Missbrauchsskandal

Das Canisius-Kolleg war nur der Anfang

Erniedrigt, entwürdigt, enttäuscht. Vor zwei Jahren wurden die ersten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt. Die Aufklärung stockt bis heute. Die angebotene Entschädigung finden viele nicht ausreichend.

Foto: Amin Akhtar

Nein, zum Canisius-Kolleg möchte Mathias Bubel für das Foto nicht mehr fahren. Es ist nicht so, dass der 48 Jahre alte Berliner den Anblick seiner früheren Schule nicht mehr ertragen würde. Aber mit dem Ort hat er abgeschlossen. Das Canisius-Kolleg war der Anfang, nicht das Ende.

Es geschah im Sommer 1976. Bubel, damals zwölf Jahre alt, besuchte das Französische Gymnasium. Aber weil seine Brüder auf das Canisius-Kolleg gingen, nahm der sportlich talentierte Junge an einem Sporttraining der Schule teil. Das leitete WolfgangS., ein Jesuitenpater und Marathonläufer, der Cordhose und Polohemd statt Soutane trug und sich mit den Schülern gut verstand.

In jenem Sommer fuhr S. mit den Jungen ins Trainingslager nach Spanien. Schon vor der Abfahrt hatte der Erzieher mit den Kindern besprochen, dass er in dieser Zeit eine Art Ersatzvater sei und „Vergehen“ bestrafen müsse. Heute weiß Bubel, was S. damit gemeint hatte. Ein Vorwand für seine sadistischen Praktiken. Jeden Tag gab es tausend Regeln. Zieh den Pullover über, geh aufs Zimmer, sei pünktlich. Wer eine vergaß, wurde einbestellt. Dann gab es Schläge, erst fünf, dann zehn, dann immer mehr.

Hinterher gab sich S. fürsorglich, cremte den wund geschlagenen Po ein. Als Bubel krank wurde, bestand S. darauf, ihm persönlich die Zäpfchen einzuführen. Erst als sich der Junge bei einer Prügelorgie das Genital am Tisch klemmte und ohnmächtig wurde, hörte der Mann auf. Da war das Trainingslager fast schon zu Ende. Als Bubel einige Zeit später aufs Canisius-Kolleg wechselte, war S. schon weg. Strafversetzt an eine andere Schule, an der er erneut Kinder missbrauchte. Aber darüber sprach am Berliner Jesuitenkolleg niemand.

Bubel erzählt die Geschichte in einem Café in Mitte. Der große, schlanke Mann ist gemeinsam mit anderen Betroffenen aus ganz Deutschland im benachbarten Bundesfamilienministerium von dem neuen Missbrauchsbeauftragten Johannes-Wilhelm Rörig zu einem Treffen eingeladen. Dort soll besprochen werden, wie es weitergehen soll – zwei Jahre nachdem die Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg bekannt wurden und eine Welle der Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in kirchlichen und anderen Institutionen auslöste. Die Berliner Morgenpost hatte am 28. Januar 2010 als erste Zeitung über den Skandal berichtet .

"Eine einzige PR-Nummer“

Rörig, der vergangenen Dezember Christine Bergmann nachfolgte, nennt das Treffen ein Signal dafür, „dass die Anliegen der Betroffenen nicht aus dem Blick verloren werden dürfen“. Ende 2012 will er überprüfen, ob die Empfehlungen des runden Tisches Sexueller Kindesmissbrauch von den Institutionen umgesetzt worden oder „doch nur Papier geblieben“ sind. Nach wie vor bräuchten die Betroffenen „Gehör, Anerkennung und Unterstützung“, sagte Rörig der Morgenpost.

