Camp Marmal

Drei Berlinerinnen zu Weihnachten am Hindukusch

Im Camp Marmal in Afghanistan sind auch drei Berlinerinnen im Einsatz. Ihr Lager ist weihnachtlich geschmückt – doch die Sehnsucht nach der Familie und die Angst vor Kampfhandlungen bleibt.

Foto: Bundeswehr

Constanze möchte Weihnachten so gut wie möglich verdrängen. Sie hat sich freiwillig gemeldet für den Dienst an Heiligabend, genauso wie für die Schicht am ersten Weihnachtstag. Und am zweiten. Die OP-Fachschwester möchte nicht dabei sein, wenn es drum herum feierlich wird. Als das Festprogramm der Klinik vor ein paar Wochen geplant wurde, hat sie nur mit einem Ohr zugehört.

Weihnachten, das ist das Fest, das man zu Hause feiern sollte, mit der Familie. Nicht in der Wüste Afghanistans, und schon gar nicht im Kriegsgebiet.

5350 Bundeswehrsoldaten sind zurzeit am Hindukusch stationiert, die meisten von ihnen werden auch über Weihnachten im Einsatz sein. Hauptfeldwebel Constanze (36) ist eine von ihnen. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen vom Berliner Bundeswehrkrankenhaus, den Oberfeldwebeln Katrin (31) und Sarah (25) arbeitet sie im Camp Marmal nahe Masar-i-Scharif im Norden des Landes. Ihre Nachnamen will die Bundeswehr nicht nennen, zum Schutz der drei Frauen. Drei Frauen aus Berlin, die dasselbe Schicksal teilen, Weihnachten fernab der Heimat in einer Krisenregion zu verbringen. Und die ganz unterschiedlich mit ihrer Situation umgehen.

Die Bundesregierung hat zwar beschlossen, die Truppen schrittweise abzuziehen, bis Ende Januar werden die ersten rund 1000 Soldaten Afghanistan verlassen. Doch wer die kommenden Feiertage im Militärcamp verbringen muss, dem hilft diese Aussicht nur bedingt. Auch wenn vor zwei Wochen extra 200 Nordmanntannen als Weihnachtsdekoration eingeflogen worden sind. Constanze war während der Weihnachtstage schon einmal im Bundeswehreinsatz, 2003 in Kabul. Doch damals hatte sie es noch nicht als „so schlimm“ empfunden. „Damals hatte ich auch noch keine Familie“, sagt sie. Heute hat Constanze eine Tochter, Josephine heißt sie und ist sechs Jahre alt. Am 24.Dezember wäre sie gern um 18Uhr bei ihr und den Schwiegereltern in Friedenau, wenn das Menü ihres Schwiegervaters aufgetischt wird. Constanze wird auch fehlen, wenn ihre Tochter die Lavalampe auspackt, die sie schon vor Wochen mit anderen Geschenken bei der Nachbarin deponiert hat.

Constanze, Katrin und Sarah haben sich freiwillig dafür entschieden, als Krankenschwestern für die Bundeswehr zu arbeiten, wissend, dass sie auf Auslandseinsätze geschickt werden würden. Dennoch ist das ein großes persönliches Opfer, im Dienst für ihr Land.

Verdrängung ist deshalb manchmal die beste Lösung. Das gilt auch für die Deutschen in der Heimat. Die Haltung der Bundesbürger gegenüber ihren Landsleuten am Hindukusch hatte der frühere Bundespräsident Horst Köhler einst mit „freundliches Desinteresse“ beschrieben. Hierzulande würde wohl keiner auf die Idee kommen, freiwillig anonym Päckchen mit Plätzchen und Weihnachtsdeko für seine Landsleute zu packen, so wie die Amerikaner es traditionell machen. Dass zwar nur der Einsatz umstritten sei, nicht aber die Leistung der Soldaten vor Ort, wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière vor drei Tagen bei seinem Weihnachtsbesuch im Feldlager sagte, ist wohl so. Aber dass die Soldaten davon ausgehen sollen, „dass nicht nur Ihre Angehörigen in den nächsten Tagen an Sie denken, sondern Millionen Menschen in ganz Deutschland“, ist zu bezweifeln.

Zuerst 600 Soldaten, jetzt 5000

Als der Bundestag vor zehn Jahren einer Beteiligung der Bundeswehr an der Internationalen Schutztruppe Isaf zustimmte, gab es in der Bevölkerung anfänglich Proteste. Doch schrittweise wurden aus den zunächst 600 deutschen Soldaten mehr als 5000, aus der „Friedensmission“ ein Kampfeinsatz. Mit dem Wort „Krieg“ tat man sich schwer. Erst 2010 sprach es der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erstmals aus.

Für die 3400 Soldaten im größten Feldlager der Bundeswehr außerhalb Deutschlands aber ist der Kriegszustand Alltag. Anschläge kann es auch an Weihnachten geben, Selbstmordattentäter verfallen nicht in besinnliche Stimmung. Für Oberfeldwebel Sarah aus Charlottenburg ist es der erste Auslandseinsatz. Zwar hat die 25 Jahre alte Krankenschwester die Feiertage schon mehrfach ohne ihre Familie in Siegen in Nordrhein-Westfalen verbracht, weil sie Dienst im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin hatte. „Doch das war leichter, als in Afghanistan zu sein“, sagt Sarah. So weit wie jetzt hat sie sich wohl noch nie von zu Hause weg gefühlt, und das liegt nicht allein an den knapp 5000 Kilometern Entfernung.

