Korrespondenten

Wie die Welt die Wahl bewertet

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Die Berliner Morgenpost hat mit sechs Berliner Korrespondenten von Auslandsmedien über die Konsequenzen des Wahlergebnisses gesprochen und darüber, wie sie für ihre Heimat berichten.

Alison Smale, New York Times, USA:

„Mir fällt auf, wie ernst die Deutschen ihre Aufgabe nehmen, zu wählen. Sie reden viel darüber, wen sie wählen und interessieren sich für das Wahlprogramm. Das sagt etwas aus über den hohen Stand der Demokratie in diesem Land. Ich habe in meinem Text in der New York Times gestern geschrieben, die Deutschen ,spielen Geige, während Rom brennt’. Es ist natürlich ernsthafter als das, das wurde auch am Wahltag deutlich. Dass die Liberalen nicht im Parlament sein werden, ist historisch, und der Triumph für die Kanzlerin Angela Merkel auch. Beinahe hätte sie wohl eine absolute Mehrheit erreicht.“

Frédéric Lemaître, Le Monde, Frankreich:

„Ich fand den Wahlkampf enttäuschend, weil die großen Gesellschaftsthemen der Deutschen nicht berührt wurden: Was ist mit Europa, mit der Integration von Flüchtlingen? Von der Energiewende über die EEG-Umlage hinaus? Dafür waren einige Themen sehr typisch deutsch: Veggie-Day oder Betreuungsgeld. Spannend bleibt, wie tief die Kluft zwischen der CDU und den anderen Parteien sein wird und welche Koalition sich aus dem Wahlergebnis ergibt. Denn die Wähler wissen bei dieser Wahl nicht, welche Koalition sich ergeben wird. Was wäre der Inhalt eines Koalitionsvertrags zwischen der christdemokratischen Union und der Sozialdemokratie? Frankreich erhofft sich ein Deutschland, das noch europäischer handelt und sich aktiver in der Weltpolitik beteiligt.“

Frank Vermeulen, NRC Handelsblad, Niederlande:

„Es sieht ja derzeit nach einer Großen Koalition aus, was schon seit Monaten vorausgesagt wurde. Oberflächlich gesehen, macht es dadurch diese Wahl zur langweiligsten seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber dem steht gegenüber, dass dieses stabile Land in Bewegung geraten ist: Die FDP verliert, und die euroskeptische AfD gewinnt viele Stimmen. Für eine Demokratie ist es wichtig, dass auch solche Stimmen gehört werden. Angela Merkel gilt in Holland als ‚Frau ohne Eigenschaften‘. Das Wahlergebnis ist auch für Europa wichtig, deswegen betrifft es die Niederlande, denn zumeist ist es via Deutschland, dass wir versuchen, Einfluss in der EU zu nehmen.“

Philip Oltermann, The Guardian, Großbritannien:

„Wir haben den gesamten Wahltag mit Live-Blogs begleitet und mehrere Wahlpartys besucht. Für die Briten wäre alles andere, als eine Koalition mit Angela Merkel ein Schock gewesen. Von den aktuellen Hochrechnungen dürften sich die Briten aber in ihrem Euroskeptizismus bestätigt sehen. Andererseits: Eine Koalition mit einer frankophileren SPD könnte auch die Rolle für Großbritannien in Europa nicht nur positiv verändern. Insgesamt wurde oft gesagt, der Wahlkampf sei langweilig – fand ich gar nicht, dafür war es viel zu knapp. Aber zentrale Themen wie Europa, Syrien oder NSA wurden sehr zurückhaltend behandelt.“

Miranti Hirschmann, TV1, Indonesien:

„Ich hatte erwartet, dass die Wahlen ohne Krawalle und Gewalt vonstatten gehen werden. Zudem galt es auch für mich als sicher, dass Angela Merkel gewinnen wird. Sie war sehr stark und hatte nicht nur viel Unterstützung in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern in der EU. Für Indonesien ist der Verkauf von Panzern eines der größten Themen im Zusammenhang mit Deutschland. Außerdem hofft Südostasien, dass es weiter im Fokus bleibt, so wie es durch den Besuch von Angela Merkel vor einem Jahr gezeigt wurde. Im Wahlkampf fand ich den Wahl-O-Mat eine interessante Methode, die Wähler zu motivieren.“

Frederik Pleitgen, Korrespondent für CNN International in Berlin:

„Ich berichte schon zum fünften Mal über die Bundestagswahl, habe in der Öffentlichkeit aber nie zuvor so wenig Enthusiasmus und Spannung wahrgenommen, wie in diesem Jahr. Von internationalen Kollegen wurde ich oft gefragt: Was ist denn das große Thema bei der Bundestagswahl? Das war schwer, zu beantworten. Die internationale Auswirkung der Bundestagswahl wird vor allem eine stabile deutsche Außenpolitik sein. Es wird keine populistischen Maßnahmen geben, die Deutschlands Rolle beim Lösen der Eurokrise untergraben. Deutschland wird sich weiterhin stark in der Europapolitik engagieren, da bin ich mir sicher. Im Hinblick auf internationale militärische Einsätze allerdings wird Deutschland eher in den Hintergrund treten.“