Sternsinger-Empfang

Ohne Kredit geht bei Christian Wulff gar nichts

Auch beim Sternsinger-Empfang des Bundespräsidenten spielt die Affäre eine Rolle. Ein Journalist durchbricht das Protokoll des Besuchs – entgegen allen Gepflogenheiten.

Christian Wulff wirft sogleich den Blick nach links, als er am Vormittag vor das Schloss Bellevue tritt. Das Staatsoberhaupt schreitet mit Bettina Wulff durch die schwere Tür und begrüßt die 55 Kinder aus dem Bistum Essen in bunten Kleidern, die meisten mit kleinen Kronen auf dem Kopf. Erst dann schaut er lange und eindringlich nach vorn, zu den über 100 Journalisten die sich mit Kameras, Mikrofonen und Notizbüchern am Rand der Treppe und auf den unteren Stufen drängen.

Gleich neben Wulffs Lederschuhen sieht man Turnschuhe mit roter und gelber Neonfarbe. Das Mädchen darin blickt hoch zum Bundespräsidenten und sagt: „Lieber Herr Bundespräsident. Die Sternsinger sind da! Wir bringen Ihnen den Segen für das neue Jahr!“ Wulff bedankt sich lächelnd, am Ende wird vor allem ein Satz hängen bleiben: „Wir alle sollen ja auch ein Segen sein und kein Fluch. Das begleitet uns ja auch als Auftrag in unserem Wirken.“

Eigentlich ist dies ein Routinetermin. Jedes Jahr, rund um den Dreikönigstag am 6. Januar, empfängt der Bundespräsident Sternsinger. Sie segnen den Amtssitz, singen Lieder und sammeln eine Spende für Kinder in Not. Dabei wird viel gelacht. Es ist ein schöner Termin für einen Bundespräsidenten, der für das gute Gewissen im Volk stehen soll.

Doch diesmal ist der Sternsinger-Empfang mehr als nur der erste offizielle Auftritt des Staatsoberhauptes im neuen Jahr. Seit Wochen steht Wulff in den Schlagzeilen . Zunächst, weil er mehrfach Fehler zugab, als es um einen Kredit von der Frau eines langjährigen Freundes ging. In den vergangenen Tagen kam die Frage auf, ob er, das Staatsoberhaupt, anfangs auch die kritische Berichterstattung darüber womöglich habe unterdrücken wollen. Am Mittwoch stellte sich Wulff deshalb den Fragen von zwei Fernsehjournalisten .

Manche Politiker und Kommentatoren fordern Wulffs Rücktritt. Doch der Bundespräsident will durchhalten. Vielleicht wird der Sternsinger-Empfang irgendwann als Beginn der zweiten Periode seiner ersten Amtszeit gesehen. Als die Zeit nach dem Skandal. Am Freitag jedenfalls fand sich Wulff in der Rolle des Bundespräsidenten wieder. Ohne verbale Fehltritte, wie er sie angeblich auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs hinterlassen hat. Nur mit ein paar kleinen Spitzen in Richtung der Journalisten.

Wulff hätte es so wie seine Vorgänger halten und die Kinder mit netten und ein wenig unverbindlichen Dankesworten bedenken können. Aber er macht es anders. Er geht auf den Medienwirbel um seine Person ein. Alles habe seine zwei Seiten.

Die positive sei heute, „dass das Wirken der Sternsinger endlich richtig gewürdigt werde“. Viele Journalisten. Live-Übertragung. Die Kinder singen. Ein kleiner König malt den Segensspruch an die Eingangstür. Dann gehen alle hinein in den Großen Saal von Schloss Bellevue.

Wulff hatte in seinem Fernsehinterview einen Schnitt angekündigt. „Ich muss mein Verhältnis zu den Medien herstellen, neu ordnen, anders mit den Medien umgehen“, hatte er gesagt und auch, dass man für seine Familie eine „Schutzfunktion“ habe, wenn „das Innerste nach außen gekehrt wird, private Dinge, eine Familienhausfinanzierung“. Seine Worte kamen bei vielen an. Es war also unklar, warum Wulff nun beim zweiten Teil des Sternsinger-Empfangs auf einmal losplaudert.

Er erwähnt seinen Sohn, der gerade in seinem Arbeitszimmer spiele. In der Kita gebe es einen Magen-Darm-Infekt. 24 Kinder dort seien krank. Sein Sohn musste am Morgen wieder mit nach Hause genommen werden. Da sei es sehr praktisch, dass es in seinem Arbeitszimmer eine Spielecke gebe, erzählt Wulff. Dort warte nun sein Sohn und sei schon ganz neugierig auf die Könige. Gefragt hatte niemand nach diesen Dingen. Doch da ist er wieder: der menschelnde Präsident. Er gehört vielleicht zu Wulffs Amtsverständnis.

Er lobt natürlich auch die Kinder, die verkleidet als die Heiligen Drei Könige Spenden sammeln: Wer an fremde Türen klopfe und vor fremden Menschen Gedichte aufsage, habe auch später im Leben Mut. Wulff erinnert sich an seine eigene Sternsinger-Zeit: Da zeige sich, „dass, wenn man damals mutig gestanden hat, auch heute mutig für seine Sache einstehen kann“.

Kinder fordern Rede- und Meinungsfreiheit

Die Kinder erzählen aufgeregt und mit Stolz über ihre Hilfe für notleidende Kinder in Nicaragua. Dann fordern die Kleinen Rede- und Meinungsfreiheit ein – auch für Kinder. Das Programm ist schon lange geplant. Keiner konnte mit den Turbulenzen der Kreditaffäre rechnen. In diesen Tagen ist das Einstudierte jedoch ohne Absicht hochpolitisch und aktuell. Wulff will nun für diese Rechte werben. Über diesem kleinen Schauspiel kreisen die Vorwürfe, Wulff habe angeblich versucht, Artikel über ihn unterbinden zu lassen.

Als nach rund einer Dreiviertelstunde Schluss sein soll, nachdem Wulff ein paar Geldscheine in die Spendenbox der Sternsinger gestopft hat, bricht ein Zwischenruf aus Reihen der Journalisten in den genau geplanten Ablauf: „Können Sie sagen, wie es Ihnen geht?“ Wulff stockt beim Hinausgehen, dreht sich um. Wie wird er auf diesen Bruch mit den Regeln des guten Benehmens im Amtssitz des Bundespräsidenten reagieren?

Wulff sagt ruhig ins Mikrofon: Wenn man sich so einen Termin anschaue, „dann geht es einem doch gut“. Der Journalist bohrt weiter: War die letzte Zeit nicht anstrengend? Ähnlich wie manchmal im TV-Interview spricht Wulff ein bisschen umständlich: Die letzten Tage und Wochen seien so gewesen, dass er sich das in seinem Leben „nicht noch mal zumuten“ müsse. Er sei froh, dass „das Jahr 2012 nun losgeht und man sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben zuwenden kann“, sagt Christian Wulff. Dann wendet er sich um, geht und lässt keine weitere Nachfrage mehr aufkommen.

Als der kleine König seine Zeichen an die Tür des Schlosses malte, sagte der Sternsinger neben ihm: „Christus mansionem benedicat. Das heißt: Christus segne dieses Haus, auch im Jahr 2012.“ Wulff kann es brauchen. Auch wenn der Segen 2011 offenbar nicht allzu viel gebracht hat.