François Hollande gab sich nach außen gelassen. Am Rande eines Wahlkampfauftrittes in Nancy reagierte er auf die Meldung, Angela Merkel hätte sich mit konservativen europäischen Regierungschef darauf geeinigt, ihn im Wahlkampf abzusnobben : „Ich weiß davon nichts. Ich habe durch die deutsche Presse erfahren, dass es eine Allianz der konservativen Regierungschefs geben soll, mich nicht zu empfangen. Doch was zählt, ist die Entscheidung des französischen Volkes. Es ist das Volk, das seine Regierenden wählt.“

„Der Spiegel“ hatte am Wochenende gemeldet, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe sich mit dem italienischen Premier Mario Monti, dem Briten David Cameron und dem Spanier Mariano Rajoy darauf geeinigt, dem in Umfragen derzeit klar führenden sozialistischen Herausforderer Nicolas Sarkozys während des Wahlkampfes keine Besuchstermine zu gewähren.

Grund sei die gemeinsame Empörung über Hollandes Ankündigung, den Stabilitätspakt im Falle eines Wahlsieges neu verhandeln zu wollen. Hollande fordert mehr Wachstumsmaßnahmen.

"Gewisse Zurückhaltung im französischen Wahlkampf"

Bereits am Sonntagabend hatte Hollande im französischen Fernsehsender France 3 erklärt, die Meldung von der angeblichen Absprache beeindrucke ihn nicht. Das französische Volk entscheide über seine Zukunft, nicht die europäischen Regierungschefs. Im übrigen, so Hollande, habe er den Eindruck, „dass die ausdrückliche Unterstützung von Frau Merkel für Nicolas Sarkozy in ihrer eigenen Mehrheit für Debatten sorgt.“

Am Sonntag hatte Außenminister Guido Westerwelle in einem Interview mit der Morgenpost Online „allen deutschen Parteien“ eine „gewisse Zurückhaltung im französischen Wahlkampf“ empfohlen.

Die Bundesregierung hat die Existenz einer Absprache konservativer europäischer Regierungschefs gegen Hollande derweil am Montag dementiert. Gleichwohl bestätigte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin, es gebe „bislang keinen Termin“ im Kalender der Bundeskanzlerin“ für ein Treffen mit Hollande.

Seibert klang dabei auch nicht so, als sei damit zu rechnen, dass sich in Kürze noch ein überraschend geöffnetes Terminfenster im Kalender der Kanzlerin finden lassen könnte. Dennoch, so Seibert, gebe es auch „keine Allianz“ gegen Hollande und damit „keinen Grund für böses Blut“.

Immerhin habe sich der Kandidat der französischen Sozialisten auf dem Parteitag der SPD für einen Regierungswechsel in Deutschland ausgesprochen. „Es soll sich dann auch keiner beklagen, wenn die CDU-Vorsitzende Position für ihren Parteifreund Nicolas Sarkozy im Wahlkampf bezieht“, stichelte Seibert noch ein bisschen.

"Nie da gewesener konservativer Druck in Europa“

Hollande hat sich offenbar seit mehreren Wochen ziemlich intensiv darum bemüht, im Kanzleramt vorgelassen zu werden. Die Parteivorsitzende der PS, Martine Aubry, erklärte am Montag im französischen Fernsehen, Hollande habe der Höflichkeit halber „um ein Treffen mit Angela Merkel gebeten“, aber die Bundeskanzlerin habe erklärt, dass sie dies nicht wünsche. Dies habe man zur Kenntnis genommen.

Hollandes Kampagnenchef Pierre Mocovici beklagte unterdessen einen „nie da gewesenen konservativen Druck in Europa“. Der Kanzler oder die Kanzlerin habe bislang immer die Bewerber beider Lager empfangen, ebenso wie im umgekehrten Fall der französische Präsident die deutschen Kanzlerkandidaten beider großen Parteien.

Tatsächlich hat Angela Merkel 2007 sowohl Nicolas Sarkozy als auch die sozialistische Kandidatin Ségolène Royal in Berlin empfangen, als diese sich um die Nachfolge Jacques Chiracs bewarben. 2002 traf Gerhard Schröder neben Amtsinhaber Jacques Chirac auch den Sozialisten Lionel Jospin, und Helmut Kohl empfing 1995 Jospin ebenso wie Chirac und dessen konservativen Rivalen Edouard Balladur.

