Zum 80. Geburtstag

Helmut Kohl – das Wunder deutscher Normalität

Kein Kanzler wurde wie er angefeindet, herabgesetzt, für unfähig erklärt und mit Dümmlichkeit verfolgt. Dabei bewegte sich Helmut Kohl im größten Umbruchsprozess der Nachkriegszeit mit traumsicherer Souveränität. Zum 80. Geburtstag würdigt ihn Thomas Schmid als das Wunder deutscher Normalität.

Deutschland, deine Kanzler: Helmut Kohl fällt aus ihrer Reihe heraus. Angela Merkel, die vorsichtige Patchworkerin, passt gut ins vorsichtige Deutschland der Zukunftssorge. Gerhard Schröder verkörperte, wenn auch verspätet, die Zufriedenheit der alten Bundesrepublik mit sich selbst. Willy Brandt zog eine Gesellschaft mit sich, weil er erstmals seit 1945 für Visionen stand und dennoch ein gänzlich ziviles Gemeinwesen im Sinn hatte. Konrad Adenauer überzeugte die Bürger (im Westen mehr als im Osten), weil er ein strenger Vater seiner moralisch diskreditierten Deutschen war.

Und Helmut Kohl? Obwohl er länger als alle anderen Bundeskanzler regierte und sich im größten Umbruchsprozess der Nachkriegszeit, der mit der Wiedervereinigung nicht endete, mit traumsicherer Souveränität bewegte, galt er lange und gilt zum Teil heute noch als politische Anomalie. Keiner ist wie er angefeindet, herabgesetzt, für unfähig erklärt und mit Dümmlichkeit verfolgt worden wie er.

Er erzielte große, für die Union heute völlig unerreichbare Wahlergebnisse, muss also mit dem Geist der Zeit auf Du und Du gestanden haben – und galt vielen doch als ungeschlachter Grobian, dessen die Republik sich zu schämen habe.

Kohls vergessene Rede

Wie ungerecht das ist, zeigt eine Episode. Im Frühjahr 1985 – Kohl war drei Jahre Bundeskanzler, und Richard von Weizsäcker, mithilfe Kohls, seit knapp einem Jahr Bundespräsident – wurde des 40. Jahrestages der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht gedacht.

In einer großen Rede hieß es: „Das nationalsozialistische Deutschland versetzte die Welt in Angst und Schrecken. Diese Zeit des Mordens, ja des Völkermordes ist das dunkelste, das schmerzlichste Kapitel in der deutschen Geschichte. Es gehört zu den vordringlichen Aufgaben unseres Landes, Wissen darüber zu vermitteln und das Bewusstsein für das ganze Ausmaß, für die Dimension dieser geschichtlichen Erfahrung und Last wachzuhalten. Die entscheidende Frage ist, weshalb so viele Menschen gleichgültig blieben, nicht hinhörten, nichts wahrhaben wollten, als die späteren Gewaltherrscher für ihr menschenverachtendes Programm warben.“

Der Redner erinnerte an den Holocaust, an die Ermordung der Zigeuner, der geistig Behinderten, der als asozial Gebrandmarkten, an das Leid, das den Völkern Mittel- und Osteuropas in deutschem Namen zugefügt wurde, er erinnerte an die Toten der Sowjetunion und die Verbrechen am polnischen Volk – und kam zu dem Schluss: „Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung.“

Der Redner war Helmut Kohl bei einer Gedenkfeier zum 40. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen am 21. April 1985 – 17 Tage vor Richard von Weizsäckers Rede im Bundestag. Dessen Auftritt wurde augenblicklich als befreiende Zäsur wahrgenommen. Kohls Rede ist vergessen.

Jugend vom Nationalsozialismus überschattet

1930 geboren (am 3. April), gehört Helmut Kohl der Generation von Grass, Enzensberger, Jens, Henze und Walser an. Wie diesen hat der Nationalsozialismus ihm die Jugend überschattet. Wie diese war Kohl, der einer katholischen, streng antitotalitär gesinnten Familie entstammte, vom Wunsch beseelt, das elende, so viehisch mit Menschenleben umspringende NS-Regime hinter sich zu lassen.

Ein leidenschaftliches „Nie wieder“ steht am Beginn seiner politischen Laufbahn. Weil er in Trümmern lebte, weil sein Bruder ganz gegen Ende des Krieges als Soldat noch umkam, weil er – vom sicheren Hort einer bergenden Familie aus – die Barbarei erlebt hatte, verschrieb er sich dem Neuaufbau, dem Frieden, der Bindung an Amerika, der Einigung Europas.

