Atommüll-Transport

600-Kilo-Betonpyramide sorgt für Castor-Rekord

Castor-Gegner blockieren so lange die Gleise, dass der Zug mit Atommüll den Negativ-Geschwindigkeitsrekord bricht. Er muss ständig zwangsweise stoppen.

Ein Hubschrauber kreist unweit von Lüneburg über einem kahlen Acker. In einem Waldstück wartet ein Zug mit elf weißen Containern in strömendem Regen auf die Weiterfahrt. In der Nähe des kleinen Örtchens Vastorf ist am Sonntag seit 15 Stunden einer der Brennpunkte der Castor-Strecke .

Knapp 500 Meter weiter, mitten im matschigen Acker, haben sich vier Demonstranten an die Gleise gekettet, drücken ihre Gesichter auf die kalten Schienen. Trotz des Katz-und-Maus-Spiels: Polizei und Demonstranten geben sich gelassen. Konflikte wie diese sind im Wendland nichts Neues.

„Das kostet nur Zeit. Damit können wir entspannt umgehen“, sagt ein Polizeisprecher. Auch die Demonstranten bleiben gelassen, fühlen sich angesichts des langsamen Vorankommens des Atommüll-Zuges sogar schon ein wenig als Sieger. „Mir geht's gut“, sagt ein Demonstrant fröhlich. Es sei ein Erfolg, dass der Zug jetzt schon länger unterwegs sei, als die 92 Stunden im vergangenen Jahr. Noch nie hat ein Atommülltransport ins Wendland mehr Zeit in Anspruch genommen.

Sorgen machen den Einsatzkräften vielmehr die kleinen Gruppen mit gewaltbereiten Chaoten wie im einige Kilometer entfernten Leitstade. Seit Mittag liefern sich hier rund 200 teils vermummte Castor-Gegner in einem unübersichtlichen Waldstück und rund um den kleinen Bahnhof an der Strecke schwere Auseinandersetzungen mit der Polizei. Immer wieder fliegen Steine und Brandsätze, Straßensperren aus Holz werden angezündet.

In Erdgruben finden die Beamten zudem immer wieder präparierte Wurfgeschosse aus Weihnachtskugeln und Golfbällen. Selbst Journalisten sind nicht mehr sicher, Fotografen flüchten. Dennoch will die Polizei nicht von Chaos sprechen: „Der größte Teil der Demonstranten ist friedlich.“

Dies empfinden an diesem Nachmittag auch die Menschen an den Gleisen in Hitzacker – wenn auch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus. Eine kleine, gelbe Betonpyramide steht auf den Schienen. Darauf steckt eine grüne Weihnachtsmannmütze mit der Aufschrift „1. Advent 2011“. Seit dem Morgen haben sich drei Männer und eine Frau mit ihren Armen in die rund 600 Kilogramm schwere Pyramide einbetoniert.

"Dritte Generation von Betonpyramiden"

„Das ist die dritte Generation von Betonpyramiden“, meint Herbert Waltke von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. „Wir haben seit dem letzten Castor-Transport getüftelt.“ Mit einer komplizierten Konstruktion aus Beton und Eisen versuchen die Landwirte, die Polizei auszutricksen.

Einer der vier Angeketteten ist schon zum sechsten Mal dabei. Dagegen hat sich die 23 Jahre alte Hanna Schwarz zum ersten Mal einbetonieren lassen. Sie ist mit dem Widerstand gegen den Castor-Transport aufgewachsen. Die Familie stammt aus dem Wendland, auch der Vater und der Bruder steckten schon einmal in Beton.

Auch in Harlingen von der Polizei eingekesselte Demonstranten fühlen sich als Gewinner gegen den von ihnen so verhassten Atommüll. „93 Stunden sind ein Riesenerfolg“, sagt Heinz-Jürgen Goldkuhle aus dem Münsterland.

Trotz des für 2022 von der Bundesregierung angekündigten Atomausstiegs und der Suche nach einem alternativen Endlagerstandort sei der Widerstand nicht abgeflaut, sondern stärker geworden. „Die Leute merken, dass in Gorleben ein Lügengebäude weitergebaut werden soll“, sagt Goldkuhle. „Immer mehr Leute wollen sich daher dem Castor gewaltfrei entgegenstellen. Die Stimmung ist enthusiastisch.“

Bei aller Euphorie – ein Vergnügen sind die Blockaden aber trotz der für die zahlreichen Medienvertreter zur Schau gestellten Gelassenheit nicht. Seit der Auflösung einer Sitzblockade mit rund 3000 Demonstranten am frühen Morgen stehen die Männer und Frauen meist frierend am Rand der Strecke. Jacken, Decken und Rucksäcke mussten sie abgeben. Und gehen darf nur, wer seine Personalien angibt und dafür einen Platzverweis akzeptiert.

Von außen werfen am Nachmittag einige bereits freigelassene Atomgegner Brötchen und Schokolade in den „Kessel“, in dem noch 500 Demonstranten festgehalten werden. Eine Rentnerin fordert einen Austausch: „Lasst die Jungen raus, nehmt mich.“

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