Wahlkampf

Auf Radtour mit Beatrix von Storch (AfD) durch Berlin

| Lesedauer: 6 Minuten
Uta Keseling
AfD-Radtour am Charlottenburger Schloss mit Beatrix von Storch

AfD-Radtour am Charlottenburger Schloss mit Beatrix von Storch

Foto: Reto Klar

Wir begleiten Politiker im Wahlkampf. Diesmal: Fahrradtour durch Berlin mit AfD-Spitzenkandidatin Beatrix von Storch.

Die Fahrradtour, so sieht es aus, ist vor allem ein Ablenkungsmanöver. 50 AfD-Mitglieder in blauen T-Shirts mit Parteilogo, so die Idee, sollen durch Berlin radeln und ein anderes Gesicht der AfD zeigen als das des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der zur gleichen Zeit in Marzahn-Hellersdorf auftritt und gegen den wegen seiner völkisch-rassistischen Aussagen ein Parteiausschlussverfahren läuft. Die Radtour soll wohl auch etwas anderes zeigen als die zwei dauerpräsenten Spitzenkandidaten Alexander Gauland und Alice Weidel – Gauland, der gerade forderte, dass ein Schlussstrich unter die Beschäftigung mit Nationalsozialismus gezogen werde, und Weidel, die aus Talkshows und Interviews rennt.

Auf der Fahrradtour an diesem Sonnabend soll Beatrix von Storch der Mittelpunkt sein. Storch, 46 Jahre alt, ist Spitzenkandidatin der AfD in Berlin. Dem breiteren Publikum ist sie durch ihren „Mausrutscher“ bekannt, als sie 2016 forderte, die deutsche Polizei solle bei illegalen Grenzübertritten auf Flüchtlinge schießen. Auf die Frage, ob das auch für Frauen und Kinder gelte, antwortete sie: Ja. Später ruderte sie zurück: Nur auf Frauen. Und es hieß, sie sei auf der Maus ausgerutscht. Beatrix von Storch ist Rechtsanwältin und sitzt seit 2014 für die AfD im EU-Parlament.

Treffpunkt vor dem Schloss Charlottenburg

Treffpunkt der Tour ist nicht der Wahlkreis der Kandidatin, also Mitte, wo Storch auch wohnt und ihr Parteibüro hat, sondern das Schloss Charlottenburg. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich angekündigt und nicht als Demons­tration angemeldet, sagt Storch. Polizei ist trotzdem da. Sie wird seit Morddrohungen 2016 von zwei Personenschützern des BKA begleitet, die jetzt betont zivil in Fahrradhelmen und Outdoor-Regenkleidung in der Nähe stehen. Storch trägt eine rote Basecap auf dem Kopf, „Make Germany safe again“ steht darauf, Anspielung auf Donald Trump und das Kernthema der AfD: Angst. Nicht vor Fahrradunfällen, offenbar, aber vor dem „Islam, Terror und dem Migrationspro­blem“, wie es Storch zusammenfasst. Dies seien die wichtigsten Themen im Straßenwahlkampf.

Bevor es losgeht, lässt sie sich fotografieren beim Luftballon-Aufblasen, sie macht Selfies von sich und der Gruppe. Dann steigt sie auf eine Parkbank, um sich bemerkbar zu machen. Sie ist nicht sehr groß und hat eine helle Stimme. Das wirkt niedlich in Situationen wie dieser und schneidend, wenn sie am Podium spricht, wie am Vortag. Storch hat in der Zitadelle Spandau ihren persönlichen Wahlkampfhöhepunkt gefeiert, Nigel Farage, „Vater“ des Brexit aus London, war da, um zu zeigen, wie Wahlkampf geht, auch wenn er betonte: mit der AfD habe er nichts zu tun.

