„Respektlosigkeit“

Nordkorea richtet Minister angeblich mit Flakgeschütz hin

Nordkoreas Verteidigungsminister soll hingerichtet worden sein - wegen Respektlosigkeit. Die Exekution erfolgte demnach mit Flugabwehrgeschützen bereits Ende April.

Foto: Jon Chol Jin / AP

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un hat nach Geheimdienstinformationen seinen Verteidigungsminister Hyon Yong Chol wegen Ungehorsams abgesetzt und vor Publikum hinrichten lassen. Bei der Hinrichtung des Ministers mit Flugabwehrgeschützen Ende April hätten hunderte nordkoreanische Behördenvertreter zugesehen, sagte der Vize-Chef des südkoreanischen Geheimdienstes NIS, Han Ki Beom, nach Angaben der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap am Mittwoch vor einem Parlamentsausschuss. Hyon wurde zu Kims engstem Umfeld gezählt.

Yonhap berief sich in dem Bericht auf Teilnehmer der Ausschusssitzung mit dem NIS-Vize. Han sagte demnach, mit der Hinrichtung in einer Militärakademie im Norden von Pjöngjang sei Hyon für Ungehorsam und Respektlosigkeit gegenüber Nordkoreas Staatschef bestraft worden. Der Minister habe Kim mehrfach kritisiert und dessen Befehle verweigert und sei dabei ertappt worden, wie er bei offiziellen Militärveranstaltungen eindöste.

Die Exekution in der Militärakademie wurde demnach mit Flakgeschützen und Munition vom Kaliber 14,5mm vollzogen. Unbestätigten Berichten zufolge sind derartige Exekutionen im kommunistischen Nordkorea hochrangigen Regierungsvertretern vorbehalten, an denen die Führung ein Exempel statuieren will. Das südkoreanische Wiedervereinigungsministerium reagierte auf den NIS-Bericht mit der Feststellung, Nordkorea stehe unter einer „Terrorherrschaft“.

Dass Hyon mit einer Flugabwehrwaffe getötet worden sei, wird als Beleg für die zunehmende Brutalität des Regimes gesehen. Nach Angaben des in den USA angesiedelten Komitees für Menschenrechte in Nordkorea (HRNK) sei auf Satellitenbildern zu erkennen, dass eine Exekution im vergangenen Oktober in Nordkorea auf die gleiche Weise ausgeführt wurde. Dabei soll ein Flugabwehrmaschinengewehr mit eine Reichweite von 8000 Metern auf die Zielperson oder Zielpersonen in nur 30 Meter Entfernung gerichtet worden sein.

Hinrichtung um den 30. April

Im April hatte die in den USA ansässige Organisation Commitee for Human Rights in Korea Satellitenbilder von Mitte Oktober veröffentlicht, die die Militärakademie zeigten. Zu sehen war eine Schießanlage mit Flugabwehrgeschützen, die offenbar in Vorbereitung einer Hinrichtung aufgereiht waren.

Ende April war aus südkoreanischen Geheimdienstkreisen verlautet, dass Kim 15 Widersacher aus den Reihen der Regierung habe hinrichten lassen, darunter zwei Vize-Minister. Diese hätten Kims Autorität angezweifelt.

Hyon hatte den Posten des Verteidigungsministers erst vor knapp einem Jahr übernommen. Zuletzt wurde er bei Musikaufführungen am 27. und 28. April in der Öffentlichkeit gesehen. Seine Hinrichtung soll um den 30. April herum stattgefunden haben.

„Einer der drei engsten Militärberater Kims“

In Nordkorea ist der Verteidigungsminister vor allem für die Logistik und den internationalen Austausch der Armee zuständig. Die Ausrichtung der Verteidigungspolitik obliegt der mächtigen Nationalen Verteidigungskommission und der Zentralen Militärkommission der Kommunistischen Partei.

Dennoch habe Hyon als „einer der drei engsten Militärberater Kims“ gegolten, sagte der Professor für Nordkorea-Studien in Seoul, Yang Moo Jin, der Nachrichtenagentur AFP. Im April war Hyon nach Moskau gereist – wohl auch um eine Teilnahme Kims an den dortigen Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai vorzubereiten. Berichten zufolge sollte Hyon ein Rüstungsgeschäft im Gegenzug zu Kims Teilnahme aushandeln.

Kim könnte „politisch frustriert“ sein

Möglicherweise habe der Verteidigungsminister bei dieser Mission versagt, sagte Yang. Kim sagte den Moskau-Besuch kurz vorher wegen „interner nordkoreanischer Angelegenheiten“ ab. „Ein unerfahrener Führer wie Kim kann oft eine Tendenz zu offenkundig dramatischen und krassen Schritten haben ... und für mich ist die Lage ziemlich besorgniserregend“, sagte Yang. Möglicherweise sei Kim auch „politisch frustriert“.

Kim Jong Un war seinem Vater Kim Jong Il nach dessen Tod Ende 2011 an der Staatsspitze nachgefolgt. Wiederholt tauschte er seitdem hochrangige Verteidigungskader aus. Ende 2013 wurde Kims Onkel Jang Song Thaek als „Verräter“ hingerichtet. Kim hatte seinen Onkel und Mentor, der als zweitwichtigster Mann im Staat galt, zuvor öffentlichkeitswirksam entmachtet.

Der südkoreanische Geheimdienst NIS hat eine durchwachsene Bilanz, was die Qualität seiner Berichte angeht. Einige Angaben erwiesen sich in der Vergangenheit als falsch. Cheong Seong-Chang vom Sejong-Institut in Seoul bezeichnete den NIS-Bericht über die angebliche Hinrichtung Hyons am Mittwoch als „unüberlegt“. Es handele sich um „wackelige, unbestätigte Geheimdienstberichte“.