Bubel schwankt zwischen Hoffnung und Wut. Zusammen mit anderen Ex-Canisius-Schülern hat er vor eineinhalb Jahren den Verein Eckiger Tisch gegründet, der sich speziell mit sexuellem Missbrauch in katholischen Einrichtungen beschäftigt. Seither hat es zahlreiche Treffen gegeben, mit Kirchenvertretern, mit Jesuitenpatern. Passiert sei nichts, sagt Bubel. „Das war doch eine einzige PR-Nummer.“

Aber auch innerhalb der katholischen Kirche nimmt die Kritik zu. Mitte Januar geriet ein Treffen zwischen dem Trierer Bischof Stephan Ackermann und Kirchenmitarbeitern zu einem regelrechten Tribunal. Ackermann, seit 2010 Missbrauchsbeauftragter des deutschen Episkopats, musste sich schwere Vorwürfe anhören. Von systematischer Vertuschung sexueller Verfehlungen zweier Priester seiner Diözese war die Rede. Seit Anfang 2011 war im Bistum bekannt, dass sich ein Saarbrücker Geistlicher in den 80er-Jahren an zwei minderjährigen Ministrantinnen vergangen hatte. Erst nachdem kritische Presseberichte erschienen waren, wurde der Mann Ende des Jahres beurlaubt.

Ackermann zeigte sich von der Kritik „sehr getroffen“, er gab Fehler zu. Er bekannte sich zu einer Linie der „Null-Toleranz“ gegenüber sexueller Gewalt und plädierte auch für eine Verlängerung oder Aufhebung der Verjährungsfristen. Einer Sprecherin der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) war das zu wenig: Es gehörten auch die Machtstrukturen der Kirche auf den Prüfstand, ging sie den Bischof frontal an, denn sie bildeten „ein offenes Scheunentor für Sexualstraftäter“. Ein Vorwurf, den Ackermann erregt konterte: „Mit solchen Sprüchen kann ich nichts anfangen.“

Kommunikationslücken im Bistum

Am Beispiel Trier lässt sich studieren, dass noch immer passiert, was nach der Verschärfung der bischöflichen Leitlinien für die Aufklärung und Ahndung von Missbrauchsfällen eigentlich nicht mehr passieren dürfte: dass Kommunikationslücken und Versäumnisse der zuständigen Bistumsstellen die Aufklärung behindern. Ackermann sagte es frei heraus: Trotz eines Perspektivwechsels in der Kirche zugunsten der Opfer könnten auch für die Zukunft Fehler bei der Aufarbeitung sexueller Gewalt nicht ausgeschlossen werden. Noch immer arbeitet man sich an den Fällen ab, die seit dem 28. Januar 2010 bekannt geworden sind.

Die genaue Zahl der Täter ist bislang nicht bekannt, mehrere von der Bischofskonferenz unterstützte Forschungsprojekte sollen Licht in das Dunkel bringen. Seit November 2011 werden in allen 27 deutschen Bistümern die Personalakten nach Hinweisen auf sexuellen Missbrauch durchsucht, in 18 Diözesen geschieht dies in einer „Querschnittsanalyse“ der Jahre 2000 bis 2010, in neun weiteren von 1945 bis 2010. Das konservativ ausgerichtete „Netzwerk katholischer Priester“ warf den Bischöfen daraufhin einen „unerlaubten Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“ vor.

950 Anträge auf Entschädigung sind bisher beim Episkopat eingegangen. 90 Prozent aller Fälle, so heißt es, würden positiv entschieden. Die Kirche hatte beschlossen, bis zu 5000 Euro an Betroffene zu zahlen.

Für den Berliner Mathias Bubel ist diese Summe eine Farce. Er blickt wie viele andere Betroffene auf ein gebrochenes Leben zurück. Nach dem Missbrauch sackte der Einser-Schüler ab, schaffte nur mit Mühe das Abitur. Eine Ausbildung hat er nie gemacht, stattdessen jobbte er als Busfahrer und als Bauarbeiter. Heute lebt er von HartzIV. Diverse Therapien haben ihm geholfen, zumindest wieder in den Alltag zu finden. Sein Verein Eckiger Tisch fordert eine unabhängige Anlaufstelle für die Betroffenen und ein angemessenes Schmerzensgeld.

