Missbrauchsopfer

"Wenn ich Kirchenglocken höre, wird mir schlecht"

Zwei Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche erzählen von ihrem Treffen mit Benedikt XVI. in Erfurt. Opferverbände kritisieren die exklusive, private Unterredung.

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Sonja F. fällt es schwer, zu Hochzeiten oder Taufen von Freunden und Verwandten zu gehen. Die 35-Jährige erträgt die katholischen Gottesdienste nicht, die Rituale, die Gebete, die Gewänder. Besonders bei der Wandlung und den Worten „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ –, da wird ihr „übel, mulmig“.

Sie war neun Jahre alt, als sie in einer kleinen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen Messdienerin wurde, das erste Mädchen in diesem Amt in jenem Ort, den sie nicht nennen möchte. Was ihr dort in den Kirchenräumen seit ihrem siebten Lebensjahr von einem Priester immer wieder angetan wurde, kann sie nur schwer erzählen.

"Er hat gesagt, das passiert in Gottes Sinne"

Immer wieder unterbricht sie sich, starrt ins Leere. Bis vor wenigen Jahren hat sie geschwiegen, niemandem von dem sexuellen Missbrauch erzählt. Ihre Stimme ist leise: „Er hat gesagt, das passiert alles in Gottes Sinne, und wenn ich darüber rede mit irgendjemandem, dann sieht Gott das, weil Gott alles sieht, und wird mich dann strafen.“

Jahrelanges Schweigen im Sinne Gottes. Und nun sollte sie alles erzählen – dem „Stellvertreter“, dem Papst. Als sie ihre Einladung bekam, wurde ihr mitgeteilt, sie solle vorab mit niemandem über dieses Treffen in Erfurt sprechen – zum Schutz der Privatsphäre der Opfer. Schweigen, nicht reden dürfen, das weckt in ihr Erinnerungen: die vielen gewalttätigen Momente, die Ohnmacht, der Verlust ihrer Kindheit.

Sexueller Missbrauch und Misshandlung bei den Ordensschwestern

Diesen Verlust teilt Alfred B. mit ihr. Er war ebenfalls zum geheimen Treffen mit dem Papst eingeladen. Auch Alfred B. hatte, wie Sonja F., nicht Kind sein dürfen. Der 63-Jährige lebt heute in Stuttgart. Er wurde 1948 von seiner Mutter nur einen Tag nach seiner Geburt in ein ländliches, abgelegenes Kreiskinderheim nach Baersdonk nahe Geldern gegeben.

Die Mutter wollte ihn nicht, und zwei Ordensschwestern im Heim behandelten ihn eher wie ein Tier als wie einen Menschen. Als er neun war, kam sexueller Missbrauch durch eine der beiden Schwestern hinzu. Unter der Obhut der Kirche.

Und nun ein Treffen mit dem Oberhaupt der Institution. Alfred B. hatte sich zuvor bereits an die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) sowie an Ordensschwestern gewandt. So kam er nach Erfurt. Sonja wurde auch über die DBK, bei der sie zuvor einen Entschädigungsantrag gestellt hatte, eingeladen.

Opferverbände kritisieren Geheimhaltung des Treffens

Es war Freitagabend, der zweite Tag des Papstbesuchs, draußen dämmerte es. Drinnen im Erfurter Priesterseminar saßen Sonja und Alfred mit den drei anderen Missbrauchsopfern um einen Holztisch herum. Irgendwo im nüchternen Raum hing ein Kreuz. Die fünf warteten auf den Papst.

Die Verbrechen unter kirchlichen Dächern waren auf einmal wieder zum Greifen nah. Am Nachmittag hatten sich die fünf kennengelernt. Und Bischof Ackermann, der DBK-Beauftragte für das Missbrauchsthema, war die ganze Zeit über dabei.

Die exklusive Zusammenkunft war von der DBK auf Wunsch des Papstes organisiert worden. Die Geheimhaltung und die Art des Treffens wurden von vielen Seiten kritisiert, vor allem von den Opferverbänden. „Ein neues Treffen nach dem Muster Verleugnen, Verschweigen und Vertuschen“ sei dies gewesen, so das Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt.

