Bundestagswahl 2017

Mit Eva Högl auf Wahlkampftour durch den Wedding

| Lesedauer: 7 Minuten
Uta Keseling
Wahlkampf in Berlin mit: Eva Högl (SPD)

Wahlkampf in Berlin mit: Eva Högl (SPD)

Eva Högl (SPD) kandidiert in Berlin-Mitte für den Bundestag. Die Berliner Morgenpost hat sie im Wahlkampf begleitet und mit ihr über ihre Ziele gesprochen.

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Wir begleiten die Berliner Spitzenkandidaten im Wahlkampf. Diesmal: Die SPD-Spitzenkandidatin Eva Högl.

Der Leopoldplatz in Wedding gehört zu den Teilen Berlins, die erst jetzt wiederentdeckt werden. Bekannt ist der Platz als „kriminalitätsbelasteter Ort“, es gibt Drogenhandel und eine Trinkerszene. Aber Wedding ist auch Mitte. Das Regierungsviertel liegt nur zehn Fahrradminuten entfernt, Gründerzeithäuser werden saniert. Aus dem Menschengewimmel am Platz sticht an diesem Morgen eine Frau im knallroten Blazer heraus, die ein Hollandrad schiebt.

Einige Passanten gucken ihr hinterher: Ja, es ist Eva Högl, Berliner Spitzenkandidatin der SPD für die Bundestagswahl und Direktkandidatin in Mitte. Ihr Porträt steht gegenüber auf der Müllerstraße in einer Reihe mit Martin Schulz (SPD), Angela Merkel (CDU) und Katrin Göring-Eckhardt (Grüne), den bundesweiten Spitzenkandidaten. Auf Högls Plakat steht nur: „Eva Högl. Am 24. September SPD wählen“, sonst nichts. Was wohl heißen soll: Wer mehr wissen will, kann sie ja selbst fragen. Deswegen ist sie hier.

Zweimal hat sie ihren Wahlkreis schon gewonnen

Sie schließt ihr Fahrrad an und begrüßt ihr Wahlkampfteam. Geplant ist ein Rundgang zu Gewerbetreibenden an der Müllerstraße, aber weit kommt sie nicht – die erste Passantin hat schon eine Frage, bevor das erste Geschäft erreicht ist. Eva Högl ist in Wedding und Mitte bekannt. Nicht nur, weil sie derzeit auf 6500 Plakaten im Bezirk zu sehen ist und gleich um die Ecke wohnt, im Sprengelkiez. „Ich bin ja immer hier, nicht nur alle vier Jahre.“ Regelmäßig lädt sie zu Rundgängen ein, besucht Veranstaltungen in den Kiezen.

Zweimal hat sie ihren Wahlkreis schon gewonnen, gilt auch diesmal als Favoritin in Mitte, obwohl ihre Herausforderer prominent sind. Für die CDU kandidiert Frank Henkel, ehemals Innensenator, der allerdings im vergangenen Jahr bei den Abgeordnetenhauswahlen scheiterte. Für die AfD tritt Beatrix von Storch an, die wie Högl im eigenen Wahlkreis wohnt und auch Berliner Spitzenkandidatin ist, unter ihren Nachbarn aber eher weniger Fans haben dürfte. Für die Grünen kandidiert Özcan Mutlu, für die Linken der Pfarrer Stephan Rauhut.

Wichtigstes Thema der Menschen, sagt Högl, seien Mieten und Verdrängung. Es dauert nicht lange, bis der erste Passant sie darauf anspricht. Er habe wenig Hoffnung, dass die Politik den rasanten Mietanstieg stoppen könne. Högl stimmt zu: Sie kenne selbst Fälle, in denen Mieter bereit waren, Mieten weit über dem Mietspiegel zu bezahlen. So werde das Mietniveau weiter nach oben getrieben. „Die Mietpreisbremse muss geschärft werden“, fordert sie, außerdem müsse die Modernisierungsumlage gesetzlich gedeckelt werden. Der Mann widerspricht, bis Högl ihm anbietet, ihm den Gesetzentwurf zu mailen. Persönlich. „Er liegt ja schon fertig auf dem Schreibtisch der Bundeskanzlerin.“ Überrascht tauscht der Mann mit Högl Kontakte aus und schaut noch überraschter, als sie sagt: „Es interessiert mich, was Sie davon halten.“

