Hartz IV

Deutscher Aufschwung verdrängt Kinderarmut

Immer weniger junge Menschen sind laut Statistik auf Hartz IV angewiesen. Sozialverbände warnen trotzdem vor versteckter Armut bei Kindern.

Die Zahl der Kinder, die von der Grundsicherung Hartz IV leben, ist in den vergangenen Jahren gesunken. Von September 2006 bis September 2011 sei die Zahl der Betroffenen unter 15 Jahren bundesweit um 13,5 Prozent oder 257.000 auf knapp 1,64 Millionen zurückgegangen, gab die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag bekannt. Damit sei nun fast jedes siebte Kind (15,1 Prozent) auf Hartz IV angewiesen.

Allerdings fällt der Rückgang weniger spektakulär aus, wenn man den Rückgang der Bevölkerungsgruppe mit weniger als 15 Jahren einbezieht. Die „Hilfequote“, also der Anteil der unter 15-jährigen, die von Hartz IV leben, an den Kindern und Jugendlichen dieser Altersgruppe insgesamt ist der BA zufolge von 16,6 Prozent im August 2006 auf 15,1 Prozent im August 2011 gesunken.

Vor allem im vergangenen Jahr habe es einen besonders deutlichen Rückgang der jungen Hartz-IV-Empfänger gegeben – also jener Kinder und Jugendlichen, die in Haushalten lebten, die die staatliche Grundsicherung erhielten. Von September 2010 bis 2011 sei die Zahl um fast 84.000 gesunken.

Aufschwung bei Langzeitarbeitslosen bemerkbar

Der Rückgang fand also vor allem zeitgleich mit dem Aufschwung am Arbeitsmarkt statt: Während des Wirtschaftsbooms in den vergangenen zwei Jahren fanden besonders viele Menschen einen Job. 2011 ist die durchschnittliche Arbeitslosigkeit erstmals seit 20 Jahren unter die Drei-Millionen-Marke gefallen, die Erwerbstätigkeit stieg auf 41 Millionen.

Zwar profitierten vor allem qualifizierte Arbeitslose, die weniger als ein Jahr arbeitslos waren. Aber auch bei den meist langzeitarbeitslosen Hartz-IV-Empfängern machte sich der Aufschwung bemerkbar. Dort lag die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt 2011 bei 2,08 Millionen, im Jahr 2006 lag der Wert noch bei 2,83 Millionen.

Als armutsgefährdet gelten Haushalte, deren Einkommen geringer ist als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. 2010 lag diese Schwelle für einen Single-Haushalt bei 826 Euro im Monat, für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1735 Euro. Hartz-IV-Empfänger fallen oft unter diese Schwelle.

Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Die Chance, Arbeit zu finden, sei heute höher als vor drei oder vier Jahren. „Auch Langzeitarbeitslose oder Geringqualifizierte profitieren verstärkt von der Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes“, sagte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt. Die Arbeitsmarktpolitik sieht er daran beteiligt: „Weniger Kinder in Hartz IV bedeutet, dass es den Jobcentern gelungen ist, ihre Eltern in Beschäftigung zu integrieren“, sagte Alt. Armut dürfe sich nicht vererben. „Wir dürfen nicht dabei zusehen, wie sich Hartz IV-Strukturen in zweiter oder dritter Generation bilden“.

Für die Bundesregierung ist die Entwicklung ein Zeichen für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Der veränderte Blick der Wirtschaft auf Frauen mit Kindern und der veränderte Blick der Jobcenter bei der Vermittlung von Frauen mit Kindern zahlt sich allmählich aus“, sagte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU).

Alleinerziehende Mütter sind besonders häufig auf staatliche Leistungen angewiesen. Bundesweit sind zwei von fünf alleinerziehenden Eltern auf Hartz IV angewiesen. Die Ministerin betonte, auch der Krippenausbau und das Bildungspaket zahlten sich aus. Beides erleichtere den Übergang in die Unabhängigkeit von staatlichen Leistungen.

Experten: Zahlen nicht überbewerten

Andere warnten jedoch davor, die Zahlen überzubewerten. „Dass die Zahl der Hartz-IV-Bezieher zurückgeht, ist erfreulich, bedeutet aber längst nicht, dass tatsächlich weniger Kinder in Armut leben müssen“, erklärte Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Die wirkliche Dimension der Kinderarmut zeige sich nicht nur in der „amtlichen Hartz-IV-Armut“, sondern am Niedriglohnsektor, der nicht zuletzt auch wegen Hartz IV „weiter wuchert“.

Der Sozialverband Arbeiterwohlfahrt (AWO) erklärte, mit dem Auslaufen der Hartz-IV-Zahlungen seien Familien „noch lange nicht aus der Armutsfalle heraus“. Häufig handle es sich um statistische Effekte, etwa weil Familien kinderzuschlagsberechtigt seien und aus dem Grundsicherungsbezug herausfielen.

Die Vizechefin der SPD-Bundestagsfraktion, Dagmar Ziegler, bewertete die Entwicklung als gut. Die Zahlen seien allerdings kein Anlass, „innezuhalten und untätig zu sein“.

Große regionale Unterschiede

Beim Rückgang der jungen Hartz-IV-Empfänger gibt es große regionale Unterschiede: Im Fünf-Jahres-Vergleich schnitt Bayern mit einem Minus von gut 22 Prozent am besten ab. In Bremen oder Hamburg sowie im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen sei der Rückgang niedriger gewesen.

In Berlin habe sich die Zahl der hilfebedürftigen Kinder nur um 1,2 Prozent verringert. Die Unterschiede erklärt die BA neben der Lage am Arbeitsmarkt mit Familienstrukturen – wo es viele Kinder gebe, sei der Weg aus Hartz IV schwieriger.

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