Guido Westerwelle trägt keinen Bauhelm und keine Arbeitsschuhe. Er verzichtet auf bilderträchtige Accessoires und betritt die Baustelle in einem anthrazitfarbenen Anzug, mit stahlblauer Krawatte. Er wirkt staatstragend. Westerwelle schaut nach oben und staunt über den „Kristall“, ein kristallin geformtes, verwinkeltes Glasdach. „Das ist auf den ersten Blick sehr schön“, sagt der wahrscheinliche Vizekanzler einer sich anbahnenden schwarz-gelben Koalition in Berlin.

Er lässt sich in eine halbdunkle Halle führen, die später einmal der große Konferenzsaal sein wird. Kabel ragen aus Decken und Wänden, kleine runde Löcher für die Belüftungsgitter klaffen im Boden. Westerwelle hört zu, wie der Bauleiter erzählt, dass rund 85 Prozent des Gebäudes vollendet sind, dass die Heizungsanlage noch fehlt und die Zeit drängt, weil der Winter naht und der Bau noch nicht trocken ist.

Westerwelle steht direkt neben dem Insolvenzverwalter. Der FDP-Parteichef hat sich gewissermaßen als weißer Ritter an einen Skandal herangewagt, ein ungewöhnlicher Schritt für einen Politiker, aber verlieren kann Westerwelle dabei nicht. Denn schlimmer kann es kaum mehr kommen.

Drei Tage vor den beginnenden Koalitionsverhandlungen mit den Parteivorsitzenden Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU) in Berlin ist Westerwelle gewissermaßen in ein Krisengebiet gereist, das neben dem früheren Bundestag und nahe dem historischen Kanzlerbungalow liegt.

Kriminelle Machenschaften in Bonn

Die frühere Bundeshauptstadt leidet an einem Bauskandal, in dem es um Bestechung und Betrug geht. Ausgerechnet ein Prestigeprojekt für die Vereinten Nationen und dazu in Westerwelles Heimatstadt ist offenbar von kriminellen Machenschaften betroffen.

Westerwelle ist gekommen, um seine Unterstützung für den Erweiterungsbau des World Conference Centers Bonn (WCCB) zu bekräftigen. Wie dies aussehen könnte, ob der Bund gar Nothilfe leistet bei dem in Misskredit geratenen 200-Millionen-Euro-Projekt, ist noch unklar.

Eines ist klar: Westerwelle will wie auch die Stadt und alle örtlichen Parteien, dass der flache Erweiterungsbau mitsamt Hotel vollendet wird. „Ich bin feurig daran interessiert. Das kann ein richtiges Schmückstück für die gesamte Region werden“, sagte er. „Das ist mehr als eine wirtschaftliche Frage.“ Bonn sei ein „Zentrum für die Vereinten Nationen“. „Es ist außerordentlich wichtig für das Ansehen und das Image der Stadt“, betont Westerwelle.

Seit Wochen folgt eine Hiobsbotschaft auf die nächste. Mitte September eröffnete die Staatsanwaltschaft Bonn ein Ermittlungsverfahren. Mehrere Personen stehen unter dem Verdacht der Untreue, Bestechung und des Betrugs im Zusammenhang mit dem ambitionierten Bauprojekt, dessen Kosten von 139 auf rund 200 Millionen Euro empor geschnellt sind.

Spätestens da wusste man in der ehemaligen Bundeshauptstadt am Rhein, die sich als Konferenz-Kapitale anpreist, dass ihr ein Bauskandal widerfahren ist. „Wir müssen also von kriminellen Machenschaften sprechen“, erklärte Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD), im Stadtrat. Die Lage um das Konferenzzentrum sei „dramatisch“.

Für Dieckmann, die am 20. Oktober offiziell die Amtsgeschäfte an ihren neu gewählten Nachfolger Jürgen Nimptsch (SPD) übergibt, ist die Entwicklung besonders tragisch. Dieckmann hat das prestigeträchtige Projekt WCCB als Chefsache behandelt, das nun das Ende ihrer 15-jährigen Ära überschattet.

Schauplatz internationaler Konferenzen

Der Erweiterungsbau soll im früheren Regierungsviertel ein spektakuläres Ensemble des WCCB komplettieren und eigentlich zum Jahresende öffnen. Der Plenarsaal, in dem der einst Bundestag zusammenkam, das alte Wasserwerk als ehemaliger Wirkungsstätte des Parlaments und eben jene Konstruktion mit Glasbedachung sollen Schauplätze internationaler Versammlungen und Konferenzen sein.