Lohnt es sich, Wähler einzeln zu überzeugen? „Auf jeden Fall“, sagt Högl. Ob der Passant SPD wählen wird, wisse sie zwar nicht. „Aber die Menschen sind jetzt offener als sonst für politische Themen. Für mich ist dies die schönste Zeit des Wahlkampfes.“

Vom Hühner-Imbiss zum Hörgeräteakustiker

Hühner-Imbiss, Handyladen, Hörgeräteakustiker: Högl öffnet Tür um Tür. Im Imbiss legt sie die Flyer neben die Teller der Essenden, die freundlich grüßen: „Viel Erfolg!“ Im Handyladen entspinnt sich ein Dialog unter jungen Verkäufern: Einer will auf jeden Fall wählen gehen, „damit wir nicht von irgendwelchen Spinnern regiert werden“. Der andere sagt bedauernd: Er habe keinen deutschen Pass. „Auch Menschen ohne deutschen Pass, die lange hier leben, sollten wählen dürfen, auch auf Bundesebene“, sagt Högl.

„Nee, Danke, SPD auf keinen Fall“, der junge Mann ist mit Frau und Kinderwagen unterwegs, sie trägt ein Kopftuch. Högl sagt: Solche Reaktionen erlebe sie selten. „Manchmal spüre ich Enttäuschung oder Ablehnung, aber wenn ich das Gefühl habe, es lohnt sich, fange ich trotzdem ein Gespräch an.“ Eva Högl (48), blond, mittelgroß, lebhaft, geht auf alle Menschen zu, ihr norddeutscher Singsang bringt manche zum Lächeln oder weckt Neugier – sie ist in der Nähe von Oldenburg aufgewachsen.

Zum Wahlkampfteam gehört an diesem Tag Fevzi Gün, BVV-Mitglied in Mitte. Ein älterer Herr ruft ihm auf Türkisch zu: Seine gesamte Familie wähle SPD. Im Übrigen sei er Eva Högls Nachbar! Sie lachen. Ein junger Angestellter bittet Högl, etwas für die Erhöhung des Mindestlohns zu tun. Sie rät, einer Gewerkschaft beizutreten, „die handeln bessere Löhne aus“. Der junge Mann schaut ratlos. Was ist eine Gewerkschaft?

Im nächsten türkischen Supermarkt dürfen die Mitarbeiter keinen Kontakt zu deutschen Politikern haben, sagen sie. Es klingt, als sei der Markt ganz auf Erdogan-Linie. Eva Högl nickt. Die SPD hat viele türkische Mitglieder, sagt sie, sowohl Erdogan-Gegner als auch Befürworter. Es ist ein schwieriges Thema – nicht nur für die SPD.

Eva Högl ist Juristin, hat promoviert zu europäischem Arbeits- und Sozialrecht. Im Bundestag ist sie stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion. Zu ihren Themen gehört neben Integration und Frauenrechten auch innere Sicherheit, sie war im NSU-Untersuchungsausschuss und dem zur Edathy-Affäre. Sie gilt als Fachfrau, die gern über schwierige Themen diskutiert.

Ein Wut-Thema ist Ex-Kanzler Schröder

Am nächsten Morgen steht Högl am Nordbahnhof. Hier geht es um Schulen, alleinerziehende Mütter, Flüchtlinge. Ein aufgeregter Mann redet auf Högl ein, es fällt das Wort „Überwachungsstaat“. Sie holt schließlich Luft: „Darf ich Ihnen etwas erklären?“ Datenspeicherung sei tatsächlich ein Eingriff in Grundrechte. Dass es aber dafür klare Regeln gebe und Gerichte entscheiden müssten. Dass sie das richtig finde. Und ob er zum Diskutieren nicht mal zur SPD kommen möchte? Auch dieser Mann scheint nicht zu glauben, dass sie an seiner Meinung interessiert ist.

Das Wut-Thema in Sachen SPD ist Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Seine heutige Nähe zu Russland beklagen viele Passanten. Ein anderes Thema dagegen erwähnt niemand – ein Video, auf dem Högl winkte und lachte, während Martin Schulz über das Attentat von Barcelona sprach. Das Video bekam im Internet viele hässliche Kommentare, befeuert unter anderem von der AfD. Sie habe nicht gewusst, worüber Schulz sprach, versicherte Högl tags darauf fassungslos in einer Erklärung. „Wer mir unterstellt, Terror sei mir egal oder ich würde mich sogar darüber lustig machen, tickt nicht ganz richtig.“