Skurrile Wohnheime

Deutsche Studenten ziehen in Kummer-Immobilien

Obdachlosenheime, Gartenhäuser und Gefängnisse – Studenten interessieren sich vermehrt für ungewöhnliche Immobilien. Denn der Wohnraum wird knapp und teuer.

Foto: Studentenwerk Frankfurt

Das siebenstöckige Haus in der Frankfurter Innenstadt war ein Ort für Gesetzlose. Die Fassade dunkelgrau, in den Fenstern herunterhängende Jalousien. Im Inneren des Gebäudes – Zellen mit Gitterstäben. 30 Jahre lang sperrten die Beamten des 4. Polizeireviers hier Verbrecher ein. Heute kommen die Leute freiwillig. Aus dem Polizeigebäude wurde ein Studentenwohnheim mit 48 Appartements.

Das Studentenwerk Frankfurt am Main ließ das Haus für vier Millionen Euro umbauen. Die Ausnüchterungszellen sind einem Garten gewichen.

"Aus der Not heraus geboren"

Immer mehr Studentenwerke kaufen sogenannte Kummer-Immobilien, die meist leer stehen oder auf dem Markt nicht weggehen, und bauen sie zu Studentenwohnheimen um. "Es ist ein Trend, der aus der Not heraus geboren wurde", sagt Stefan Grob von den Deutschen Studentenwerken. "Wir versuchen damit dem Studentenansturm entgegenzuwirken."

Durch den doppelten Abiturjahrgang in Bayern und Niedersachsen und die Abschaffung des Wehrdienstes strömen mit mehr als einer halben Million junger Menschen so viele Studenten wie noch nie an die deutschen Hochschulen. An der Technischen Universität in München haben 8000 Erstsemester mit dem Studium begonnen – das sind 2600 mehr als das Jahr zuvor.

Mit 6300 neuen Studenten an der Uni Leipzig haben 3300 Erstsemester mehr als vergangenes Jahr ihr Studium aufgenommen. An der Uni in Hamburg haben sich vergangene Woche sogar 8500 Studenten eingeschrieben. So viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Ähnlich ist es in Frankfurt, Köln, Gießen.

Nicht annähernd genügend Wohnheimplätze

Wohnheime sind die billigste Wohnform für die Studierenden – abgesehen vom "Hotel Mama" natürlich. Nach der Sozialerhebung 2009 der Deutschen Studentenwerke kostete es im Schnitt 222 Euro, in einem Wohnheim zu leben mussten 237 Euro und in einer WG 264 Euro bezahlt werden. Aber es gibt nicht einmal annähernd genügend Wohnheimplätze .

Aktuell gibt es deutschlandweit 220.000 Wohnheime, aber mehr als 2,2 Millionen Studenten. Nur jeder zehnte Student kann also auf ein Zimmer in einem Wohnheim hoffen; in Hessen sogar nur jeder 13. Studierende. Es wird eng in den deutschen Unistädten. Die Studentenwerke reagieren und entdecken den Markt der günstigen Zweckimmobilien.

So verhandelt das Studentenwerk Frankfurt am Main nach dem erfolgreichen Umbau des Polizeireviers schon über das nächste Wohnprojekt: ein ehemaliges Gefängnis. In Siegen wurde ein Obdachlosenheim erfolgreich umgebaut. Hier ist der Kauf eines alten Krankenhauses gerade in Planung.

In Kassel wohnen die Studenten in einem ehemaligen Elektrizitätswerk. Wo früher Stromzähler montiert wurden, wohnen jetzt Studierende mit Kindern. Im bayerischen Regensburg nutzt man besonders denkmalgeschützte Zweckimmobilien wie Klöster oder Bauten, die sogar zum Weltkulturerbe gehören.

So leben in der Regensburger Altstadt die Akademiker von morgen wie einst Rapunzel - in einem 50 Meter hohen Turm, der nach italienischem Vorbild im Jahre 1260 gebaut wurde.