Der Papst kommt zu spät, wirkt müde und erschöpft

Benedikt XVI. kam etwas später, die Minuten des Wartens waren lang. „Ich war nervös, das war wie im falschen Film, anfangs doch sehr unwirklich“, sagt Sonja. Sie hatte, ehe sie zusagte, noch einmal eine Nacht darüber schlafen wollen. Doch dann entschied sie sich schnell. Es tut ihr gut, das Schweigegebot des Täters zu brechen: „Damit es keine Macht mehr hat und damit es offiziell wird, an höchster Stelle erkannt wird!“

Sonja, die ihre Geschichte jahrelang für sich behalten hatte, will einfach nur auspacken dürfen. Durch das Erzählen ein Stück der eigenen Würde wieder herstellen. Das treibt Alfred wohl auch an, das hatte ihn hierher nach Erfurt zum Papst geführt: „Erwartet habe ich nichts, ich wollte, dass mir jemand zuhört, und daran habe ich auch geglaubt.“

Als dann der Papst in den Raum kam, „hat er mir erst einmal leidgetan, weil er so müde und erschöpft wirkte“, erzählt Sonja. Benedikt setzte sich mit an den Tisch, Alfred saß ganz nah bei ihm. Ein 84-Jähriger und ein 63-Jähriger schauten sich an, und dann begann der eine zu erzählen. In welchem Heim er war, was ihm wie lange angetan wurde, wie viele Ordensschwestern es waren. Dass sie nicht mehr leben. Der Papst fragte mehrmals nach, immer wieder gab es Sekunden der Stille.

"Ich bin sehr bestürzt, das ist schlimm"

Alfred F. war von einer Ordensschwester nachts immer wieder in ein abgelegenes Zimmer gesperrt und dort sexuell missbraucht worden. Die andere Schwester war sadistisch. Sie wickelte das Kind in ein Laken, das es zuvor genässt hatte, zog es darin über den Gang und klatschte es gegen die Wand.

Sein Leid, so Alfred, habe er dem Papst erzählt, nur nicht so detailliert: „Der Papst schaute mich an und sagte dann“, so Alfred, „folgende Worte: Ich bin sehr bestürzt, das ist schlimm, was man Ihnen angetan hat.“ Für Alfred war die Begegnung mit dem Papst wie eine umgekehrte Form des Beichtstuhls: „Nicht ich hatte mich eigentlich zu offenbaren, sondern er hatte mir etwas zu sagen.“

"Ich will meine Kindheit und meine Würde zurückhaben"

Der Raum in Erfurt war angefüllt mit der Schuld der Kirchenmitarbeiter, die sich an diesen und vielen anderen Kindern vergangen hatten. Das ist eine Schuld, die auch nach dem Tod des ?Täters fortbesteht. Auch Sonja saß neben dem Papst, war als Letzte an der Reihe, ihre Geschichte zu erzählen. Sie berichtete ihm, dass sie noch heute unter den sexuellen Gewalttaten leidet.

Auch der Priester, der Sonja missbrauchte, lebt nicht mehr. Später erzählt sie dann ausführlich: „Ich will meine Kindheit und meine Würde zurückhaben, möchte Nähe ohne Angst und schmerzhafte Erinnerungen erleben dürfen und unbeschwert und unzerstört leben.“ Sonja und Alfred erzählen beide, wie offen der Papst ihnen im Gespräch begegnete. Sonja: „Er kam mir sehr authentisch vor, sehr menschlich, keine Floskeln, sondern einfach ehrlich.“

Missbrauchsfälle stürzten Kirche in tiefe Vertrauenskrise

Wurden drinnen hinter dicken Mauern dem Papst die zerstörten Lebensgeschichten ganz unverblümt erzählt, so fühlen sich draußen in ganz Deutschland etliche andere Missbrauchsopfer ausgeschlossen. Im vergangenen Jahr wurde die katholische Kirche durch das Bekanntwerden der vielen Missbrauchsfälle – von Berlin bis in den Schwarzwald – in eine tiefe Vertrauenskrise gestürzt.

Seither haben sich Tausende Opfer allein bei der Hotline der katholischen Kirche gemeldet – und es gibt gewiss noch viele, die weiter schweigen. Die Opferverbände kritisieren das exklusive, private Treffen in angeblich gemütlicher Atmosphäre.