Ursprünglich hatte der Verein 82.000 Euro pro Person verlangt und darauf verwiesen, dass diese Summe in der Vergangenheit von deutschen und österreichischen Gerichten für psychische Beschädigungen durchschnittlich verhängt worden war. Bubel erinnert sich, wie der Ansprechpartner des Vereins auf katholischer Seite, Ex-Canisius-Rektor Klaus Mertes, reagierte, als er die Forderung hörte. „Er sagte, wenn er diese Summe höre, reagiere er mit Ablehnung“, erzählt Bubel.

Wie es anders gehen kann, hat das Benediktinerkloster Ettal in Oberbayern vorgemacht, das eine Schule mit Internat betreibt. Nach den Enthüllungen am Canisius-Kolleg waren auch dort zahlreiche Missbrauchsfälle bekannt geworden. 700.000 Euro haben die Benediktiner inzwischen für die Entschädigung von 70 Opfern bereitgestellt. Als Mindestbetrag werden 5000 Euro gezahlt, in bestimmten Fällen bis zu 20.000 Euro. Der Verein der Missbrauchsopfer würdigte den „Mut und Anstand“ des Ordens. Bis Sommer dieses Jahres sollen die Vorgänge, die teilweise 60 Jahre zurückliegen, auch wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

Wer heute mit Pater Mertes, der den Missbrauchsskandal publik gemacht hat, spricht, erlebt einen Mann, der seiner Kirche viel guten Willen attestiert. Gleichwohl, sagt Mertes der Morgenpost, gebe es keinen Anlass zur Selbstzufriedenheit: „Die Opfer haben durch ihr Sprechen den entscheidenden Beitrag zur Aufklärung geleistet. Der wichtige Beitrag der Kirche bestand darin, aktiv Ansprechbarkeit zu signalisieren und die Aufklärung dann wirklich unabhängigen Beauftragten in die Hände zu geben.“ Was die Frage der Entschädigung betreffe, so habe die katholische Kirche seines Wissens „als einzige Institution und das auch zeitlich zuerst einen Vorschlag und ein konkretes Verfahren beschlossen“.

Weiterhin fahrlässiges Verhalten

So viel ist für Pater Mertes, der jetzt am Kolleg St.Blasien seines Ordens tätig ist, klar: Einen Schlussstrich kann es in dieser Diskussion nicht geben. Sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch seien ein ständiges Thema der gesamten Gesellschaft und damit auch der Kirche. Wie begründet diese Einschätzung ist, zeigte sich am vergangenen Donnerstag vor dem Braunschweiger Landgericht: Ein 46 Jahre alter Priester aus Salzgitter wurde wegen sexuellen Missbrauchs in 250 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt. Seine Taten hatte der Geistliche zwischen 2004 und 2011 begangen. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits die verschärften bischöflichen Leitlinien gegen Missbrauch. Die amtskirchenkritische Bewegung „Wir sind Kirche“ spricht denn auch von einem „weiterhin fahrlässigen, fehlerhaften und hilflosen“ Verhalten der Bistumsleitungen.

Dass es keinen Schlussstrich geben darf, ist wohl der einzige Punkt, in dem der Ex-Canisius-Schüler Mathias Bubel und der Ex-Canisius-Rektor Mertes noch übereinstimmen. Es gibt vieles, was Bubel bis heute zornig macht. Etwa, dass der einstige Sportlehrer Wolfgang S., der den Orden längst verlassen hat, inzwischen in Chile ein beschauliches Rentnerdasein mit Frau und Kind verbringt. Oder dass viele vom Missbrauch gewusst haben müssen und dennoch schwiegen. „Mir bringt es viel, möglichst wenig zu denken“, beschreibt Bubel seine Strategie, damit umzugehen. Er weiß, dass eine als aufrichtig empfundene Entschuldigung und ein angemessenes Schmerzensgeld nicht das Ende seines Traumas wären. Aber vielleicht wäre es die Chance für einen neuen Anfang.

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