Die ausländischen Diplomaten in Pjöngjang haben die Aufforderung der nordkoreanischen Regierung zum Verlassen des Landes zunächst nicht befolgt. Die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap meldete unter Berufung auf diplomatische Kreise, die Erklärung des Nordens werde allgemein als Versuch gesehen, die Spannungen auf der Halbinsel weiter zu erhöhen.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte die „klare und unmissverständliche Erwartung“, dass die nordkoreanische Führung ihrer Pflicht nachkommen müsse, „die Sicherheit und Arbeitsfähigkeit der diplomatischen Vertretungen vor Ort zu jedem Zeitpunkt“ zuverlässig zu garantieren. „Die von Nordkorea aufgebaute Drohkulisse und Kriegsrhetorik sind nicht akzeptabel und ein gefährliches Spiel mit der Stabilität der gesamten Region“, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amts.
Nordkorea hatte mitgeteilt, im Falle eines Konflikts die Sicherheit der Mitarbeiter von Botschaften und internationalen Organisationen ab dem 10. April nicht mehr gewährleisten zu können. Die britische Regierung sprach von einem Propaganda-Schachzug, das Auswärtige Amt von einem inakzeptablen Schritt.
Derzeit sind acht Diplomaten aus Deutschland in Pjöngjang
Das Außenministerium in Berlin bestätigte, dass sich die europäischen Botschafter in Nordkorea in einem laufenden Abstimmungsprozess befänden. „Bis auf Weiteres ist die Arbeitsfähigkeit der Botschaft hergestellt.“ In Pjöngjang unterhalten neben Deutschland auch die EU-Staaten Schweden, Großbritannien, Bulgarien, Polen, Tschechien und Rumänien Botschaften. Derzeit sind acht aus Deutschland entsandte Diplomaten in Pjöngjang. Zudem beschäftigt die Botschaft einige Ortskräfte. Daneben halten sich gut 30 Deutsche in Nordkorea auf – etwa 20 Touristen und ein gutes Dutzend Mitarbeiter humanitärer Organisationen.
Eine Reisewarnung hat das Auswärtige Amt bisher nicht ausgegeben. Das Ministerium rät allerdings von allen Reisen in das Land ab, die nicht unbedingt notwendig sind. Auch die einzige deutsche Hilfsorganisation in Nordkorea, die Welthungerhilfe, will trotz der zugespitzten Lage im Land bleiben. „Im Moment sehen wir keinen Anlass, das Land zu verlassen“, sagte der zuständige Programm-Manager Gerhard Uhrmacher . Es gebe einen Konsens der internationalen Vertreter, „dass wir uns nicht einschüchtern lassen“, s
Kim Jong-un ordnet Steigerung der Waffenproduktion an
Auch der Botschaft des mit Nordkorea verbündeten China war die Evakuierung nahegelegt worden. Es gebe aber noch keine Entscheidung, wie sich die chinesische Regierung verhalten werde, verlautete aus informierten Kreisen in Peking.
In der Empfehlung der nordkoreanischen Seite an die ausländischen Botschaften in Pjöngjang hatte es geheißen, dass bis Mittwoch noch bei einer Evakuierung der Diplomaten geholfen werde, aber dass danach keine Unterstützung erwartet werden könne.
Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un setzt seine Drohgebärden derweil fort. Laut einer am Sonnabend vom nordkoreanischen Fernsehen ausgestrahlten Dokumentation ordnete er eine Steigerung der Produktion von Artilleriegeschützen und Granaten an.
Diese zeige ein Treffen Kims mit Arbeitern der Rüstungsindustrie von Mitte März. „Wenn erst der Krieg ausbricht, müssen wir die Schlüsselpositionen des feindlichen Militärs und die Regierungseinrichtungen mit einem schnellen und überraschenden Schlag zerstören“, sagte Kim demnach. Die Qualität der Geschütze und Granaten müsse garantiert sein, „um einen schnellen Präventivschlag gegen unsere Feinde sicherzustellen“.
Industriepark Kaesong bleibt für Südkoreaner gesperrt
Auch der gemeinsame Industriepark Kaesong in Nordkorea bleibt für südkoreanische Arbeiter und Lieferanten gesperrt. Wie das südkoreanische Vereinigungsministerium in Seoul nach Berichten der Nachrichtenagentur Yonhap mitteilte, hielt Nordkorea den Grenzübergang am Sonnabend den vierten Tag in Folge in Richtung Norden geschlossen. Wegen der Blockade des gemeinsamen Industriekomplexes habe eine weitere Firma ihre Produktion aufgrund mangelnden Nachschubs einstellen müssen. In Kaesong arbeiten 50.000 nordkoreanische Arbeiter für 123 südkoreanische Unternehmen.
In den vergangenen Wochen sind die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea deutlich gestiegen. Die Führung in Pjöngjang drohte den USA mit einem atomaren Erstschlag und erklärte, sich im Kriegszustand mit Südkorea zu befinden. Die USA schickten daraufhin Tarnkappenbomber und Kriegsschiffe in die Region und kündigten an, bald ein Raketenabwehrsystem auf der Pazifikinsel Guam zu stationieren.
Washington und Tokio ziehen außerdem die Verlegung einer Aufklärungsdrohne nach Japan in Betracht. Das berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Quellen in beiden Ländern. Die Global-Hawk-Drohne ist ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug, das in großer Höhe operieren kann. Die Drohne solle auf einer US-Militärbasis in Japan stationiert werden.
„Eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen“
Die USA schließen unterdessen einen erneuten Raketenstart Nordkoreas nicht aus. Die Regierung verfolge Berichte über entsprechende Vorbereitungen in Nordkorea sehr genau. „Wir wären nicht überrascht, wenn wir eine solche Aktion sehen würden“, sagte Regierungssprecher Jay Carney vor Journalisten in Washington. Ein solcher Schritt würde zur derzeitigen kriegerischen Rhetorik des kommunistischen Regimes passen. Nordkoreas Militär hatte nach südkoreanischen Angaben am Freitag eine zweite Mittelstreckenrakete an die Ostküste des Landes verlegt. Die Flugkörper haben eine Reichweite von bis zu 4000 Kilometern und könnten Südkorea, Japan oder eine US-Militärbasis auf der Insel Guam im Pazifik treffen.
In Washington zeigte sich die US-Regierung dennoch gelassen. „Das ist nur eine eskalierende Serie rhetorischer Stellungnahmen“, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Victoria Nuland. „Die Frage ist, mit welchem Ende“, gab sie allerdings zu bedenken.
Man arbeite eng mit China und Russland zusammen, um auf Nordkorea Einfluss zu nehmen, fügte Carney hinzu. Das kommunistische Regime solle seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen. Nordkorea droht den USA seit Tagen mit einem Atomschlag.
rtr/dpa