Es ist etwa für den „Eckigen Tisch“, einen Zusammenschluss von Geschädigten an deutschen Jesuitenschulen, ein weiteres Zeichen der „vermachteten Institution, an der wir abprallen wie von einer Wand“. Man habe versucht, als Opferverein auch mit an den Tisch zu kommen – erfolglos. Ein Dialog über die systemischen Ursachen sexueller Gewalt sei eben nicht möglich.

Kritiker fordern offenen Dialog

Der Sprecher der DBK, Matthias Kopp, weist diese Kritik zurück: „Wir haben bei der Auswahl der Teilnehmer am Gespräch mit dem Papst auf verschiedene Kriterien geachtet: Geschlecht, Ort des Geschehens, regionale Herkunft. Diese Breite haben wir durch fünf Teilnehmer, drei Männer und zwei Frauen, erreicht.“

Darum aber geht es den Kritikern nicht, sie wollen den offenen Dialog, die Anerkennung des Leids aller Betroffenen. Das Treffen hat viele draußen gebliebene Opfer schwer enttäuscht.

Die fünf Auserwählten saßen eine gute halbe Stunde lang mit dem Papst zusammen. Sonja erzählte ihm, dass sie aus der Kirche ausgetreten ist. Sie kann die Kirchenglocken nicht mehr läuten hören, ohne dass ihr schlecht wird. Nun ist sie in einer evangelischen Freikirche. Sie hatte ein verkorkstes Gottesbild. Irgendwie glaubt sie nun doch an einen „liebenden Gott“.

Irgendetwas habe sie gerettet, ihr geholfen, den richtigen Weg zu finden. Die Reaktion des Papstes auf ihren Übertritt hat sie überrascht: „Er war froh, dass ich den Weg zu Gott zurückgefunden habe, das war so der Schwerpunkt für ihn, darüber war er sehr froh.“ Am Ende des Zusammentreffens erteilte der Papst seinen Segen.

Wenig Hoffnung aus Aufarbeitung des Missbrauchs

Alfred ist noch Mitglied der katholischen Kirche. Er verdammt nicht die Institution als Ganzes, aber er beklagt mangelnde historische Aufarbeitung – vonseiten der Kirche und vom Staat. Es müssten alle Fälle registriert und öffentlich gemacht werden, sagt Alfred.

Der Papst habe zwar ganz zum Schluss gesagt, dass er um Aufklärung bemüht sei und wolle, dass diese Geschichten aufgearbeitet werden. Doch viel Hoffnung macht Alfred sich da nicht: Von offizieller Seite werde bestimmt nicht viel kommen. Anders kann sich Alfred auch nicht erklären, warum die Schicksale der misshandelten Heimkinder in Deutschland so lange verschwiegen wurden.

Die Begegnung mit dem Papst Benedikt und gleichzeitig dem Menschen Joseph Ratzinger scheint Sonja und Alfred seelisch geholfen zu haben. Sie haben ihre bedrückende Leidensgeschichte dem Kirchenoberhaupt offenbart, einem Mann, der sich aus ihrer Sicht verantwortlich zeigte. Ein Glück für die beiden. Für zwei von Tausenden Opfern.

Kein Wort zum Missbrauch in der Messe

Bevor Sonja und Alfred wieder aus Erfurt abreisten, nahmen sie am Samstag, am Morgen nach dem Treffen, noch an der Heiligen Messe mit dem Papst auf dem Erfurter Domplatz teil, auf Ehrenplätzen. Vor ihnen saßen Kardinäle und Bischöfe. Es war ein frischer, klarer Morgen.

Doch da ging es schon wieder los bei Sonja. Sie hörte das Glockenläuten, roch den Weihrauch, erlebte die Kommunion. Und sie zitterte am ganzen Körper. „Das Wissen um diejenigen Vertreter der Kirche um mich herum, die sich für mich einsetzen, hat mir in diesem Moment geholfen.“

Doch eines hat ihr bei der Messe sehr gefehlt. Der Papst hätte, so sagt sie, doch so leicht noch ein, zwei Sätze sagen können über das Leid aller Missbrauchsopfer, das er sieht, und dass er allen Missbrauchsopfern Kraft wünsche, das durchzustehen. Doch da kam nichts.

Marie von Mallinckrodt, Journalistin beim Bayerischen Rundfunk, hat für das ARD-Politmagazin „report München“ mit den Opfern gesprochen. Der Fernsehbeitrag ist unter www.report.de zu sehen. Mitarbeit: Ahmet Senyurt