Interview mit Ole von Beust

"Bundesminister? Darüber würde ich nachdenken"

Am Montag vor exakt einem Jahr trat Ole von Beust als Hamburger Bürgermeister zurück. Manchmal juckt es ihn schon noch, wieder Politik zu machen.

Foto: Marcelo Hernandez

Hoch in das Büro an der Esplanade führt einer der wohl schmalsten Fahrstühle der Stadt, in den Altbauräumen der Kanzlei wird es nur wenig geräumiger - nach Bürgermeister sieht es hier nicht aus. Aber das ist Ole von Beust, 56, ja auch nicht mehr. Am 18. Juli 2010 verließ er das Rathaus mit einem Aufsehen erregenden Rücktritt. Ein Jahr später blickt er auf diesen Tag zurück - und erzählt, warum es ihn bei einigen Themen reizen würde, auf Bundesebene wieder Verantwortung zu übernehmen.

Morgenpost Online: Können Sie sich noch an das Gefühl erinnern, mit dem Sie am 18. Juli 2010 aufgestanden sind?

Ole von Beust: Mir war sehr mulmig zumute, mein Rücktritt war schließlich nur noch wenige Stunden entfernt. Und ich ahnte, was da auf mich zukommt, dass die Unruhe groß sein wird. Mir ist es ja auch nicht leicht gefallen. Ich war mir aber auch an dem Morgen sicher, dass es richtig war, das Amt aufzugeben.

Morgenpost Online: Hatten Sie sich da das Bibel-Zitat - "alles hat seine Zeit" - schon zurechtgelegt?

Ole von Beust: Meine kurze Ansprache hatte ich mir in den Grundzügen zurechtgelegt, auch dieses Zitat.

Morgenpost Online: Es hieß damals, Sie hätten eigentlich schon viel früher zurücktreten wollen.

Ole von Beust: Richtig ist, dass es schon im Frühjahr Gespräche gab in meiner Partei und mit den Spitzen der GAL. Ich war mir sicher, nicht wieder Spitzenkandidat werden zu wollen, und mein Nachfolger sollte einen Amtsbonus einfahren können. Das war die Grundidee, aber der Volksentscheid über die Schulreform ließ das zu dem Zeitpunkt nicht zu. Also blieb ich. Der Tag der Entscheidung war dann richtig, weil er - egal bei welchem Ausgang - einen Wendepunkt markiert hat. Und so konnte ich auch Frau Goetsch etwas die Lage erleichtern und die Kritik auf mich ablenken.

Morgenpost Online: Gab es Versuche, Sie umzustimmen?

Ole von Beust: Das klingt vielleicht vermessen, aber im Grund hatten alle, die davon wussten, mich gebeten, es mir doch anders zu überlegen. Die Kanzlerin war gar nicht begeistert, aber sie sagte mir bei einem Treffen: "Ich habe aus meiner DDR-Vita gelernt, aus politischen Gründen niemals persönliche Entscheidungen beeinflussen zu wollen."

Morgenpost Online: In der Öffentlichkeit schlug Ihnen nach diesem 18. Juli harsche Kritik entgegen.

Ole von Beust: Egal, wann Sie gehen, es ist immer falsch. Ich bin da mit mir im Reinen, denn auch zuvor war meine Aussage immer klar, dass ich etwa eineinhalb Jahre vor der Wahl sagen würde, ob ich wieder antrete. Jetzt war es drei Monate früher, aber es war keine gänzlich andere Haltung.

Morgenpost Online: Aber in den vergangenen Monaten war von Ihnen auch zu hören, dass Sie es sich anders überlegt hätten, wenn Sie gewusst hätten, was mit der CDU und Schwarz-Grün passiert.

Ole von Beust: Damit hatte ich den Zeitpunkt gemeint oder das Verfahren. Aber wahr ist doch auch: Herr Ahlhaus, mein Nachfolger, erhielt bei seiner Wahl in der Bürgerschaft mehr Stimmen als ich je gehabt hatte. So falsch kann die Übergabe nicht gewesen sein, die Weichen schienen gut gestellt.

