Es war mehr als nur eine freundliche Geste, zu der sich der Bundespräsident entschieden hatte. Christian Wulff offenbarte seine persönliche Zuneigung, als er auf Joachim Gauck eine Laudatio hielt. Ausgerechnet auf Joachim Gauck, seinen einstigen Mitbewerber um das höchste Staatsamt. Wulff würdigte Gauck darin mit derart überschwänglichen Worten, dass die Euphorie des sommerlichen Duells um das Schloss Bellevue an diesem grauen Novembertag noch einmal spürbar wurde. Die Gäste des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger feierten Gauck am Donnerstagabend geradezu. Während er mit der „Ehren-Victoria“ des Verbandes ausgezeichnet wurde, gewährten sie dem Präsidentschaftskandidaten a. D. gleich zweimal stehende Ovationen.
Der Kandidat aus Koalitionsraison und der Kandidat der Herzen – mit diesen Zuschreibungen musste Wulff und durfte Gauck im vergangenen Juni den Wettbewerb um die Nachfolge des plötzlich zurück getretenen Bundespräsidenten Horst Köhler bestreiten. Während Gauck im Lager von Union und FDP auf Sympathisanten stieß, setzte sich Wulff in der Bundesversammlung erst im dritten Wahlgang durch. Manch schwarz-gelber Wahlmann hatte ihm die Stimme verweigert. Und selbst unter denen, die für ihn votiert hatten, wurden während des darauf folgenden holperigen Starts des Bundespräsidenten Wulff Zweifel laut. Wäre Gauck nicht doch der bessere erste Mann im Staate geworden?
Inzwischen hat Wulff Fuß gefasst. Mit der Laudatio während der „Publishers’ Night“ hat er seine souveräne Amtsführung erneut bewiesen. Als ein „leuchtendes Zeugnis der Freiheit“ beschreibt Wulff den in der DDR aufgewachsenen Gauck. Wohl nur in Abwesenheit von Freiheit könne eine solche Liebe, ja Sehnsucht zur Freiheit entstehen. Gauck habe Bedrohung und Bestechung in der SED-Dikatur widerstanden, und stattdessen Mut gezeigt. Er kenne kaum jemanden, der „so poetisch und so politisch von Freiheit schwärmt“, sagt Wulff über Gauck. Der Bundespräsident würdigte damit nicht zuletzt Gaucks rhetorische Fähigkeiten; ihm ist bewusst, dass sie der Kraft seiner Worte überlegen sind.
Wulff macht ebenso wenig einen Hehl aus Begabung und Beliebtheit des einstigen Rostocker Pfarrers. Für manchen, so etwa den Moderator des Abends, gilt Gauck gar als „Mister Deutschland der Herzen“. Der Bundespräsident aber ist klug und geschickt genug, in und mit Gaucks Aura zu glänzen. So wie beide Männer im Wahlkampf um das Bellevue – anders als mancher Büchsenspanner von Union und SPD – nicht ein böses Wort über den jeweils anderen fallen ließen, so demonstrieren sie nun eine geradezu freundschaftliche Verbundenheit.
Der Bundespräsident nutzt seine zehnminütige Laudatio zu manch kleiner Spitze nicht etwa gegen Gauck, sondern an die Adresse der eigenen Kritiker, wohl auch in den Medien. Wie sonst war der Hinweis zu verstehen, der da lautet: „Nach Werten rufen viele“? Etwas anderes sei es, Werte zu leben und danach zu handeln. Später greift er diesen Gedanken nochmals auf. Der Katholik Wulff hebt das Engagement des protestantischen Theologen Gauck in dessen Kirche hervor. „Es reicht nicht, sich als Christ zu bezeichnen oder bezeichnen zu lassen“, sagt Wulff.
Vielmehr komme es darauf an, Christentum mit Leben zu füllen, „buchstäblich Zeugnis davon zu geben, wovon man spricht“. Diese Worte sind zu verstehen als Seitenhieb auf Politiker und Journalisten, die Wulffs freundliche Signale an muslimische Migranten mit dem Hinweis auf die christliche Prägung Deutschlands kritisiert hatten. Das Bedürfnis der Preisverleiher, sich mit Gauck zu schmücken und sich mit ihm selbst mit auszuzeichnen, erwähnt Wulff kurz. Einem Bundespräsidenten ist das gestattet.
„Sie sollten nicht privatisieren oder in Pension gehen“, ruft Wulff Gauck zu. Er möge weiter für die Idee der Freiheit kämpfen. Der Präsident kündigt gar öffentlich an, sich weiterhin mit Gauck schmücken zu wollen: „Wir haben noch viel miteinander vor“, sagt er zum Ende seiner Laudatio. Der Bundespräsident umarmt den kleineren Gauck so überschwänglich, dass dieser dabei nicht ganz glücklich wirkt. Auch wenn er sogleich schwärmt von einer „wundervollen Begegnung, die hier gerade stattgefunden hat“.
Wo Wulff freundlich und feierlich sprach, hält Gauck ein emotional-pathetisches Dankeswort. Er erinnert an die friedliche Revolution von 1989 – und dass nur wenige Meter vom Ort des Geschehens, der Telekom-Repräsentanz in Berlin-Mitte, einst das Zentralkomitee der SED tagte und nur wenige Meter weiter das Verlagshaus Axel Springer für Ost-Berliner unerreichbar war.
„Wir können Freiheit“, ruft Gauck dem Publikum zu. Dann appelliert er an die Verlagsbranche, nicht mit Angst Politik zu machen. Statt noch mehr Angst in die ohnehin „verängstigten Gesichter“ zu treiben sei es doch viel besser, herausragende Menschen zu feiern und zu rühmen – zu zeigen, was wir können. „Eine Nation muss glauben, was sie kann“, sagt Gauck. Christian Wulff sieht das auch so.