"Wir sind für jede Immobilie offen"

"Grundsätzlich sind wir für jede Immobilie offen, die sinnvoll und finanzierbar ist – egal ob 'Kummer' oder nicht", sagt Katrin Wenzel vom Studentenwerk Frankfurt am Main, "doch das Gesamtpaket muss stimmen." Die Lage des Gebäudes sei wichtig, der Gesamtzustand und die Brandschutzanlagen.

"Bei einem Gefängnis muss man sich natürlich die Zimmergrößen anschauen. Kann sein, dass man da ein paar Wände einreißen muss", sagt sie. Das Geschäft muss sich lohnen, damit die Studentenwerke weiterhin bezahlbare Mieten anbieten können.

Denn gerade in den Unistädten sind Wohnungen auf dem freien Markt knapp und teurer. Laut der aktuellen 19. Sozialerhebung der Deutschen Studentenwerke geben die Studenten in München mit 348 Euro am meisten Geld für Miete aus. Dicht gefolgt von Hamburg und Köln mit 345 Euro und 333 Euro.

Der Bundesdurchschnitt liegt mit 281 Euro weit darunter. Zimmer in Studentenwohnheimen sind noch mal 20 bis 30 Prozent günstiger, aber eben auch sehr beliebt.

"Umbau ist manchmal günstiger als Neubau"

"Wir möchten, dass die Mietpreise für unsere Studierenden hier in der Stadt auf dem Boden bleiben", sagt Ursula Rosenstock vom Studentenwerk Osnabrück. "Der Umbau einer Zweckimmobilie ist manchmal günstiger als ein Neubau." Das Studentenwerk gilt nicht nur in Niedersachsen bei ungewöhnlichen Studentenwohnheimen als Vorreiter.

Studenten können dort in einem ehemaligen Wasserwerk, einer Fabrik oder einem über 200 Jahre alten Bauernhof wohnen. Sie haben die Wahl zwischen einer Scheune, einer Remise und einem Stall. Alles im Fachwerkstil. Das Gemüsebeet gehört auch zum Grundstück, genau wie die hauseigenen Hühner.

"Es kommen immer mehr Makler mit Angeboten auf uns zu", sagt Rosenstock. "Aber wir nehmen längst nicht alles. Wenn zum Beispiel ein Gebäude direkt neben den Gleisen liegt oder eine schlechte Bausubstanz hat, ist das nichts für uns."

Das Vorzeigewohnheim in Osnabrück ist ein ehemaliger Wachturm auf der Stadtmauer. Das kleine Fachwerkhaus ist wohl das kleinste Studentenwohnheim Deutschlands. Auf den 17 Quadratmetern, die sich über drei Etagen erstrecken, ist Platz für genau einen Mieter. "Natürlich lohnt sich so ein Wohnheim finanziell nicht, aber es ist eben ein Schmuckstück", sagt Rosenstock.

Verrottetes Gartenhäuschen renoviert

Jüngst kam ein weiteres Schmuckstück hinzu. Mitten im Osnabrücker Bürgerpark stand auf einer Lichtung ein fast verrottetes Gartenhäuschen. Das Studentenwerk hat das Häuschen umgebaut und vollständig renoviert.

Auf insgesamt 40 Quadratmetern wohnen da jetzt zwei Studenten. Der Park ist quasi ihr privater Garten. "Na ja, ganz so privat ist es auch nicht. Die Parkbesucher wollen das ungewöhnliche Häuschen oft erkunden, schauen in die Fenster oder wollen hinein", sagt Rosenstock und lacht. "Wir haben da jetzt einen Gartenzaun hingebaut."

Ein Gartenhäuschen hat das Studentenwerk Frankfurt am Main noch nicht. Dafür wurde dort ein Aufruf im Internet gestartet mit der Bitte an die Frankfurter, Studenten private Zimmer zur Verfügung zu stellen. Rund 200 Angebote kamen in den letzten zwei Monaten zusammen.

Eine ungewöhnliche Annonce war auch hier dabei: "Ein Raum wurde beschrieben als 'Zimmer in einem Haus mit schwierig pubertierendem Sohn – und einem Kaninchen' ", erinnert sich Katrin Wenzel. Kurze Zeit später war auch dieses Zimmer vermietet.

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