Zeitversetzter Urlaub

Warum Zoé nur eine Woche Sommerferien hat

Durch den Alltag einer Familie, die in dem Städtchen Kahl am Main lebt, läuft eine unsichtbare Grenze. Eines ihrer Kinder geht in Hessen zur Schule und die anderen beide in Bayern. Dadurch, dass die Ferien in den benachbarten Bundesländern zeitversetzt beginnen, ist ein gemeinsamer Urlaub fast unmöglich.

Foto: ZB / ZB/DPA

Zoé ist zurzeit ziemlich neidisch auf ihre beiden Brüder. Wenn die Neunjährige aus der Schule kommt, liegen Luca und David noch faul im Bett. Die beiden 15- und 18-jährigen Jungs haben schon seit dem 27. Juni Sommerferien. Zoé hat offiziell noch bis Ende Juli Unterricht.

Während die Großen an den See fahren, brütet die Kleine über ihren Hausaufgaben. „Für meine Tochter ist das schon manchmal schwierig“, sagt Andrea Dähn. Eigentlich ist es das für die ganze Familie. Denn die Dähns hatten noch nie sechs Wochen Sommerferien zusammen.

Unsichtbare Grenze durch den Alltag

Durch ihren Alltag läuft eine unsichtbare Grenze. In dem bayerischen Städtchen Kahl am Main, wo die Familie zu Hause ist, geht Zoé zur Grundschule. 3,7 Kilometer weiter liegt das nächste Gymnasium, an dem ihre Brüder die zehnte und zwölfte Klasse besuchen und ihre Mutter Mathematik unterrichtet. Auf dem kurzen Weg dorthin beginnt Hessen. Und damit eine andere Zeitzone.

Bis 2017 haben sich die 16 deutschen Kultusminister auf verbindliche Termine für die Sommerferien geeinigt. Sie sollen möglichst versetzt liegen, „um zu vermeiden, dass die Erholung suchende Bevölkerung der Länder jeweils zur gleichen Zeit den Urlaub antritt bzw. beendet, und um entsprechend nachteilige Folgen für den Verkehr und für die Quartiernachfrage in den Feriengebieten zu verhindern“, heißt es in den Grundlagen des gemeinsamen Abkommens.

Nur sieben Tage Sommerferien

Während Bayern immer erst Ende Juli in die Sommerferien startet, wechseln die Termine in Hessen jährlich, meist ist das Bundesland aber früher dran. In diesem Jahr überschneiden sich die Ferien lediglich eine Woche. Das bayerische Schuljahr endet am 29. Juli – das hessische beginnt am 6. August.

Bedauerlich für Zoé: Die Viertklässlerin soll im nächsten Schuljahr zu ihren Brüdern auf die weiterführende Schule in Bayern kommen. Damit hätte sie nur noch sieben Tage Sommerferien.

Sonderferien für Ausnahmefälle

„Dieses Jahr ist extrem“, sagt ihre Mutter, die seit der Einschulung der Kinder versucht, den Familienurlaub in den wenigen Überlappungen des bayerischen und hessischen Ferienkalenders zu organisieren. Wie schon so oft hat sie auch dieses Mal wieder einen Antrag an die Grundschule formuliert:

In Ausnahmefällen kann ein Kind bis zu zwei Wochen vor Ende des Schuljahres vom Unterricht befreit werden. Als Lehrerin gefällt Andrea Dähn diese Maßname allerdings nicht besonders. „Es wäre schön, wenn sich die Ferien wenigstens etwas angleichen würden, damit wir einen Teil unserer Kinder nicht immer früher von der Schule nehmen müssen“, sagt sie.

"Das sind aber in der Regel Einzelfälle"

Aloys Lenz hört das nicht zum ersten Mal. Er kommt aus der Nachbargemeinde Großkrotzenburg und ist Landtagsabgeordneter für den hessischen Wahlkreis, in dem Zoé demnächst auf das Gymnasium geht. „Dass Familien ihre Kinder über die Grenze zu uns auf die Schulen schicken, hat eine lange Tradition“, sagt der CDU-Politiker.

„Für sie sind die unterschiedlichen Ferienzeiten natürlich sehr unangenehm.“ „Das sind aber in der Regel Einzelfälle“, meint hingegen Peter Winter (CSU), Landtagsabgeordneter für den angrenzenden bayerischen Wahlkreis. Die Verantwortung für das Urlaubsdilemma sieht er bei den Familien selbst: „Wer sein Kind in einem anderen Bundesland zur Schule schickt, muss derartige Schwierigkeiten mit einkalkulieren.“

"Nicht einen gemeinsamen Tag frei"

Andrea Dähn ist das bewusst. Durchschnittlich bleiben ihrer Familie eine, maximal zwei Wochen gemeinsame Reisezeit. „Wir buchen immer sehr früh, damit wir in dem engen Zeitfenster überhaupt irgendwo einen Platz bekommen.“ Dieses Jahr hat das geklappt: Nächsten Samstag fliegen die Dähns nach Ägypten. „Es gab aber auch schon einen Sommer, da hatten wir nicht einen gemeinsamen Tag frei“, erzählt die Mutter.

Nach mehr als zehn Jahren Planung mit zwei verschiedenen Schulkalendern im Kopf könnte sich Andrea Dähn die Zeitumrechnung nun eigentlich abgewöhnen. Im nächsten Halbjahr gehen alle ihre Kinder in einem Bundesland zur Schule. Doch wenn endlich auch ihre Tochter auf das Gymnasium kommt, wird ihr ältester Sohn das Abitur machen. Und dann haben wieder nur zwei Kinder zur gleichen Zeit Sommerferien.

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