Bundestagswahl 2013

Robin Ebser - Der Euro-Gegner mit einer Vorliebe fürs Risiko

Robin Ebser will in Marzahn-Hellersdorf für die AfD Stimmen sammeln. Trotz der Übergriffe auf Parteikollegen fühlt er sich in seinem Bezirk halbwegs sicher. Nur besonders „hip“ sei seine Partei nicht.

Foto: Reto Klar

100-Euro-Scheine regnen auf die Märkische Allee. Mit vollen Händen werfen zwei junge Menschen die Banknoten von der Fußgängerbrücke zwischen S-Bahn und „Eastgate“. Vorübereilende Passanten stutzen, bremsen, wollen sich bücken – und erkennen im letzten Moment, dass Falschgeld fliegt, aus thailändischer Produktion. In Südostasien ist es Brauch, zur Beisetzung ein paar große Scheine abzufackeln, damit der Verstorbene im Jenseits immer flüssig sei. Für den Wahlkampf von Euro-Gegnern genau die richtige Symbolik.

Robin Ebser, 33, steht inmitten des naiven Theaters und verteilt Prospekte der „Alternative für Deutschland“, kurz AfD. Mit Klingelbeuteln, auf denen eine griechische Flagge und das Logo der Deutschen Bank kleben, betteln zwei Wahlkampfhelfer um Spenden für die Euro-Rettung. Bis die Bürger den Gag kapiert haben, sind sie meist schon vorbeigehuscht. Eine junge Russin hat neulich tatsächlich einen Euro gespendet. Fürchtet der AfD-Kandidat für Marzahn-Hellersdorf Ohrfeigen? In den letzten Wochen mehrten sich Angriffe auf AfD-Wahkämpfer. Parteichef Bernd Lucke wurde gar mit Reizgas attackiert. Ebser lächelt gequält. Hier in Marzahn, am Einkaufszentrum Eastgate, fühle er sich halbwegs sicher.

AfD gilt als Hort des Bösen

Unten auf dem Busbahnhof leuchten die Plakate der NPD. Die Attacken scheinen eher ein Phänomen des Westens zu sein, wie Andreas Dahl berichtet, der beim Flyer-Verteilen hilft. Dahl ist AfD-Kandidat in Friedrichshain-Kreuzberg und musste mehrfach vor Angreifern fliehen. Als er mit einem Helfer aus Kamerun Plakate an Laternenpfähle hängen wollte, wurde Dahl als „Rassist“ beschimpft, „dabei ist meine Freundin Armenierin“. Am Schlesischen Tor schließlich musste er das Plakatieren abbrechen, weil sich 20 Engagierte versammelt hatten, die „Nazi“ riefen, an der Leiter rüttelten und Dahl zum Abschied in den Rücken hieben.

Wer für die jüngste und umstrittenste aller Parteien kandidiert, muss eine gewisse Vorliebe für Hass und Risiko mitbringen. Noch bevor die AfD in irgendein Parlament gewählt worden ist, gilt sie bereits als Hort des Bösen. Ist Ebser also ein Krypto-Nazi? Dann verstellt er sich ziemlich gut. Der Schwabe ist Diplom-Ingenieur für audiovisuelle Medien, hat früher Computerspiele mitgestaltet, programmiert jetzt selbstständig Apps, zahlt Steuern und hat Berlin zu seiner Heimat gewählt. Wo genau? Aha, Hellersdorf, drei U-Bahn-Stationen von der umstrittenen Unterkunft für Asylsuchende entfernt. Na, wenn das kein Verdachtsmoment ist.

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Hat Ebser vor der Schule in der Carola-Neher-Straße protestiert? Bekämpft er „Einwanderung in die Sozialsysteme“, um NPD-Jargon zu gebrauchen? Ebser guckt irritiert und verweist darauf, dass die AfD sich dafür einsetzt, dass Asylbewerber arbeiten dürfen anstatt sich der unwürdigen Residenzpflicht unterwerfen zu müssen. Dass die Anerkennungsverfahren sich bisweilen über Jahre hinziehen, diene keinem der Beteiligten. Zur Unterkunft in Hellersdorf fällt ihm vor allem ein, dass die Anwohner nicht vorbereitet worden seien auf die neuen Nachbarn und dass der Protest aus ganz unterschiedlichen Ecken gekommen sei. Dass Rechtsradikale aufkreuzen, sei peinlich, aber kaum zu unterbinden. Glatzen klingen anders.