„Wenn ich nicht da bin, wird zu Hause an Heiligabend ein Stuhl leer bleiben, das ist sehr traurig“, sagt die junge Frau. Sie klingt auch durch das Telefon, als wäre sie traurig. Das versucht sie aber schnell mit einem Lachen zu kaschieren. Sarah wird aber zu Hause anrufen und versuchen, „alle kurz zu hören“. Die Eltern, die jüngere Schwester, den kleinen Bruder, Oma und Opa. Hoffend, dass die angekündigten Päckchen aus der Heimat rechtzeitig im Feldpostlager eintreffen. Nach dem Dienst, um 18Uhr, wenn es in Deutschland gerade erst 14.30Uhr ist, wird sich Sarah mit den anderen Soldaten im Betreuungscontainer treffen und anschließend mit allen in der Truppenküche essen. Neben Wildschweingulasch mit Salzkartoffeln und Entenbrust mit Rotkohl und Klößen wird es dort auch das traditionelle deutsche Weihnachtsessen, Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen, geben. Und hinterher Bratapfel mit Zimtsternen und Eis. „Ich möchte den Abend nicht allein verbringen“, sagt Sarah. „Ich brauche ein bisschen Harmoniestimmung.“ Mitten im Kampfgebiet.

Genauso wichtig wird der jungen Frau an Heiligabend aber auch die Messe im Camp Marmal sein. In die Kirche gehen, das gehört für sie zu Weihnachten. Ein besonders beliebtes Stück des kleinen Militärchors ist „Knockin' on heaven's door“. Ein Lied, das vom Sterben handelt, nicht von der Geburt Jesu Christi.

Es gibt Soldaten, die sich auf andere Weise ablenken: mit Glühwein. Ausgeschenkt wird dieser auf einem provisorischen Weihnachtsmarkt, einer Ansammlung mit viel gutem Willen zusammengezimmerter Holzbuden. „Die Weihnachtsstimmung ist wirklich ganz gut hier“, sagt Oberfeldwebel Katrin. Im Camp Marmal seien alle Gemeinschaftsräume geschmückt, erzählt die junge Frau aus Reinickendorf. An den Wänden hängen gebastelte Weihnachtssterne, die Verwandte geschickt haben, und an den Nordmanntannen Christbaumkugeln. „Eigentlich wie bei uns“, sagt die 31-Jährige.

Doch auch die Dekoration kann nicht verhindern, dass die Schlafcontainer der Soldaten aussehen wie die Zimmer in einer schlechteren Jugendherberge. Und auch der beste Chor kann nur spärlich gegen das Donnern startender F16-Kampfjets und das Knattern von Blackhawk-Hubschraubern ansingen. Tagsüber, wenn keine Lichterketten brennen, bleibt das Militärcamp, was es ist: trostlos. Ein 2000 Meter langes und 1000 Meter breites Lager, in dem es nur drei Farben gibt: Braun, Beige und Schwarz in der Nacht.

Sie hoffen, dass es ruhig bleibt

In Masar-i-Scharif ist die Lage zwar relativ friedlich, doch noch lange nicht ungefährlich. Dass der Kampfeinsatz der Bundeswehr bis 2014 beendet sein soll, heißt nicht, dass in Afghanistan Frieden herrscht.

Es ist deshalb wohl auch nicht verwunderlich, dass sich die Antworten der drei Soldatinnen sehr stark ähneln, wenn man sie nach ihrem Wunsch für Weihnachten fragt. „Dass wir eine schöne Zeit hier verbringen und dass alles ruhig bleibt“, sagt Katrin. „Dass meine Kameraden und ich gesund und heil zu Hause ankommen“, sagt Sarah. „Dass ich während meines Dienstes an Heiligabend im OP nichts zu tun bekomme. Und dass wir uns alle unter anderen Umständen in ziviler Kluft zu Hause wiedersehen“, sagt Constanze. Drei Berlinerinnen, drei Hoffnungen.

Im Frühjahr könnten sie wahr werden. Der Einsatz der OP-Fachschwester geht noch bis März. Dann wird Constanze auch Josephine wiedersehen und sich von ihr die Lavalampe zeigen lassen. Bei dem Gedanken muss Constanze dann doch noch lachen. Zumindest für die Fantasie ihrer kleinen Tochter hat der Militäreinsatz nämlich sein Gutes: Josephine glaubt nun wieder an den Nikolaus. Vergangenes Jahr noch war sie überzeugt davon, dass ihre Mutter ihr das Geschenk in den Stiefel gesteckt hatte. Doch als am 6.Dezember jetzt eines vor der Tür lag, wieder heimlich von der Nachbarin dort deponiert, hat das Mädchen seine Meinung wieder geändert.

Von Mama konnte es ja nicht sein, die ist schließlich ganz weit weg.