Die FDP will dort im nächsten Jahr ihren Bundesparteitag abhalten. Westerwelle wollte damit seiner Stadt und auch seiner Partei eine historische Referenz erweisen. Doch es ist alles unwägbar geworden. Die Fertigstellung wird sich wohl verzögern. Die Projektgesellschaft „United Nation Conference Center Bonn GmbH“ (UNCC) hat inzwischen Insolvenz angemeldet.

Der Betrieb auf dem eingezäunten Gelände ruht, seitdem Ermittler der Staatsanwaltschaft bei einer Razzia zahlreiche Akten beschlagnahmten. Sie nahmen den Architekten und zeitweiligen Geschäftsführer der Projektgesellschaft UNCC, Young Ho H., in Untersuchungshaft ebenso wie den Geschäftsführer der Betreibergesellschaft „WCCB Management GmbH“, Michael T.

Einer der Inhaftierten soll eingeräumt haben, dass es Schmiergeldzahlungen gegeben habe. H. wurde nach Zahlung einer Kaution aus der Haft entlassen. Er soll umfangreiche Aussagen gemacht haben.

Überfordert oder sogar fahrlässig

Die Staatsanwaltschaft Bonn sieht hinreichend Hinweise dafür, dass bei diesem renommierten Bauprojekt einiges unrechtmäßig gelaufen ist und staatliche Fördermittel abgeschöpft wurden. Die Lage ist verworren und hinterlässt den Eindruck, dass die Stadtverwaltung bei dem Projekt mindestens überfordert war, wenn nicht sogar fahrlässig gehandelt hat.

Morgenpost Online fragte die Stadt, ab welchem Zeitpunkt es bei der Stadt begründeten Anlass zum Zweifel an der Seriosität und Rechtmäßigkeit der Vorgänge gegeben habe. „Diese Informationen hat die Stadt der Staatsanwaltschaft Bonn weitergegeben“, lautet die „Antwort“. Man könne sich wegen des laufenden Ermittlungsverfahrens nur eingeschränkt äußern.

Die Ermittler mussten zunächst verstehen, wie die komplizierte Struktur hinter dem WCCB aussieht und welche Aufgaben die Beteiligten übernommen haben. Investor K. hat als Vorstandschef der amerikanischen SMI Hyundai Corporation geschickt die Sehnsucht Bonns beflügelt, ein Mittelpunkt im Weltgefüge zu bleiben.

Der Verlust der Hauptstadt-Funktion war schmerzhaft für die beschauliche Rheinstadt; der Umzug der Bundesregierung und eines Großteils der Ministerien vor zehn Jahren nach Berlin bedeutete einen historischen Verlust.

Bonn erhofft sich eine Zukunft als „UN-City“, als zentraler Standort der Vereinten Nationen (UN), die dort mehr als ein Dutzend Büros und Referate angesiedelt haben. Gegenüber dem ruhenden WCCB-Erweiterungsbau, hinter den hohen Bauzäunen, ist Maschinenlärm zu hören. Dort im alten Abgeordnetenhaus zieht bald das „Sekretariat der Klimarahmenkonvention“ der UN ein.

Im Februar 2002 schloss der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan mit dem Bund, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt einen Staatsvertrag, wonach die „Bundesstadt“ als UN-Repräsentanz ausgebaut und neue Tagungskapazitäten geschaffen werden. Das Projekt bekam einen neuen größeren Namen: Das bisherige „Internationale Kongresszentrum Bundeshaus Bonn“ (IKKB) mutierte werbegerecht zum „World Conference Center Bonn“ (WCCB).

Dieser Hintergrund ist notwendig, um die Ambitionen hinter dem WCCB-Erweiterungsbau zu verstehen. Denn möglicherweise hat dieses Streben nach Größerem in Bonn den Blick aufs Wesentliche getrübt und gewiefte Geschäftemachereien erleichtert. Die Stadt hat in einem internen Sachstandsbericht den Verlauf hin zum Skandal dokumentiert.