Morgenpost Online: Hatten Sie Herrn Ahlhaus als Ihren Nachfolger ausgesucht?

Ole von Beust: Ich hielt Herrn Ahlhaus für einen geeigneten Nachfolger und ich war an der Entscheidung für ihn auch maßgeblich beteiligt. Übrigens ist ihm in der Beurteilung nicht viel Gerechtigkeit widerfahren. Er hat zudem auch Pech gehabt. Und es gab auch einige in der Partei, die nach meinem Ausscheiden die Gelegenheit nutzen wollten, um wieder CDU pur zu machen. Gleichzeitig sahen sich die Grünen im vermeintlichen Stimmungshoch und wollten das nutzen. Beides hat so bekanntlich nicht geklappt.

Morgenpost Online: Wäre Dietrich Wersich, der heutige Fraktionschef und Ihnen als Typ viel ähnlicher, nicht eine Option gewesen, die für die GAL einen Ausstieg unmöglich gemacht hätte?

Ole von Beust: Die Entscheidung hatte auch teilweise interne Gründe, die ich nicht öffentlich erörtern werde.

Morgenpost Online: Sie waren noch bis 2012 gewählt, also könnten Sie heute noch Bürgermeister sein. Denken Sie manchmal daran?

Ole von Beust: Nein, eigentlich nicht. Es wäre vielleicht anders, wenn ich gestürzt worden wäre oder eine Wahl verloren hätte. Aber so war es gut. Ich denke gern an die Zeit zurück, aber mein jetziges Leben führe ich sehr gern.

Morgenpost Online: Macht macht doch angeblich süchtig. Sie nicht?

Ole von Beust: Ich hatte diesen Höhenrausch nicht, auch nicht nach der Wahl 2004, als wir die absolute Mehrheit holten und ich persönlich bejubelt wurde. Ich wollte schon immer Erfolg haben, aber das allein ist für mich nicht sinnstiftend. Meine Mutter war auch so, vermutlich habe ich das geerbt. Meine Entscheidung habe ich nie bereut.

Morgenpost Online: Zuletzt war von Ihnen aber auch zu hören, dass Sie sich - auf anderer Ebene - eine Rückkehr in die Politik vorstellen könnten.

Ole von Beust: Wenn ich gefragt werde, ob ich Minister in einer Bundesregierung werden möchte, würde ich sicher darüber nachdenken, aber meine jetzigen Tätigkeiten machen mir viel Freude. Es juckt mich schon manchmal, und ich überlege manchmal, was man alles mehr machen müsste, zum Beispiel in Fragen der Integration. Aber dass so eine Anfrage kommt, ist völlig illusorisch und ich sehne mich auch nicht danach. Außerdem: Wenn Sie weg sind, sind sie weg.

Morgenpost Online: Wenn es doch einmal zu Schwarz-Grün kommen sollte ...

Ole von Beust: ... wird es aber vermutlich zurzeit nicht. Es würde derzeit die CDU genauso zerreißen wie die Grünen. Ich bin nach wie vor ein Anhänger dieses Modells, aber es ist auf Bundesebene momentan nicht denkbar. Das würde unglaubliche Zentrifugalkräfte auslösen, in beiden Parteien. Wenn das Wahlergebnis es 2013 hergibt, wird diese Diskussion aber vielleicht wiederkommen.

Morgenpost Online: Als Bürgermeister haben Sie den Berliner Politikbetrieb immer abgelehnt.

Ole von Beust: Damals stand für mich die Landespolitik im Vordergrund, ich war Bürgermeister, aber damit bin ich politisch durch. In der Bundespolitik stehen Weichenstellungen an, die die kommenden 20 Jahre bestimmen werden, etwa in den Energiefragen oder eben der Integration.