Seit 1945 gehört es zum guten Ton in Deutschland, auf Distanz zum eigenen Volk zu bleiben. Das war Helmut Kohls Sache nicht. Krieg und Barbarei vermochten sein Wertegefüge nicht zu zerstören. Er wurde nicht zynisch, nicht existenzialistisch, nicht systemkritisch, aber auch nicht kühl berechnend und nur karriereorientiert. Es gehört zu den Wundern in Kohls Biografie, dass er 1945 nicht aus dem Nest seiner Werte gefallen ist. Das ist ihm oft als Ignoranz ausgelegt worden – tatsächlich ist es eine Stärke.

Von Anfang an stand der Stern der Heimat, ein pfälzischer, über seiner Laufbahn. Es ist oft beschrieben worden, wie schnell er sich neben und nach dem Studium der Geschichte politisch emporgearbeitet hat. Das gelang ihm nicht (nur), weil er so wuchtig und so temperamentvoll ist, sondern vor allem, weil er von Beginn an das politische Institutionengefüge kraftvoll wie ein auf ihn zugeschnittenes Haus bezog. Obwohl er sehr misstrauisch und vorsichtig sein kann – er ist kein Zweifler.

Aufstieg im Eiltempo

Konservative sind defensiv und denken, dass die Welt eigentlich kein Ort für das Gute ist. Das sieht Kohl, nie ein Konservativer, anders: Die Welt ist ein guter Ort, man kann sie dazu machen, man muss nur anpacken. Die Regeln, die Prinzipien? Anstand, Verlässlichkeit, solide Freundschaften und Netzwerke, Beharrlichkeit, Standfestigkeit – alles aus dem Schatzkästlein des deutschen Bürgertums, der kleinen Leute. Yes, we can: Das ist seine Devise.

Sein Aufstieg verläuft rasend schnell: mit 33 CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag von Rheinland-Pfalz, mit 36 Ministerpräsident, mit 43 Bundesvorsitzender der CDU. Von Ludwigshafen nach Mainz, nach Bonn und dann in die weite Welt. Grenzen nimmt er nicht wahr, so sehr ist er von sich überzeugt.

Dies provoziert Bewunderung und reißt viele mit – kann aber auch abschrecken in der Unerschütterlichkeit, der Rücksichtslosigkeit, die er immer wieder an den Tag legte. Etwa als er den verdienten Ministerpräsidenten Peter Altmeier aufs Altenteil schickte. So gefühlig Kohl sein kann, es steckt auch eine vitale Brutalität in ihm. Schon 1946 der CDU beigetreten, erlebt er sie als Verein älterer Männer.

Weil er spürt, dass die Partei sein Vehikel sein könnte, verändert er sie. Zum einen strafft er sie: Er verschafft ihr zum ersten Mal ein Grundsatzprogramm, vertreibt das Honoratiorenhafte (das noch an die Vorkriegszeit erinnerte) und verdreifacht binnen weniger Jahre die Zahl der Mitglieder auf 750.000. Er macht aus der CDU einen großen Milieukörper, der seine Macht stützt und ihm zugleich das Bild von der Gesellschaft liefert, das er braucht. Er ist ein praktischer Sozialforscher.

Zum andern öffnet und modernisiert er die Partei (nicht weniger radikal als Angela Merkel). Mit Vergnügen holt er Persönlichkeiten, die nicht nach Hinterzimmer riechen: Kurt Biedenkopf, Richard von Weizsäcker, Klaus Töpfer, Ursula Lehr, Rita Süssmuth – und Angela Merkel; bezeichnenderweise sind etliche darunter, die ihm später nicht wohlwollten.

Ähnlich vergnügt pflanzt er der Partei neue, provozierende Themen und Thesen ein – etwa in der Familienpolitik, in der die CDU damals unter Adlatus Heiner Geißler einen veritablen Linksruck vollzieht. Aber auch in der Umweltpolitik: Er – der die Grünen von Beginn an sehr ernst nimmt – schafft als Kanzler das Bundesumweltministerium, setzt den Katalysator und das bleifreie Benzin durch (und muss sich doch 1988 von Franz Josef Strauß mit der Steuerbefreiung von Flugbenzin auf der Nase herumtanzen lassen).

Das alles kann er durchsetzen, weil es ihm mit der Wucht und Masse seiner Person gelingt, der Wählerschaft zu versichern, dass die CDU doch ganz bei ihrem alten Wertegefüge bleibt. Der Hausvaterverstand hat ihn stets geleitet. Deshalb ist ihm der Weg aus der Pfalz nach Europa ein selbstverständlicher. Wie man auf Heimat und Provinz achten muss, so auf kleine Staaten genauso wie auf große.

