Philip D. Murphy

Scheidender US-Botschafter hat noch ein Haus in Berlin

Der Deutschland-Fan geht nach vier Jahren in der US-Botschaft am Pariser Platz mit seiner Familie nach New Jersey zurück, er hat sich aber ein Haus in Grunewald gesichert – für gelegentliche Besuche.

Foto: Massimo Rodari

Philip Murphy behielt seinen lockeren und auf sympathische Weise so typisch amerikanischen Stil bei, als er am Mittwochmorgen in den Ernst-Cramer-Saal der amerikanischen Botschaft trat, um fürs Protokoll bekannt zu geben, was schon länger in gut informierten Kreisen kursierte.

„Ich mache heute eine Ankündigung, die mit Sicherheit den geringsten Nachrichtenwert der Woche hat“, scherzte er in Anspielung auf das Schicksal, das jedem Botschafter der Vereinigten Staaten früher oder später blüht, weil es nun mal „gängige Praxis in der amerikanischen Diplomatie“ sei, dass für jede Regierung neue Botschafter ausgesucht werden, um den Präsidenten zu vertreten – was auch dann der Fall ist, wenn ein Präsident wiedergewählt wurde. Und so habe er nun „nicht ohne Bedauern“ bekannt zu geben, „dass Tammy und ich sowie unsere Kinder und Hunde Berlin bald verlassen werden“.

Die Familie, die 2009 nicht lange brauchte, um in Berlin „anzukommen“, nachdem Barack Obama seinen Großspender Philip Murphy mit dem Botschafterposten ausgestattet hatte, kehrt nun also in ihr Zuhause nach New Jersey zurück. Viel mehr ist bislang nicht klar, auch für Philip Murphy selbst nicht, außer, dass ihn nichts mehr an die Wall Street zieht. Der gelernte Investmentbanker erlaubt sich trotz verschiedener Angebote, auch aus der Politik, erst mal eine berufliche Pause, um neue Kraft zu tanken und vor allem den vier schulpflichtigen Kindern dabei zu assistieren, sich in den USA wieder einzuleben.

Die Kinder wollen bleiben

Das könnte schwerer werden als gedacht. Murphy machte klar, dass sich die Begeisterung des inzwischen so gut Deutsch parlierenden Nachwuchses, Berlin nach vier Jahren wieder verlassen zu müssen, ziemlich in Grenzen hält. Und was zunächst mal sehr pathetisch klingt, nämlich, dass die vergangenen vier Jahre für die gesamte Familie Murphy „eine wunderbare Zeit“ gewesen seien, die ihr Leben „für immer und zum Besseren“ verändert haben, stimmt wohl tatsächlich. Denn Murphy will mehr als nur einen Koffer in Berlin behalten, er erwarb für seine Familie sogar ein Haus im Grunewald, wie er am Mittwoch verriet. Einfach, um hier ab und an ein bisschen Zeit zu verbringen, ein oder zwei mal im Jahr, aber „unterhalb des Radarschirms“, also nicht etwa in der Rolle eines Ersatzbotschafters. Murphy sieht in der Immobilie vor allem eine Investition in die Zukunft seine Kinder, die sich wünschen, in einigen Jahren in Berlin zu arbeiten oder zu studieren.

Wer ihm im Botschaftsgebäude am Pariser Platz nachfolgt, steht offiziell noch nicht fest. „Manchmal mahlen die Mühlen einer Regierung sehr langsam“, sagte Murphy, der kurz nach den Feierlichkeiten zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli abreist, der Flug ab Tegel ist gebucht. Sollte dann immer noch kein neuer Botschafter auf der Bildfläche erschienen sein, wird der Gesandte Jim Melville die Geschäfte der US-Vertretung leiten.

Als heißen Kandidaten auf die Murphy-Nachfolge handelt man in Botschaftskreisen aber schon seit Monaten John Emerson. Der 57-jährige Vermögensverwalter soll im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf fast drei Millionen Dollar für Obama eingesammelt haben. Der Mulitmillionär Murphy hatte Obamas ersten Präsidentschaftswahlkampf vier Jahre zuvor mit mehr als 600.000 Dollar aus seinem Privatvermögen unterstützt. In den USA ist es gängige Praxis, Großspender mit Botschafterposten zu belohnen. Emerson ist unter den Demokraten aber so oder so kein Unbekannter – er arbeitete bereits unter Präsident Bill Clinton als Assistent im Weißen Haus.

Schwieriger Start

An Murphys Beispiel kann er studieren, wie sich die Sympathien der Deutschen gewinnen lassen, selbst wenn man hier womöglich einen schwierigen Start hat. Murphy hatte sich 2010 im Zuge der Veröffentlichung von Depeschen auch aus der Berliner US-Botschaft durch Wikileaks unangenehme Schlagzeilen eingefangen, als seine wenig schmeichelhaften internen Kommentare über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) an die Öffentlichkeit gerieten. Dies sei eine „peinliche Phase“ gewesen, sagt der Mann nun, der sich damals mit einer Charmeoffensive und Interviews auf gefühlt allen deutschen TV-Kanälen geschickt aus der Bredouille redete. Irgendwie konnte kaum einer dem so locker und herzlich auftretenden Hertha-BSC-Fan so richtig böse sein.

Heute ist die Affäre fast vergessen, und Murphy formuliert zum Abschied einmal mehr warme Worte. Die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA seien in seiner Zeit „gestärkt und vertieft“ worden, sagt er. „Deutschland ist einer unserer besten Partner in der Welt – wenn nicht der beste“. Auf diese Weise will er auch mit dem Gerücht aufräumen, das Verhältnis zwischen beiden Staaten hätte sich abgekühlt. Das Gegenteil sei doch der Fall. Die erste Reise des Vizepräsidenten Joe Biden habe diesen nach Berlin geführt, die erste Reise des neuen Außenministers John Kerry in diesem Jahr genauso – und nun, in drei Wochen, komme auch noch Barack Obama!

Geschenkt, dass der US-Präsident nach seinem umjubelten Auftritt an der Siegessäule satte fünf Jahre verstreichen ließ, bis er sich dazu entschied, wieder nach Berlin zu reisen, jene Stadt, die in den USA, wie Murphy sagte, quasi als „amerikanisch“ betrachtet werde, weil die Beziehungen so eng und so vielfältig seien. Es sei ein „ikonografischer“, ein symbolhafter Besuch gewesen damals, sagte Murphy – und eine ebenso große Sache, dass er nun hierher zurückkehre.

Was ihn selbst betrifft, so hält Murphy die Town Hall Meetings, jene Gesprächsrunden mit jungen Deutschen, die er in Universitäten und Schulen führte, für das zentrale Element seiner Arbeit als Botschafter. Erst vor Kurzem lud er 300 Berliner Schülerinnen und Schüler zu einer Vorführung des Kinofilms „Lincoln“ ins Cinema Paris. Die Top-Themen, mit denen er es immer wieder zu tun gehabt habe, seien die wirtschaftliche Entwicklung (inklusive Energiewende in Deutschland und Schiefergaswende in den USA), der Iran und die Sicherheitslage in Afghanistan gewesen. Vorgänger von Murphy, nach einer kurzen kommissarischen Verwaltung von John M. Koenig, war der Kugellager-Fabrikant William Timken, der ein Vertrauter der Familie von Präsident George W. Bush war. Über Timken hieß es damals öfter, er gehe nicht genug auf die Deutschen zu. Diese Gefahr bestand bei Murphy nie.