Terrorgruppe

Mordserie - Staat hat kläglich versagt

Jahrelang zog offenbar eine mordlustige Braune-Armee-Fraktion durch die Bundesrepublik, tötete Menschen türkischer oder griechischer Herkunft. Doch die Ermittlungsbehörden hielten es für eine Abrechnung im Milieu. Der Staat hat versagt, meint Claus Christian Malzahn. Ein Kommentar.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Man kann es kaum glauben. Jahrelang zieht eine mordlustige Braune-Armee-Fraktion durch die Bundesrepublik – und keiner hat sie bemerkt. Von mindestens zehn Opfern ist die Rede. Weil zwei von ihnen einen Imbiss besaßen, wurden die Verbrechen bisher als „Dönermorde“ bezeichnet. Diese flapsige Klassifizierung sollte man sich schnell wieder abgewöhnen. Die Killer haben keine Döner umgebracht, sondern Menschen – weil sie türkischer oder griechischer Herkunft waren. Es waren Verbrechen aus rassistischem Hass.

Schon jetzt ist klar, dass wir es mit einer der größten Terrorserien in der Geschichte der Bundesrepublik zu tun haben. Die Mörder aus Jena töteten zwar am Tage – aber im Stillen. Sie benutzten nicht nur bei ihrer Waffe einen Schalldämpfer. Umso bizarrer, dass man jetzt in ihrem Versteck auch Videos mit Fotos von blutverschmierten Opfern und voradressierte Umschläge an Medien und islamische Vereine gefunden hat. Offenbar haben die Killer kühl zwischen Sündenstolz und Tarnung abgewogen, am Ende ging es ihnen um effektives Morden.

Lange, viel zu lange, haben die Ermittlungsbehörden diese Verbrechensserie für eine undurchschaubare Abrechnerei im türkischen Milieu gehalten. Der Staat hat hier kläglich versagt. Seit den 90er-Jahren breiten sich vor allem in den neuen Ländern gewaltbereite Neonazi-Gruppen aus. Vor allem auf dem Land und in kleinen Städten verbreiten sie Angst und Schrecken. Aus diesem Milieu stammen offenbar auch die Jenaer Hassmörder. Es ist höchste Zeit, diese „Kameradschaften“ nicht nur ein bisschen zu beobachten, sondern sie mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln gesellschaftlich zurückzudrängen. In manchen englischsprachigen Reiseführern wird seit Langem vor deutschen Skinheads gewarnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Ausländer aufgrund ihrer äußeren Erscheinung, insbesondere Schwarze, zum Opfer rassistischer Gewalt werden können, sei in Ostdeutschland und in Teilen Ost-Berlins „um ein Vielfaches höher als in Westdeutschland“, konstatierte beispielsweise der in Berlin und Brandenburg ansässige Afrika-Rat schon vor Jahren. Wurden diese Warnungen eigentlich alle überhört?

Vor 20 Jahren brannten Asylbewerberheime und von Türken bewohnte Häuser. Die Orte unserer Schande hießen Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen. Es hat aber nie aufgehört zu lodern, wir haben nur die Flammen nicht gesehen. Die türkischstämmigen Einwohner der Bundesrepublik werden sich nun fragen, ob dieser Staat sie eigentlich schützen kann und will. Als Anfang der 90er-Jahre manche Angehörige bei Anschlägen umkamen, blieb die große, solidarische Geste aus. Kein Kanzler, kein Bundespräsident reiste an den Ort der Taten. Umso mehr ist nun die erste Reihe der deutschen Politik gefragt. Die Hinterbliebenen der Opfer warten auf Beistand und eine Erklärung. Wir sind ihnen beides schuldig.

Wer die deutsche Zivilgesellschaft mit dem Tode bedroht, verdient unsere Verachtung und die ganze Härte des Gesetzes. Unseren türkischen Nachbarn sagen wir heute: Bütün Almanya üzgün – ganz Deutschland trauert. Aber es wird sich wehren.