Schlechtes Image

"Hauptschule" verschwindet aus dem Wortschatz

Vor 40 Jahren entstand die Hauptschule. Seitdem hat sich ihr Image verschlechtert. Bald könnte sie ganz verschwinden – doch manchmal bietet sie die bessere Betreuung.

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Franz Beckenbauer ist einer, der Rapper Sido und die Boxerin Regina Halmich auch: Sie alle sind Hauptschüler. Genauso Uwe Ochsenknecht, sein Sohn Jimi Blue oder die Sängerin LaFee. Sie haben eine Schule besucht, von der viele glauben, sie sei ein Auffangbecken für Leistungsschwache oder Faule. Doch sie machten Karriere. Im Musikbusiness, im Sport und unter Schauspielern gibt es viele Durchstarter, die einen Hauptschulabschluss haben. Und nicht nur da.

Marlene Grabherr heißt die zweite Hauptgewinnerin bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär?". Vor genau zehn Jahren gewann die damals 48-jährige Hausfrau eine Million Mark. Auch sie ist Hauptschülerin. Sie selbst sagt, der Sieg sei ihr auch mit dem Wissen aus der Schule gelungen, und erinnert sich dabei ganz konkret an Frage Nummer neun. Da wollte Jauch wissen: Was ist das sogenannte Horn von Afrika? A) Sternbild, B) Halbinsel, C) fossiles Kultobjekt oder D) Berg in Tansania. "Da habe ich mich an meinen Geografie-Unterricht erinnert", sagt Grabherr, "und wusste, dass Antwort B richtig ist."

Mit einer großen Portion Glück und ihrem soliden Allgemeinwissen gewann Marlene Grabherr die Million. Die Vermittlung dieses Allgemeinwissens ist die Aufgabe einer Hauptschule, die laut Schulgesetz den "Schülerinnen und Schülern eine grundlegende allgemeine Bildung" bereitstellt.

Politiker sprechen oft lieber von "Mittelschule"

Doch die Hauptschule hat ihren Status als eine Schule, die dem Schüler das nötige Allgemeinwissen vermittelt, längst verloren. Das Wort "Hauptschule" wird von manchen Politikern sogar vermieden, als wäre es etwas Schlechtes. Sie sprechen dann lieber von "Mittelschulen".

Und tatsächlich könnte das Wort "Hauptschule" schon bald aus dem Wortschatz der Deutschen verschwinden, denn mit dem Papier "Bildungsrepublik Deutschland" will die Bundes-CDU die Hauptschule abschaffen . In einer sogenannten Oberschule sollen Real- und Hauptschule miteinander verschmelzen . Das neue Schulkonzept will die Partei auf ihrem nächsten Bundesparteitag im November verabschieden.

Die Abschaffung der Hauptschule ist keine wirklich innovative Idee, schließlich gibt es diese Schulform derzeit nur noch in den fünf Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern. Allerdings sind es noch rund 700.000 Schüler, die eine der 1600 Hauptschulen besuchen.

"Die Hauptschule droht zur Restschule zu werden"

Doch Experten halten die Schule nicht mehr für zeitgemäß. So wie Andreas Schleicher, Internationaler Koordinator der Pisa-Studien. Aus seiner Sicht ist die Hauptschule im Industriezeitalter zwar eine tragende Säule gewesen, aber "in der modernen Wissensgesellschaft droht sie zur Restschule zu werden, die das Potenzial vieler junger Menschen ungenutzt lässt und damit Chancenungleichheit verstärkt".

Auch Eltern sorgen sich, ob ihre Kinder, wenn sie eine Hauptschule besucht haben, den Anforderungen der Berufswelt gewachsen sind. Selbst wenn die Jugendlichen nach der Schule eine Lehre machen wollen, für die ein Hauptschulabschluss ausreichen würde, schicken die Eltern ihren Nachwuchs lieber auf die Realschule oder gleich aufs Gymnasium – für alle Fälle.

