OECD-Migrationsreport

Qualifizierte Zuwanderer kommen, um zu bleiben

Ein neuer internationaler Migrationsbericht des OECD beweist, dass die Bundesrepublik bei gut ausgebildeten Migranten überraschend hoch im Kurs steht. Vergleichbar positive Zahlen sucht man in anderen Ländern vergebens. Allerdings müssten die Bedingungen laut OECD weiterhin verbessert werden.

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Deutschland meistert die Wirtschaftskrise so gut wie kein anderes Land in Europa. Die Zahl der Studenten aus aller Welt wächst, und immer mehr von ihnen bleiben als hochqualifizierte Kräfte im Land. Gleichzeitig hat die Zahl der Unternehmensgründungen durch Immigranten stark zugenommen – und damit die Schaffung zusätzlicher Jobs.

Diese Trends belegt der am Dienstag veröffentlichte Migrationsbericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). „Für Deutschland werden oft Horrorszenarien gezeichnet: Alle wandern ab, qualifizierte Arbeitskräfte kommen nicht rein. Das können wir mit unseren Daten nicht bestätigen“, sagte Thomas Liebig, OECD-Referent für Internationale Migration.

Mehr als 60.000 junge Menschen wollten 2009 an den hiesigen Hochschulen studieren – „die höchste jemals registrierte Zahl“, so Liebig. Die meisten Länder hätten inzwischen Maßnahmen eingeführt, die internationalen Studenten den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichterten. „Deutschland war hier früher dran als etwa die Schweiz oder Österreich.“ Mit Erfolg: „Mehr als jeder vierte internationale Student in Deutschland bleibt nach dem Studienabschluss im Land. Das ist höher als der OECD-Durchschnitt.“ Mit 15 Prozent kommt die größte Gruppe der Studenten mittlerweile aus China. „Die Sprache scheint keine unüberwindbare Hürde mehr zu sein, um in dem Land zu bleiben, wo die Ausbildung absolviert wurde“, heißt es im OECD-Report.

Ausländer gründen Unternehmen

Auch im Bereich Unternehmertum von Migranten gibt es OECD-Mann Liebig zufolge „verhältnismäßig gute Nachrichten“. Seit Ende der 90er-Jahre hat sich die Anzahl der jährlichen Unternehmensgründungen durch Migranten in Deutschland mehr als verdoppelt. „Und das sind längst nicht mehr nur kleine Einkaufsläden sondern die ganze Bandbreite von Betrieben.“

Laut dem Bericht beschäftigen Unternehmen von Migranten in Deutschland jedes Jahr mehr als 750.000 Menschen. Im Durchschnitt schafft jeder Immigrant, der sich in einem OECD-Land selbstständig macht, zwischen 1,4 und 2,1 Jobs. Die im Land Geborenen liegen mit 1,8 bis 2,8 nicht so viel darüber.

Um dieses Potenzial noch besser zu nutzen, sei es allerdings wichtig, die Migranten „nicht nur in der Startphase, sondern auch darüber hinaus zu unterstützen, und Barrieren für die Unternehmensgründung und -expansion weiter abzubauen“, rät Liebig. So sei es für viele Migranten nach wie vor schwierig, Kredite für den Aufbau einer eigenen Firma zu bekommen. Dies ist einer der Gründe, dass die Unternehmen von Zuwanderern weniger große Überlebenschancen haben als die von deutschen.

Aufschrei über deutsche Abwanderung nicht gerechtfertigt

Die Migrationsexperten räumen auch mit der weit verbreiteten These auf, die Deutschen kehrten ihrer Heimat zunehmend den Rücken. So ging die Abwanderung aus Deutschland im Erhebungsjahr 2009 deutlich zurück: um zwanzig Prozent. „Das ist interessant, weil die deutschen Abwanderungsdaten einen enormen Anstieg zeigen“, so Liebig. Dafür gebe es aber einen einfachen Grund: „2009 wurden die Steuernummern eingeführt. Viele Leute, die ohnehin schon länger im Ausland lebten, haben auf einmal gemerkt, dass es besser wäre, sich abzumelden.“ Die Experten nahmen stattdessen die Anmeldungen deutscher Zuwanderer in OECD-Ländern als Grundlage, die beweisen, dass der Aufschrei über eine angeblich enorme Abwanderung nicht gerechtfertigt ist.

