Altkanzler Helmut Kohl wirft der Politik und Gesellschaft vor, Chancen für Deutschland zu verspielen. Nach Monaten des Schweigens äußerte sich der langjährige CDU-Vorsitzende anlässlich seines 80. Geburtstages an diesem Samstag erstmals wieder öffentlich. In einem Interview der „Bild“-Zeitung (Samstag) sagte er: „Wir Deutschen haben alle Ressourcen und Möglichkeiten, wir haben bewiesen, dass wir leistungsfähig sind - und verlieren uns heute doch vor allem in einem Lamento und Klein-Klein, das ich nicht nachvollziehen kann.“

Er erklärte, er blicke mit Dankbarkeit und Glück auf sein Leben. „Die wichtigsten Entscheidungen würde ich alle wieder so treffen (...) Dafür bin ich dankbar, und das empfinde ich als großes Glück.“ Er habe aber immer hart kämpfen müssen und ihm sei nichts geschenkt worden.

„Ich bin immer unterschätzt worden. Aber ich habe mich auch nie verbogen, bin meinen Überzeugungen immer treugeblieben und durfte über viele Jahre den Weg unseres Landes an entscheidenden Stellen mitgestalten.“

Über sein Verhältnis zur CDU und die Frage des Ehrenvorsitzes sagte Kohl: „Wenn Sie ihr Leben lang für eine Partei und ein Land gelaufen sind, und dann feststellen, dass auch Menschen, die zuvor nicht nahe genug heranrücken konnten, sich plötzlich abwenden, ja, sich sogar gegen Sie stellen, weil Sie einen Fehler gemacht haben, da muss ich sagen, da habe ich manches Mal gehadert, allerdings weniger mit dem Schicksal - das ist auch wahr - als vielmehr mit den Menschen.“

Kohl hatte seinen Ehrenvorsitz Anfang 2000 nach knapp zwei Jahren auf Druck der Parteispitze zurückgegeben. Dem vorausgegangen war die Affäre um Spenden, die Kohl für die CDU angenommen und den Geldgebern sein Ehrenwort gegeben hatte, ihre Namen nicht zu nennen.

Forderungen aus der Partei vor seinem 80. Geburtstag, ihm erneut den Ehrenvorsitz anzutragen, lehnt die CDU-Chefin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ab. Sein größter Geburtstagswunsch sei Frieden, sagte Kohl.

Seine Generation habe trotz der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der entbehrungsreichen Nachkriegsjahre viel Glück gehabt. „Wir waren nicht unmittelbar involviert in die schrecklichen Dinge, die in deutschem Namen geschehen sind.“ Nach dem Krieg seien die jungen Menschen früh in Verantwortung genommen worden - verbunden mit vielen Chancen.

„Wir konnten unseren Beitrag leisten, (...) unser Land demokratisch zu festigen und in die Staatengemeinschaft der freien Welt zu integrieren, (...) auf ein Fundament zu stellen, das Frieden und Freiheit dauerhaft möglich macht.“

dpa/cn