Eine Nation weint. Alle Amerikaner fühlen in diesen Tagen, als seien es ihre Kinder gewesen und als hätten sie Liebste verloren bei dem Massaker an der Sandy-Hook-Grundschule. Die Bilder aus Newtown, die Tränen von Hinterbliebenen, die Listen mit den Namen der Opfer und vor allem ihre Altersangaben überschatten die lichterdurchflutete Vorweihnachtszeit mit einer Dunkelheit, die an „9/11“ erinnert.
Selbst die Debatte über strengere Waffengesetze könnte diesmal eine ernsthafte Qualität erreichen und nicht so rasch wieder in Vergessenheit geraten, wie dies in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig der Fall war. Etwa nach den 13 Opfern eines Attentäters im Militärstützpunkt Fort Hood (Texas), nach den sechs Toten bei einem Anschlag auf eine Politikerin in Tucson (Arizona), nach dem Mord an zwölf Kinogängern in Aurora (Colorado) oder an sechs Besuchern eines Sikh-Tempels in Oak Creek (Wisconsin).
Den Willen zum Handeln ließ Barack Obama nach der schrecklichen Tat in Newtown anklingen, das er am Sonntag besuchen wollte. „Unabhängig von politischen Standpunkten“ müsse man „zusammenkommen und sinnvolle Maßnahmen ergreifen, um weitere Tragödien wie diese zu verhindern“.
Sollte der Präsident, der keine Rücksicht auf eine Wiederwahl nehmen muss, diesmal um schärfere Gesetze fechten wollen, wird er gleichwohl den Kern des „zweiten Verfassungszusatzes“ respektieren. Das Recht der Bürger, Waffen zur Selbstverteidigung zu besitzen, ist nicht nur eine nahezu heilige Tradition, sondern der Vernunft geschuldet in einem Land unermesslicher Weiten.
Darum sei vor Patentrezepten aus der Ferne gewarnt, die im generellen Verbot des Waffenbesitzes die Lösung sehen. Kennesaw, eine 30.000-Einwohner-Stadt in Georgia, verpflichtet seit 1982 alle Bürger auf eine Waffe daheim zur Abschreckung von Einbrechern. Seitdem ging die Kriminalität dort zurück und ist jetzt die niedrigste im Cobb County.
Gleichwohl haben Washington und die Bundesstaaten Spielraum. Ein bundesweites Waffenregister wäre sinnvoll. Eine Wartefrist beim Kauf von Waffen, innerhalb derer der Käufer überprüft wird auf Vorstrafen oder mentale Erkrankungen, kann zumindest Kurzschluss-Gewalttaten eindämmen. Dass dies gleichwohl keinen vollkommenen Schutz gegen Psychopathen garantiert, zeigt der aktuelle Fall.
Newtown liegt in Connecticut, und dort existiert eines der schärfsten Waffengesetze, das diese Wartefrist vorschreibt. Aber der Mörder konnte auf halb automatische Waffen der Mutter zurückgreifen, die ihr Arsenal legal erwarb. Darum gebietet sich eine Rückkehr zum Bann zumindest jener halb automatischen Waffen, den es unter Bill Clinton bereits gab. Sogenannte Sturmgewehre sind geeignet zum Verbrechen, zum Amoklauf und zur Terrortat, aber weder nötig zur Jagd noch zur Selbstverteidigung.
Amokläufe würde es auch danach geben. Aber wenn die Zahl der jährlich 30.000 Schusswaffenopfer um ein paar Tausend schrumpfte, wäre viel erreicht.