Vier Seiten Parteiprogramm

Merkwürdig. Was genau provoziert den jähen Zorn auf die AfD? Sind die jungen Ebsers nur naive Claqeure für gewöhnungsbedürftige Formalisten wie den Euro-Gegner Starbatty, die strenge Juristin Beatrix von Storch oder Parteichef Lucke? Schon interessant, wie bewundernd Ebser über „Herrn Lucke“ spricht, dessen märchenhafte Auffassungsgabe und die „souveränen Auftritte“ in den Talkshows. „Ich kenne viele junge Leute, die vor allem wegen Herrn Lucke mitmachen“, erklärt Ebser, „in der Politik geht es nicht nur um Programme, sondern um Figuren.“ Aber welche genau? Angesichts der westdeutschen, grautönigen und spaßbefreiten Führungsleute mit ihrer Alles-geht-den-Bach-runter-Rhetorik klingt die AfD oftmals merkwürdig national und durchweg schlecht gelaunt. Vier knappe Seiten Parteiprogramm sind auch nicht doll. Robin Ebser gesteht: „So richtig hip sind wir nicht.“

Was Aktivisten wie Ebser zu einem aussichtslosen Kampf gegen Marzahns Königin Petra Pau von der Linken motiviert, ist vor allem dieses diffuse Gefühl von einsamer Ohnmacht, dass manche Bürger mit den Euro-Rettungspaketen erfasst hat, übrigens auch eine Reihe von Abgeordneten, etwa Wolfgang Bosbach, die dem Kanzlerinnen-Kurs nur murrend oder gar nicht zustimmten. Ebser zählt auf: Entmachtung der Parlamente, unkalkulierbare Risiken für nachfolgende Generationen, Inflationsgefahr und all die anderen hinlänglich bekannten Argumente, die Euro-Gegner mantramäßig vorbringen.

Das Bekenntnis zur AfD ist nicht nur ein politisches, sondern auch ein gesellschaftlich-kulturelles, für Recht und Ordnung und gegen eine als Konsenssoße wahrgenommene Politik der Etablierten. Zuletzt ermittelten die Demoskopen einen Anstieg auf drei Prozent bundesweit. „FDP raus, AfD rein und dann eine Koalition mit der Union“ – so sieht Ebsers ideale Konstellation für den 22. September, 18 Uhr, aus.

Etablierten Parteien wollen nicht mit AfD diskutieren

Die AfD ist auch eine self-fulfilling prophecy. Durch die tätlichen Angriffe erfährt die Protest-Partei mehr Aufmerksamkeit als durch das Euro-Thema. Die Stigmatisierung von außen führt zu einem Clan-Gefühl nach innen. Eben dieses Robin-Hood-Bewusstsein aber ist der stärkste aller Treibstoffe. Und die Etablierten tun alles, um die AfD weiter in die Opferrolle zu treiben. So wurde in Friedrichshain eine Podiumsdiskussion abgesagt, weil sich Linke, Grüne und SPD einträchtig weigerten, mit Dahl zu diskutieren.

Nicht ganz überraschend, dass sich schlichtere Gemüter ermutigt fühlen, mal zuzuschlagen. Zu welcher politischen Kultur gehörte es einst eigentlich, Debatten zu verweigern, Vorurteile zu pflegen und auf der Straße Angst und Schrecken zu verbreiten? Allenfalls die Kollegen von der Titanic-Truppe „Die Partei“ wagen ein Gespräch und tauschen Aufkleber aus.

Man kann die AfD für ein Panoptikum von Spinnern halten, für D-Mark-Romantiker, Aushilfs-Volkswirte oder einfach Sonderlinge, von denen es in Berlin knapp 700 gibt. Solange allerdings keine rechtlich belastbaren rechtsradikalen Umtriebe nachzuweisen sind, gilt ein Minimum an demokratischer Fairness. Für Robin Ebser ist die Sache klar: „Die anderen haben Angst vor uns, weil wir die besseren Argumente haben.“ Bis vor kurzem sympathisierte Ebser mit der FDP und den Piraten.