen Stasi-Auskunft aus dem Jahr 1986 heißt es, dass die Stasi den IM „Fischer“ 1978 geworben hatte.

Die Einschätzung des IM fällt durchweg wohlwollend aus: „Fischer hält Konspiration und Geheimhaltung ein, kann mit operativen Legenden arbeiten. Treffdisziplin und Zuverlässigkeit in unpersönlichem Verbindungswesen sind sehr gut ausgeprägt“, steht in der Kurzauskunft von 1986 geschrieben.

Und IM „Fischer“ versteht sein Handwerk offenbar. Dass der Beziehungspartner hier die Stasi war, müsste Berger klar gewesen sein. Den Unterlagen zufolge wurden Verstecke in Zugtoiletten, Geheimschreibmittel, Deckadressen, Chiffre und Geheimcodes eingesetzt. In schwierigen Lagen etwa sollte der IM bestimmte Botschaften übermitteln.

Helmut Müller-Enbergs, einer der wichtigsten Forscher der Stasi-Unterlagen-Behörde und Enthüller der Stasi-Tätigkeit des West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hatte, hat sich ausführlich mit der Ausstattung von Agenten beschäftigt. Vergleicht man seine Erkenntnisse über die Ausstattung von Stasi-Agenten mit nachrichtendienstlichen Hilfsmitteln mit den Unterlagen, die zu IM „Fischer“ vorliegen, so muss man zu dem Schluss kommen, dass IM „Fischer“ alle konspirativen Werkzeuge zur Verfügung standen, die der DDR-Geheimdienst zu bieten hatte.

Wie der Großteil der Spionageakten wurden wohl auch die meisten Unterlagen zu IM „Fischer“ vernichtet. In denen, die überliefert sind, wird allerdings nicht nur seine Zusammenarbeit mit Wallraff beschrieben. Es finden sich auch zahlreiche sehr relevante Informationen zur politischen Landschaft der Bundesrepublik.

Allein in den Morgenpost Online vorliegenden Akten sind mehr als 50 elektronisch überlieferte Berichte von IM „Fischer“ vorhanden, etliche davon so bedeutend, dass sie bis an die Staatsspitze und Erich Honecker weitergereicht wurden.

So lieferte er unter anderem Auffassungen führender SPD-Funktionäre zu der Raketenstationierung in der Bundesrepublik, besonders zum Beschluss des SPD-Parteitages 1979. Außerdem gab IM „Fischer“ Einschätzungen zur Entwicklung des innenpolitischen Kräfteverhältnisses in der Bundesrepublik, Positionen von SPD-Bundestagsabgeordneten zum Treffen Helmut Schmidts mit Erich Honecker und spionierte die Aktivitäten der Jungsozialisten gegen den Verlag Axel Springer aus.

Frank Berger, der heute als Dozent für Journalismus arbeitet, war für eine Stellungnahme trotz mehrfacher Versuche nicht zu erreichen.

Wenn aber ein Mitarbeiter ein mutmaßlicher Top-Spion des DDR-Regimes war – was bedeutet das für den Bestseller „Ganz unten“? Hatte der DDR-Geheimdienst seine Hände mit ihm Spiel bei der Entstehung des Buches – und anderer? Kann es wirklich sein, dass Günter Wallraff nichts davon wusste, mit wem er da zusammenarbeitete? Und in welcher Beziehung stand Günter Wallraff selbst zum MfS, als er „Ganz unten“ veröffentlichte?

Wallraff selbst sagt dazu, es habe mit Frank Berger nie eine publizistische Zusammenarbeit gegeben. Der habe nur für ihn recherchiert. Und vom Stasi-Verdacht gegen Berger habe er keine Kenntnis gehabt. Und er sagt, er habe nie „wissentlich und willentlich“ mit der Stasi zusammengearbeitet. Er sei abgeschöpft worden. Und seine mutmaßliche Bewerbung bei der CIA sei ein „altes Stasi-Gerücht“.

„Rosenholz hat nie gelogen“

Der ehemalige Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer ist sich sicher: „Das Puzzle fügt sich trotz zahlreicher vernichteter Akten zusammen und ergibt eine völlig neue Sicht auf die damalige linke Bewegung in der Bundesrepublik.“ Er bleibt vorsichtig. Und dennoch sind für ihn Wallraffs Erfassung auf der Rosenholz-Datei und dazugehörige Unterlagen ein klares Indiz für eine konspirative Zusammenarbeit mit der DDR-Staatssicherheit: „Rosenholz hat nie gelogen.“

Roland Jahn, Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, sagt: „Die Aufarbeitung des Wirkens der Stasi ist eine gesamtdeutsche Angelegenheit. Selbst die nur lückenhaft vorhandenen Unterlagen zur Westarbeit der Stasi zeigen immer wieder, wie wichtig es der DDR war, auf die westdeutsche Politik in ihrem Sinne Einfluss zu nehmen.“

Dazu habe die Stasi die Hilfe westdeutscher Bürger gesucht und immer wieder auch Helfer gefunden. Für Jahn ist „wichtig, dass die, die beteiligt waren, die als Mitarbeiter der Staatssicherheit oder die unter der Regie der Stasi gehandelt haben, zur Aufarbeitung beitragen und ihre Karten auf den Tisch legen“.

Bad Saarow, 2012. Es regnet, der Wind weht steif an diesem Frühlingsmorgen, der Himmel ist verhangen. Ein grauhaariger Mann im Trainingsanzug steht auf der Holzveranda seines Hauses mit Seeblick. Seine Schritte sind schlurfend, aber seine Augen sind hellwach. Es ist Rolf Wagenbreth, der ehemalige Chef der für Desinformation zuständigen Stasi-HVA X, bei der Wallraff jahrelang als IM „Wagner“ geführt wurde.

Er hört zu, er ist freundlich, er überlegt. Aber dann lächelt Wagenbreth und sagt: „Ich mach's doch nicht, Jungs, ich möchte über die alten Zeiten nicht reden.“ Dann geht er mit seiner Frau zurück ins Haus, dreht sich aber noch einmal um. „Wir hatten viele dieser Wallraffs.“ Die Tür fällt ins Schloss, und der Regen lässt nach.

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