Aus diesem Grund besuchen in zahlreichen Städten und Gemeinden mittlerweile mehr als die Hälfte der Kinder ein Gymnasium. Früher war es umgekehrt. Da war die Volksschule – der Vorläufer der Hauptschule – noch eine Schule für die Mehrheit. Noch in den 70er-Jahren betrug der Anteil der Gymnasiasten unter 25 Prozent – mittlerweile liegt er im Durchschnitt bei 40 Prozent.

Langfristig betrachtet ist das dreigliedrige Schulsystem aber schon aus demografischen Gründen nicht zu retten. Die Berechnungen zur Bevölkerungsentwicklung zeigen, dass die Schülerzahlen deutlich zurückgehen werden, und diese Tatsache zwingt die Politik zu pragmatischen Modellen, denn nur dann wird man auch in ländlichen Regionen weiterhin wohnortnahe Schulen erhalten können.

"Es sollten nicht mehr als 25 Kinder miteinander lernen"

Prinzipiell ist die Verschmelzung von Real- und Hauptschule demnach eine gute Idee, findet Udo Beckmann, Bundesvorsitzender vom Verband Bildung und Erziehung. Der Verband trete seit Langem für eine Sekundarstufe ein, so Beckmann, in der Schüler individuell gefordert und gefördert werden, anstatt im Alter von neun Jahren, nach der Grundschule, auf der Basis nicht haltbarer Begabungstheorien unterschiedlichen Schulformen zugewiesen zu werden.

Sollten in Zukunft Real- und Hauptschüler gemeinsam lernen, dann sei es allerdings wichtig, dass die Schulen nicht einfach nur zusammengelegt werden, sagt Beckmann. "In einer Klasse sollten nicht mehr als 25 Kinder miteinander lernen, damit die Lehrer auf die leistungsstarken und die leistungsschwachen Schüler eingehen können."

Er selbst ist Hauptschullehrer für Mathematik, Biologie und Physik und leitete fast zehn Jahre lang eine Hauptschule in einem sozialen Brennpunkt in Dortmund. Im Unterricht hat er immer wieder erlebt, wie schwache von starken Schülern profitieren und umgekehrt. "Es ist wissenschaftlich nicht haltbar, dass die Leistungsstarken in so einer Situation verlieren. Sie müssen das Erlernte an die Schwächeren weitergeben. Dabei festigt sich ihr eigenes Wissen, und sie schulen ihre soziale Kompetenz."

Außerdem weist Beckmann darauf hin, dass bei einer Zusammenlegung der beiden Schulformen die Kompetenz der Hauptschulen etwa in Sachen Berufsorientierung nicht verloren gehen darf. "Im Bereich Berufsvorbereitung sind Hauptschulen einfach besser aufgestellt. Die Idee für ein Wahlpflicht-Berufspraktikum kam ursprünglich von den Hauptschulen und wurde erst viel später von Realschulen und dann auch von Gymnasien übernommen."

Hauptschüler regieren bei "Ecopolicy" besser als Politiker

Vielleicht wäre es ratsam, bei der Entwicklung eines neuen Schulmodells auch Hauptschüler zu befragen. Bei einem Wettkampf zwischen Hauptschülern aus Schleswig-Holstein und Abgeordneten aller Fraktionen machten die Schüler vor, wie man am besten regiert. Im Computerspiel "Ecopolicy" gewannen die Jugendlichem mit großem Vorsprung.

Bei dem Spiel geht es darum, einen Staat möglichst erfolgreich zu führen. Dafür müssen Faktoren wie Politik, Umwelt, Lebensqualität oder Aufklärung richtig eingesetzt werden. Die Teams mussten jeweils ein Industrie- und ein Schwellenland regieren. Die Politiker erreichten im Bereich Industrieland 142 Punkte, die Schüler 257. Am Schwellenland scheiterten die Abgeordneten sogar - die Schüler kamen auf 197 Punkte.

Ziel des Wettbewerbs war es, vor dem Hintergrund der Pisa-Diskussion deutlich zu machen, dass Hauptschüler mehr können, als ihnen oft zugetraut wird.