Sein persönliches Wendejahr

Eine Pointe seines Lebens besteht darin, dass er in dem Moment, in dem er politisch fast am Ende zu sein scheint, die Chance bekommt, zum großen Sprung in die Geschichtsbücher anzusetzen: 1989. Nur mit Mühe war es ihm gerade gelungen, einen Putsch gegen sich zu ersticken – da öffnet sich die Mauer, und Kohl handelt wieder so zielsicher, diplomatisch geschickt, leidenschaftlich und zukunftsfroh wie in seiner Jugend.

Dass ihm das gelingt, hat er auch seiner Frau Hannelore zu verdanken. Ohne sie – die das Kriegsende in Leipzig erlebt hatte – hätte der Erzwestler die DDR vor 1989 kaum kennengelernt. So aber ist ihm die Einheit Deutschlands immer ein Ziel, das er nie aufgibt. Als Kanzler trägt er wieder alljährlich im Bundestag den „Bericht zur Lage der Nation“ vor, dessen Titel er mit Absicht so ergänzt: „… im geteilten Deutschland“. Schon im ersten von 1983 heißt es: „Wir Deutsche finden uns mit der Teilung unseres Vaterlandes nicht ab.“

Stur bleibt er 1989 bei seiner Linie: deutsche Einheit in einem vereinten Europa. Er gewinnt die Welt für diesen so einfachen wie begeisternden Traum. Als Berlin Hauptstadt werden soll, zögert er lange, spricht sich – als einfacher Abgeordneter, wie er betont – spät für Berlin aus, ist dann aber dagegen, die „Bonner Republik“ zu verabschieden und fortan eine „Berliner Republik“ anzustreben: Dümmlich sei das, sagt er. Deutschland soll in den Bonner Spuren bleiben – Besseres gab es für ihn nie, Größeres erschiene ihm gefährlich. Wer um Bonn keine Träne weint, hat wenig aus der Geschichte gelernt. Er ist Historiker, ein besserer, als seine Kritiker behaupten.

Er hat Sinn für Erinnerungsorte. Es sollte nicht vergessen sein, dass es ohne die enge Beziehung zwischen ihm und Ignatz Bubis wohl nicht so schnell oder gar nicht zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas gekommen wäre. Sein Abgang aus der Politik ist von der Spendenaffäre überschattet, in der er sich im Konflikt zwischen Recht und gegebenem Ehrenwort stur für Letzteres entscheidet und damit seiner Partei schadet. Aufbrausend war er oft, Sozialdemokraten nannte er stets „Sozen“. Hier legt er eine unversöhnliche Härte an den Tag, die so gar nicht zum versöhnlichen Wesen dieser Republik passt. Da blitzt etwas Vergangenes durch, das nicht licht ist: hier der Freund, da der Feind.

Als Kohl 1976 die Kanzlerschaft um ein Haar verfehlt, kommt die Union auf 48,4 Prozent. Als er sich 1983 – zuvor ohne Parlamentswahl Kanzler geworden – der Wiederwahl stellt, kommt er auf 48,6 Prozent: Ergebnisse, die heute unvorstellbar sind. Anders als Strauß, der das Absolute anstrebte und die FDP eliminieren wollte, setzt Kohl immer auf das Bündnis mit den Liberalen. Auch hier Pflege der Kleinen.

CDU plus CSU plus FDP: Das ist für ihn der bundesdeutsche Normalzustand – alles andere wäre ein Betriebsunfall. Darin gehört er der Vergangenheit an. Die zersplitterte Parteienwelt, die heute fast überall in Europa der Normalfall ist und von der allein Deutschland weitgehend verschont geblieben ist, ist seine Welt nicht mehr. Er verkörpert – für viele auf provozierende Weise – das unvermutete Wunder deutscher Normalität.

Dass von deutschem Boden Frieden ausgehen kann, das hätte 1945 niemand geglaubt. Kohl hat es mit aller Kraft gewollt und hat seinen beträchtlichen Teil dazu beigetragen. Man kann neidisch werden: Aufgewachsen im Schatten der Dome von Speyer und Worms, des Hambacher Schlosses und nah den Weinbergen von Deidesheim, gibt ihm diese Umwelt ein Leben lang spirituelle, politische und kreatürliche Sicherheit. Deswegen (und nicht weil er fühllos wäre) konnte Helmut Kohl die Flut der Anfeindungen nichts anhaben.