Morgenpost Online: Gab es denn in Ihrer Karriere Situationen, in denen ein Ministeramt an Sie herangetragen wurde?

Ole von Beust: Nein.

Morgenpost Online: Hat Sie das geärgert?

Ole von Beust: Ich hatte ja immer aus dem Amt heraus gesagt, dass ich nicht in die Bundespolitik möchte. Warum hätte man mich also fragen sollen? Das passiert dann auch nicht.

Morgenpost Online: Empfinden Sie sich derzeit noch als Politiker?

Ole von Beust: Nein. Ich werde noch häufig so angesprochen, aber jetzt bin ich Anwalt und Ex-Politiker.

Morgenpost Online: Wie oft werden Sie noch als Bürgermeister begrüßt?

Ole von Beust: Das passiert schon häufig. Das ist doch freundlich, ein Zeichen von Respekt und Zuneigung.

Morgenpost Online: Sie werden oft als ein Paradebeispiel für einen modernen Großstadt-Christdemokraten genannt. Waren Sie das aus Ihrer Sicht?

Ole von Beust: Jede Stadt ist da doch anders. Ich war für Hamburg ein guter Bürgermeister, das meine ich schon. Aber ich bin nicht so vermessen zu sagen, dass ich das für München, Berlin oder Köln auch gewesen wäre. Das Umfeld, die handelnden Personen und das Programm müssen stimmig sein. Das war bei mir so. Der rein programmatische Anteil am Erfolg ist sicher nicht einmal 50 Prozent, die anderen genannten Faktoren wiegen schwerer. Und deswegen ist das auch für die CDU insgesamt etwas komplizierter als nur zu sagen, wir machen ein Großstadt-Papier, das überall angenommen wird.

Morgenpost Online: Wenn sich aus diesen Komponenten der Erfolg zusammensetzt, macht die Hamburger SPD derzeit vieles richtig.

Ole von Beust: Ich würde es andersherum formulieren: Sie macht wenig falsch. Ausschlaggebend für diesen großen Wahlerfolg war aber eher der Wunsch der Hamburger nach Ruhe. Da war die Schulreform-Debatte, da war mein Rücktritt, das Auseinandergehen von Schwarz-Grün - es war eine Sehnsucht nach neuer, klarer Ordnung und Solidität zu spüren. Motto: Ruhe im Karton.

Morgenpost Online: Ihre Partei musste sich in der Opposition neu finden. Ist das aus Ihrer Sicht gelungen?

Ole von Beust: Nach gut 100 Tagen ist das noch zu früh, um ein richtiges Urteil abgeben zu können. Aber Dietrich Wersich macht als Fraktionschef seine Sache richtig gut, und mit Marcus Weinberg ist ein Vorsitzender da, der sich um die Leute kümmert und der Partei wieder Nähe und Zuversicht geben kann.

Morgenpost Online: Sie könnten als elder statesman Ratgeber sein, aber öffentlich ist wenig von Ihnen zu hören.

Ole von Beust: In der Rolle sehe ich mich auch nicht. Außerdem habe ich auch Fehler gemacht, wieso sollte ich berufen sein, jetzt anderen Ratschläge zu geben? Die Reaktionen auf mich sind ja auch gespalten. Einige erinnern sich gern an mich und die großen Wahlerfolge, andere sagen, ich hätte in schwieriger See das Schiff verlassen, das nehmen wir dir übel. Das mischt sich in der Gefühlslage.

Morgenpost Online: Sie sagten vorhin, Sie wären noch immer Anhänger von Schwarz-Grün. Aus der eigenen Erfahrung heraus oder eher als Politiktheoretiker?

Ole von Beust: Die Erfahrung, die ich gemacht habe, war eine gute. Natürlich haben wir auch Fehler gemacht, etwa bei der Umsetzung der Schulreform, die ich im Kern aber immer noch für richtig halte. Wir haben aber nicht die Tiefe der Verwerfungen gesehen in mehreren Lagern. Man hätte es behutsamer und sachlicher machen müssen.

