Afghanistan

Westerwelle zu Überraschungsbesuch in Kabul

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Robin Alexander

Foto: dpa / dpa/DPA

Kurzbesuch zur Amtseinführung: Guido Westerwelle (FDP) ist zur Vereidigung des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai in Kabul eingetroffen. Die Reise war aus Sicherheitsgründen unangekündigt. Der Außenminister will nicht nur Glückwünsche verteilen, sondern auch mahnende Worte bei Karsai anbringen.

Guido Westerwelle ist erst drei Wochen im Amt, aber so ein Frühstück wie an diesem Morgen hätte auch ein altgedienter Außenminister noch nicht erlebt: US-Außenministerin Hillary Clinton hatte zu Kaffee und Tee geladen – in der amerikanischen Botschaft in Kabul.

Am Tag der Amtseinführung des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai wohl einer der gefährlichste Orte des Planeten. Selbstverständlich war der Besuch bis zur letzten Minute geheim gehalten worden. Nicht nur die afghanischen Taliban, sondern auch das internationale Terrornetz al-Qaida hatten sich nach Geheimdienstinformationen auf den Tag der Amtseinführung vorbereitet.

Neben Westerwelle hatten dennoch fünf weitere westliche Kollege die Einladung zum gefährlichen Frühstück bei Hillary angenommen: David Milliband, der britische Außenminister, Bernard Kouchner, der illustre französische Außenminister und die Kollegen aus den Niederlanden, Italien und der Türkei.

Westerwelle hatte die Mutprobe im vollen Bewusstsein der Gefahr gewagt: Der 47jährige wirkte angefasst und angespannt als er mit einer Transportmaschine der Bundeswehr und kleiner Begleitung am Morgen aus dem usbekischen Temez nach Kabul flog. Er posierte nicht im Jackett mit Soldaten wie Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der vor wenigen Tagen Afghanistan besucht hatte. Westerwelle ging es nicht um gute Bilder.

Nicht nur Glückwünsche überbringen

Nur kurz verließ er seinen Platz im Cockpit hinter den Kollegen und legte seinen Mantel nur ab, um eine schwarze Splitterschutzweste anzuziehen. Schon am Flughafen machte er klar, dass er Hamid Karsai, den wiedergewählten Präsidenten Afghanistans nicht nur Glückwünsche überbringt, sondern auch „Erwartungen an gute Regierungsführung, zum Beispiel bei der Korruptionsbekämpfung“.

Auch an die Heimat sandte er schon unmittelbar nach der Landung eine Botschaft: Es gehe darum, „selbsttragende Sicherheit“ in Afghanistan zu erreichen, also eine Möglichkeit, die hier stationierten 4000 deutschen Soldaten nach Hause zu holen. Man wolle „nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag“ hier bleiben, nicht „e-wig und drei Tage“ wie es Westerwelle flapsig formulierte.

Das klang deutlich, blieb jedoch weniger konkret als Guttenberg vor wenigen Tagen. Der hatte nämlich angekündigt, der Abzug könne in einigen Regionen schon 2010 beginnen. Westerwelle legte sich nicht so fest: Er sagte „noch in dieser Legislaturperiode“, also bis 2013 müsse erkennbar werden, wann ein Abzug beginnen könne.

Anders als Guttenberg, der zusätzliche Soldaten angekündigt hat, mied Westerwelle auch hier Festlegungen. Er hielt sich damit an die Linie der Bundesregierung vor einer Afghanistankonferenz im kommenden Jahr keine neuen Verpflichtungen einzugehen. Nicht einmal die geplante Aufstockung deutscher Polizeiausbil-der wollte der Außenminister quantifizieren.

Westerwelles Besuch verlief unter extremen Sicherheitsvorkehrungen: Er stieg sofort in ein stark gepanzertes Fahrzeug (ein Benz im Wert von einer halben Millionen Euro) und braus-te an einer Ehrengarde samt roten Teppich vorbei, die später der russische Außenminister Sergej Lavrov abschreiten sollte.

Der Präsidentenpalast, in dem Karsai später am Tag vor 500 ausgewählten Gästen vereidigt werden sollte, die amerikanische und die deutsche Botschaft liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt und zudem nahe beim Flughafen. In dem festungsartigen Areal wimmelte es von Bewaffneten unterschiedlicher Nationalität. Viele, die hier die westlichen Länder vertreten, hatten diesen Tag mit hoher Symbolkraft gefürchtet: Als sich das Gerücht, auch Barack Obama reise an, nicht bestätigte, atmeten sie auf.

Nicht die einzige politische Botschaft des Tages

Der gemeinsame Auftritt von Westerwelle, Clinton und Kollegen hatte aber einen Zweck: Einmal sollte demonstriert werden, dass der Westen gemeinsam immer noch hinter Karsai steht, obwohl EU-Botschafter ihm Wahlfälschung attestiert hatten. Gleichzeitig sollten die fast gleichlautenden Statements der westlichen Regierungsmitglieder („bessere Regierung, weniger Korruption“) dafür sorgen, dass die Rede Karsais nicht die einzige politische Botschaft an diesem Tag blieb.

Nach dem Frühstück bei Hillary besuchte Westerwelle kurz die deutsche Botschaft. Seine Kollegen schienen ihn bestärkt zu haben, nun sagte er mit noch mehr Nachdruck, er und seine Gesprächspartner erwarteten gute Regierungsführung, „und das schließt ausdrücklich Korruptionsbekämpfung ein“.

Anschließend frühstückte Westerwelle erneut, diesmal mit den Mitarbeitern der Botschaft, einem Ort von einer gewissen Tristesse: Schon am Eingang erinnert eine Tafel an drei Beamte des Bundeskriminalamtes, die einem Anschlag zum Opfer fielen. Auf der Herrentoilette mahnt ein Schild: „Auch in Krisengebieten kann man die Klobürste benutzen“.

Zuletzt erlitt die Botschaft im Januar diesen Jahres einen Angriff bei dem eine Fensterfront aus Panzerglas zerstört wurde. Westerwelle dankte den Botschaftsmitarbeitern für die „Entbehrungen“, die sie auf sich nehmen und für die „Sorge, die ihre Familien haben“. Tatsächlich ist Kabul eine der wenigen Orte, an denen deutsche Botschaftsangehörige keine Familienangehörigen mehr mitnehmen dürfen.

( dpa/AP/AFP/dcs )

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