Demnach tauchte der spätere Geschäftsführer der WCCB Management GmbH, Michael T., um die Jahrtausendwende als Berater auf, der die Stadt bei der Umsetzung eines Kongresszentrums unterstützte. T. äußerte sich 2005 in einer Wirtschaftlichkeitsberechnung für die Stadt wohlwollend über SMI Hyundai und war zu dem an den monatelangen Verhandlungen beteiligt, wie aus einem aktuellen Sachstandsbericht der Stadt und Passagen der Wirtschaftlichkeitsberechnung hervorgeht, die Morgenpost Online vorliegen.

Der Stadtrat votierte gutgläubig für den vielversprechenden Investor. T., wechselte dann als Berater auf die Seite von SMI Hyundai und wurde Teilhaber der Betreibergesellschaft WCCB Management GmbH sowie deren Geschäftsführer. „Spätestens da hätte die Stadt hellhörig werden müssen“, sagt Grünen-Fraktionschefin im Rat, Dorothee Paß-Weingartz, im Gespräch mit Morgenpost Online.

Doch Vorbehalte in der Stadtverwaltung über diesen fragwürdigen Seitenwechsel sind nicht bekannt. Sie werden auch im Sachstandsbericht nicht thematisiert. Morgenpost Online fragte, wie die Stadt Bonn T.s Verhalten bewertet. Die Stadt erwiderte lapidar: „Das ist Gegenstand des Ermittlungsverfahrens.“

Es ist unklar, wann die Stadt mit ihrem Controlling merkte, dass das Projekt aus dem Ruder lief. Die Hinweise waren im Rückblick alarmierend. Von dem vorgesehenen Eigenkapital in Höhe von 40 Millionen Euro sind zunächst nur zehn Millionen Euro geflossen, die, wie sich herausstellte, aus einem Kredit stammten.

Bereits im November 2007 wurden Liquiditätsprobleme bei SMI Hyundai deutlich, wie aus dem Sachstandsbericht hervorgeht. Die Sparkasse Köln Bonn erhöhte nach Krisengesprächen ihren Kreditrahmen von 74 Millionen Euro auf 104 Millionen Euro. Das Land NRW hat ohnehin 35 Millionen Euro an Fördermitteln bereitgestellt.

Westerwelle macht auf Optimismus

In der Not verpfändete Investor K. offenbar seine UNCC-Anteile an einen niederländisch-israelischen Finanzinvestor und präsentierte einen koreanischen Finanzier. Doch damit wurde es noch komplizierter, denn seitdem ist die Eigentümerfrage strittig.

Das Landgericht Bonn entschied im August vorläufig zugunsten des niederländisch-israelischen Kreditgebers, dem danach mehr als 90 Prozent der Anteile zustehen. Der Rechtsstreit dauert noch an. So ist das Projekt, das vorwiegend privatwirtschaftlich getragen und lediglich mit öffentlichen Mitteln kofinanziert werden sollte, zu einem Notfall geworden.

Die Fraktionen von CDU und Grünen im Rat sehen sich getäuscht und forderten der Rücktritt von Oberbürgermeisterin Dieckmann. Sie verteidigte sich: „Gegen mögliche Täuschung ist niemand gefeit, gegen kriminelle Machenschaften erst recht nicht (…) Ich werde mich nicht in einer schwierigen Situation aus meiner Verantwortung stehlen.“

Wahrscheinlich wird die Stadt das so genannte „Heimfallrecht“ in Anspruch nehmen und in die Eigentümerrolle wechseln. Die Stadt hat den Projektvertrag mit UNCC bereits gekündigt.

Doch der Bau soll nun fertig gestellt werden. „Für die Kongress- und UNO-Stadt Bonn ist das Konferenzzentrum unverzichtbar. Der Rat unterstreicht seinen politischen Willen, alle Maßnahmen zu ergreifen, das World CC Bonn fertig zu stellen“, heißt es in der Beschlussvorlage des Rates.

Die Zeit drängt. Der vorläufige Insolvenzverwalter erläutert FDP-Parteichef Westerwelle bei seinem Besuch auf der Baustelle, dass noch sämtliche Baufirmen an Bord seien. Es gehe darum, „die Vergangenheit ruhen zu lassen und in die Zukunft zu sehen. Wir wollen, dass es ein Erfolg wird“, sagt Westerwelle. Freilich werden sich Justiz und Kommunalpolitik noch länger mit den dunklen Hintergründen des prestigeträchtigen Bauprojektes herumplagen.