Morgenpost Online: Warum haben Sie eigentlich damals so wenige Wohnungen gebaut? Hatten Sie zu viel anderes zu tun?

Ole von Beust: Ich gönne dem Senat mit seinem Vorhaben wirklich alles Gute, sage aber auch: Wiedervorlage in vier Jahren. Auch wir wollten mehr Wohnungen bauen, hatten andere Pläne - aber die Widerstände aus den Nachbarschaften und von Initiativen sind gewaltig. Wenn es der SPD gelingt, diese zu durchbrechen, zolle ich dem großen Respekt. Aber erst, wenn die Wohnungen wirklich stehen.

Morgenpost Online: Jetzt, exakt ein Jahr nach Ihrem Rücktritt - was haben Sie gewonnen?

Ole von Beust: Freiheit. Nicht im Sinne von kompletter, ungebundener Freiheit, aber ich kann mein Leben doch sehr viel mehr selbst bestimmen. Als Dienstleister, der ich jetzt bin, muss ich mich auch an zeitliche Vorgaben und inhaltliche Wünsche halten, aber das ist doch etwas anderes. Und besonders schön ist, dass die Abende und Wochenenden nicht mehr von anderen verplant werden.

Morgenpost Online: Fühlen Sie sich ausgefüllt?

Ole von Beust: Ja! Ich arbeite sogar ziemlich viel, wenn Sie das meinen. In den vergangenen Wochen und Monaten war ich vermutlich seltener auf Sylt als während meiner Amtszeit. Allerdings hat mein Trieb, dorthin zu fahren, auch nachgelassen. Als Bürgermeister konnte ich dort etwas Distanz zur Stadt und zu meiner Rolle gewinnen, das brauche ich jetzt aber gar nicht mehr. Ich mag Sylt immer noch, aber der Fluchttrieb ist geringer.

Morgenpost Online: Erzählen Sie doch mal, was Sie jetzt beruflich konkret machen.

Ole von Beust: Ich arbeite einmal für eine Unternehmensberatung, also für Roland Berger, und sitze in mehreren Beiräten und Aufsichtsräten. Einige Firmen berate ich auch strategisch, etwa dann, wenn öffentlich-rechtliche Fragen damit zusammenhängen. Und als Politiker hat man doch auch einiges über Marketing gelernt, deswegen kümmere ich mich auch um Fragen, die bei Markteinführungen auftreten.

Morgenpost Online: Spielt es für Ihre Geschäftspartner eine Rolle, dass Sie ein bekannter Politiker waren?

Ole von Beust: Etwas mehr Respekt ist wohl am Anfang schon da, aber das kann zuweilen auch hinderlich sein. Schließlich bin ich der Dienstleister, und am Ende schreibe ich auch Rechnungen wie jeder andere.

Morgenpost Online: In welchen Zeiträumen planen Sie jetzt Ihr Leben? Immerhin sind Sie nicht mehr an Legislaturperioden gebunden.

Ole von Beust: Im April bin ich 56 Jahre alt geworden, und sicherlich ist 60 ein Einschnitt. Das heißt nicht, dass ich dann nicht mehr arbeiten möchte oder werde, aber dann stellen sich vermutlich auch für mich einige Fragen neu.

Morgenpost Online: Sie könnten Ihre Memoiren schreiben.

Ole von Beust: Es gibt immer mal Anfragen von Verlagen für bestimmte Buchprojekte, zu denen ich etwas beisteuern soll. Etwa darüber, wie es sich anfühlt, plötzlich ohne Macht und Status zu sein. Aber mehr als zwei Seiten fallen mir dazu ehrlich gesagt nicht ein. Und mein eigenes Leben - ich war nie der Tagebuch-Typ. Geplant ist jedenfalls derzeit nichts.