Beatrix von Storch kann keinen Punk

Zunächst referierte Storch auf der Bühne die AfD-üblichen Zahlen- und Wortspiele, sagte: „Bei 160 Millionen Flüchtlingen wird auch der ,gutste Gutmensch’ einsehen, dass es schwierig wird.“ Absurd wurde es, als sie behauptete, der Berliner Senat wolle die öffentlichen Toiletten für 160 Millionen Euro „gendergerecht“ umbauen. Richtig daran ist, dass der Senat den Auftrag für die privat betriebenen öffentlichen Toiletten neu vergeben will, und auch, dass das sehr teuer werden kann. Nur: „Unisex“ sind die privaten Wall-Toiletten längst. Die Neuvergabe hat mit dem Kartellrecht zu tun, nicht mit Genderpolitik, die Storch für Irrsinn hält. Die Reaktion im Saal war verhalten. Farage machte dann vor, wie man Anhänger befeuert. 20 Minuten schrie er auf das handverlesene AfD-Publikum ein, bis selbst ältere Herrschaften in Anzügen und Kostümen johlten wie beim Punkkonzert.

Beatrix von Storch kann keinen Punk. Von der Bank am Schloss ruft sie: „Wir fahren jetzt als AfD, ja? Bitte maximal zu zweit nebeneinander, kein Pöbeln. Nicht, dass sich jemand belästigt fühlt. Das wäre das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen.“ Dann, endlich, geht es los. Geplant hat die Tour zum Wannsee ein AfD-Mitglied aus Neukölln, doch die Route liegt abseits, das anvisierte Lokal hat zu. Nicht ideal, erkennt Storch und diskutiert mit den Personenschützern. „Zum Kudamm“, ruft sie – „Brandenburger Tor?“ – „Geht nicht, dort ist eine Demonstration gegen rechte Populisten.“ Niemand lacht.

Kaum Beleidigungen und Mittelfinger

Was passiert, wenn 50 AfD-Mitglieder in blauen Partei-T-Shirts an einem Sonnabendnachmittag über den Kudamm radeln? Vorbei an überfüllten Läden, quer durch den links-grünen Regenbogenkiez am Nollendorfplatz? Zurück durch Hupkonzerte türkischer und arabischer Hochzeitsgesellschaften, deren Gäste vor der Gedächtniskirche im Kreis tanzen? Ist das Provokation? Demo? Oder was? Nichts von alledem. Auf der Tour wird den AfD-Radlern ab und zu ein Mittelfinger gezeigt, nur einmal gibt ein AfDler die Beleidigung zurück. Was von der Fahrt in Erinnerung bleibt, sind viele gleichgültige, versteinerte Mienen am Straßenrand, wenn Passanten erkennen, für wen die Gruppe wirbt. Beatrix von Storch wird kaum erkannt. Nur wenige Menschen winken ihr zurück. An einer Straßenecke brüllt auf dem Rückweg jemand dem Trupp hinterher: „Arisch, arisch! Hitler kommt zurück!“

An der Straße des 17. Juni stoppt die Gruppe. Anweisung: T-Shirts ausziehen, Luftballons weg. Zum Biergartenbesuch will die AfD-Truppe, der neben von Storch vier weitere Spitzenkandidaten der Landesliste angehören, lieber unerkannt in den Schleusenkrug gehen. Um den Wirt Unannehmlichkeiten zu ersparen, so Storch. Sie erlebe das in Mitte, wo sie in viele Lokale nicht mehr gehen könne, weil sie oder die Wirte bedroht würden. Tage zuvor hat man sie indes in einem Lokal in Mitte höchst privat zu Abend essen sehen, ohne Personenschützer. Und ohne Trump-Mütze.

Am Ende der Tour hat die Kandidatin kein einziges Wort mit Wählern gewechselt, keinen Flyer verteilt. Darum gehe es auch nicht, sondern „um die Präsenz, um die Bilder, die ich jetzt twittere,“ sagt sie. Die AfD führt Wahlkampf nicht auf der Straße, sondern in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter.

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