SPD-Chef

Gabriel hat die Kanzlerkandidatur stets im Blick

Sigmar Gabriel amtiert seit über zwei Jahren an der SPD-Spitze – und hat ein sehr erfolgreiches Jahr hinter sich. Eine Kanzlerkandidatur Gabriels ist mitnichten ausgeschlossen.

Fast ein Jahrzehnt lang ist es her, da plante Sigmar Gabriel auszuwandern. Er hatte allen Grund dazu. Anfang 2003 stand ihm, damals niedersächsischer Ministerpräsident, eine Landtagswahl ins Haus. Es drohte eine Niederlage, und Gabriel liebäugelte mit dem Gedanken, als abgewählter Regierungschef nach Jerusalem zu ziehen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung betreibt dort ein Büro. „Das wäre eine schöne Aufgabe“, meinte Gabriel im Wahlkampfbus zwischen Emden und Göttingen: „Ich würde dann regelmäßig im Hotel ,American Colony‘ frühstücken.“

Wiewohl Gabriel seine Wahl verlor, kam es bekanntermaßen anders. Die meisten aber in der SPD rechneten wohl eher mit einem Wechsel Gabriels nach Jerusalem denn mittelfristig an die Spitze der Sozialdemokratie. Hier wirkt er nun immerhin schon über zwei Jahre und damit länger als mancher Vorgänger, etwa Kurt Beck und Franz Müntefering.

Das zu Ende gehende Jahr ist für Gabriel eines seiner erfolgreichsten. Bei allen Landtagswahlen erreichte die SPD eine Regierungsbeteiligung. Auf der Bundesebene hat sich die Sozialdemokratie stabilisiert. Und auf ihrem jüngsten Parteitag ist Gabriel nicht nur mit einem guten Ergebnis im Amt bestätigt worden. Er hat zudem seinen Anspruch, als möglicher Kanzlerkandidat zu gelten, untermauert. Kurzum: Gabriel hat gepunktet, und selbst manch langjähriger Widersacher – etwa der linke Flügelmann Ralf Stegner – äußert sich wohlwollend, ja euphorisch.

Eine Kanzlerkandidatur Gabriels ist mitnichten ausgeschlossen, auch wenn der SPD-Vorsitzende in der Bevölkerung weit weniger beliebt ist als seine populären Mitbewerber Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier. Verbündete Gabriels wie der thüringische Wirtschafts- und Arbeitsminister Matthias Machnig (SPD) setzen ohnehin auf eine Kanzlerkandidatur Gabriels. In ihren Augen wird der nächste Bundestagswahlkampf weniger von der Krise denn von sozialen Themen geprägt – und diese verkörpere keiner besser als Sigmar Gabriel.

Außergewöhnliches politisches Gespür

Gewiss, die viel beschriebene Sprunghaftigkeit hat dieser nicht abgelegt. Das äußerst ambitionierte Ziel, die SPD organisatorisch zu reformieren, überhöhte er als existenzielle Frage, drohte auch einmal indirekt mit Rücktritt – und beugte sich dann doch der normativen Kraft des Faktischen. Die Causa Sarrazin stilisierte Gabriel erst zur Frage von Krieg und Frieden, delegierte sie an Andrea Nahles, beklagte Sarrazins Verbleib in der SPD und arrangierte sich damit.

Selbst Kritiker bescheinigen Gabriel ein außergewöhnliches politisches Gespür. Der 52-Jährige kann überzeugend argumentieren, mit seinem Charisma hat er schon manchen für sich eingenommen. Kanzlerin Angela Merkel, in deren Kabinett Gabriel von 2005 bis 2009 Umweltminister war, weiß um seine Stärken.

Unter den drei möglichen Kanzlerkandidaten der SPD ist Gabriel der Jüngste. Mancher Sozialdemokrat meint, daher habe Gabriel Zeit. Geduld allerdings ist seine Sache nicht. Gut möglich, dass er die Kandidatur einem anderen überträgt. Das machte ihn dann erst richtig mächtig. Mit einem Wechsel nach Jerusalem muss der SPD-Vorsitzende bislang nicht kokettieren.