Europäische Bewegung gegen Merkel-Europa

Hollandes Kampagnensprecher Bernard Cazeneuve ließ daher am Montag durchblicken, dass die französischen Sozialisten inzwischen durchaus Grund für böses Blut sehen. In einer pathossatten Presseerklärung bemühte sich Cazeneuve, den angeblichen Hollande-Boykott als Zeichen einer „Einigelung der Konservativen“ gegenüber der anschwellenden „Bewegung der Völker in Europa“, zu deuten, die unter dem Sparsamkeitsdiktat eines „Direktorats“ zu leiden hätten – dem aus Sicht der französischen Sozialisten die Bundeskanzlerin vorsteht.

Dass er den „Zorn“ dieses „Direktorats der Austerität“ hervorgerufen habe, würde François Hollande nur in seinem Willen bestärken, „die Völker Europas“ von den „Opfern bis in alle Ewigkeit“ zu befreien, die ihnen der europäische Vertrag auferlegte, tönte Cazeneuve.François Hollande führt also eine europäische Widerstandsbewegung gegen Merkel-Europa an.

Die französischen Konservativen versuchten ihrerseits aus Hollandes begrenzten Sozialkontakten auf europäischer Regierungsebene Kapital zu schlagen. Frankreichs noch amtierender Präsident Nicolas Sarkozy nannte die Idee einer Verschwörung seiner Kollegen gegen Hollande abwegig.

Spott von Nicolas Sarkozy

„Glauben Sie, die haben nichts Besseres zu tun, als Pakte oder so was zu schmieden?“, fragte Sarkozy am Rande eines Auftritts in Saint-Quentin. „Glauben Sie, wir sitzen am Tisch und sagen uns ’Ah, du bist Sozialist, mit dir arbeite ich nicht?’“ oder ‚Du bist rechts, mit dir arbeiten wir nicht?’, spottete Sarkozy.

Das Problem François Hollandes sei nicht, dass es einen Pakt gegen ihn gebe, „sondern, dass er wenig gereist ist. Deshalb ist ihm nicht klar, dass wir in einer offenen Welt leben.“

Ähnlich abfällig hatte sich zuvor bereits Finanzminister François Baroin geäußert: Hollande sei auf „internationaler Ebene vollkommen unbekannt“ und habe „nicht die nötige Autorität um auf dem Niveau der Regierungs- und Staatschefs“ zu diskutieren, so der französische Finanzminister, der übrigens des Englischen nicht mächtig ist.

Auch Premierminister François Fillon tat die Idee eines Anti-Hollande-Komplottes ab: „Hollande hat sich da größer gemacht als er ist“, sagte Fillon. Die Vorstellung, dass europäische Regierungschefs miteinander telefonierten, um über den französischen Sozialisten zu reden, sei wenig glaubhaft.

"Die wahren Absichten Angela Merkels"

Sarkozys langjähriger konservativer Rivale Dominique de Villepin, selbst aussichtsloser Präsidentschaftskandidat mit Umfragewerten in FDP-Nähe, hatte derweil eine etwas komplexere Verschwörungs-Theorie parat: Ein Pakt der konservativen Regierungschefs Europas gegen Hollande würde sicherlich den Widerstand der Franzosen hervorrufen.

Auf der einen Seite stünde Nicolas Sarkozy für „das Frankreich der Eliten, das Frankreich der Interessen, das Frankreich des Geldes. Und hier kommt nun das Europa der Mächtigen, das anscheinend den Kandidaten Sarkozy unterstützen will.“ Das werde bei den Franzosen eine Gegenreaktion auslösen und François Hollande nutzen.

Dieser habe diesen Anschub durch Angela Merkel jedoch kaum nötig, „um den Abstand in den Umfragen zu vergrößern.“ Angela Merkels vermeintliche Wahlkampfhilfe sei deshalb in Wahrheit „der Todeskuss für Nicolas Sarkozy“ glaubt Dominique de Villepin und fügt maliziös hinzu: „man kann sich fragen, welches die wahren Absichten Angela Merkels in dieser Geschichte sind.“ Gute Frage.