Im Gegensatz zu anderen Staaten hat Deutschland ein weiteres positives Kennzeichen zu verzeichnen: Junge Migranten sind im Vergleich zu anderen Ländern nicht so stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Zugleich stieg die Zahl der erwerbstätigen Migrantinnen sogar. Laut OECD ist dies vor allem auf ihre Beschäftigung im Bereich der häuslichen Pflege zurückzuführen. Auf Grund des demografischen Wandels in Deutschland sind Pflegekräfte dringend gesucht. Offenbar wagten die Frauen von Zuwanderern auch deshalb den Zugang zum deutschen Jobmarkt, um den Einkommensverlust ihrer Ehepartner zu kompensieren. Allerdings bleibt die Langzeitarbeitslosigkeit unter Migranten weiter hoch.

Auch für Arbeitssuchende, die nur für eine kurze Zeit ihre Heimat verlassen, wurde Deutschland zum Ziel Nummer eins. Während die Zahl der Saisonarbeiter 2009 anderswo dramatisch sank – in Spanien ging sie von 46.000 auf 2.000 zurück, nahm Deutschland die Hälfte all dieser Arbeitskräfte auf. EU-Beschäftigungskommissar Laszlo Andor wies bei der Vorstellung des Berichts in Brüssel auf die gute Entwicklung in Deutschland hin. Allerdings hätte Berlin den Trend noch verstärken können, so Andor: „Die Öffnung des Arbeitsmarkts für EU-Ausländer am 1.Mai 2011 hätte früher kommen können.“ Generell gebe es in Europa immer noch zu hohe Hürden, um die Zuwanderung dringend benötigter, vor allem hochqualifizierter Arbeitssuchender anzuschieben. „Dabei ist die Nachfrage nach gut Ausgebildeten nach wie vor sehr stark.“

Potenziale der Einwanderer besser nutzen

Die positiven deutschen Trends sucht man in anderen Ländern allerdings vergeblich. So lag die Quote arbeitsloser junger Zuwanderer Ende 2010 bei durchschnittlich 24,5 Prozent. Manche Länder, beispielsweise Irland, traf es besonders hart, dort stieg diese Zahl um 24 Prozentpunkte an. Mit 38 Prozent waren Irlands Zuwanderer, die in den vergangenen Jahren die Insel wegen des Wirtschaftswachstums angesteuert hatten, besonders hart getroffen.

Wie Irland geht es auch allen anderen 29 Staaten der OECD, zu der auch die USA und Kanada gehören. Um sieben Prozent ging die Migration 2009 durchschnittlich zurück, in Deutschland waren es sogar 13 Prozent. Aber „die Nachfrage nach Arbeitsmigranten wird wieder zunehmen“, prognostiziert OECD-Generalsekretär Angel Gurría. „Globalisierung und alternde Gesellschaft machen das zu einer Gewissheit. Die Regierungen müssen deshalb mehr tun, um legale Zuwanderungskanäle zu entwickeln und die Potenziale der Einwanderer besser zu nutzen.“ Kritisch beurteilt die OECD indes Rufe nach einer kriteriengesteuerten Zuwanderung, etwa einem Punktesystem, das es ermöglicht, Vor- und Nachteile potenzieller Zuwanderer abzuwägen. „Kanada wird hier immer als großes Vorbild genannt“, so Liebig. Es müsse klar sein, dass ein Punktesystem nur ein Werkzeug für die Auswahl sei. „Die Einführung an sich bedeutet nicht automatisch, dass die gewünschten Zuwanderer auch kommen und gut in den Arbeitsmarkt integriert werden.“ Die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU) reagierte erfreut auf die Untersuchungsergebnisse aus Paris: „Der OECD-Migrationsbericht enthält ermutigende Signale für Deutschland und ist eine Anerkennung unserer Integrationsanstrengungen“, sagte sie Morgenpost Online. Böhmer findet es „besonders erfreulich“, dass Deutschland beim Anteil der Beschäftigungsquote von Migranten „OECD-weit Spitzenreiter“ sei. „Immer häufiger“ fänden Frauen aus Zuwandererfamilien Zugang zum Arbeitsmarkt. Und offensichtlich werde Deutschland auch immer attraktiver für ausländische Studierende, stellte Böhmer fest.