Tahrir-Platz

Über 100 Verletzte bei blutigen Krawallen in Kairo

Der politische Streit eskaliert erneut in Ägypten. Am Freitag kam es zu Straßenschlachten zwischen Gegnern und Anhängern des Präsidenten.

Foto: MOHAMED ABD EL GHANY / REUTERS

Rund 100 Tage nach dem Amtsantritt des ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi ist es am Freitag zu den bislang schwersten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des neuen Staatschefs gekommen. In der Hauptstadt Kairo lieferten sich liberale Aktivisten und Unterstützer der islamistischen Muslimbruderschaft heftige Straßenschlachten. Mehr als 100 Menschen seien dabei verletzt worden, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur MENA.

Nach Angaben von Augenzeugen und Krankenhausärzten wurden hingegen 200 Demonstranten schwer verletzt. Anhänger des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi schlugen mit Stöcken und Eisenstangen um sich. Sie zerlegten eine Tribüne der säkularen Opposition. Nach Angaben von Augenzeugen flogen auch Steine von beiden Seiten. Die Polizei griff nicht ein. Gegner der Islamisten zündeten zwei Busse an, mit denen die Muslimbruderschaft Anhänger aus den nördlichen Provinzen nach Kairo gebracht hatte.

Freispruch für 24 ehemalige Funktionäre

Die Islamisten riefen auf dem Tahrir-Platz: „Das Volk will die Säuberung der Justiz“ und „Wir lieben dich, oh Mursi“. Sie trugen Bilder von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Die „Revolutionsjugend“ und Mitglieder verschiedener linker Parteien schrien ihnen entgegen: „Nieder mit der Herrschaft der Muslimbrüder“ und „Nieder mit dem Verfassungsrat“.

Präsident Mursi, der seine politische Heimat in der Muslimbruderschaft hat, hatte am Donnerstag den Generalstaatsanwalt Abdelmagid Mahmud entlassen. Hintergrund dafür war ein Freispruch für 24 ehemalige Funktionäre. Diese waren verdächtigt worden, Anfang Februar 2011 einen Angriff berittener Schlägertrupps auf Demonstranten in Kairo organisiert zu haben. Damals, als sich die Proteste gegen Präsident Husni Mubarak richteten, hatten die Islamisten noch Seite an Seite mit Menschenrechtlern, Linken und Liberalen demonstriert.

Er habe bei der Wahl für Mursi gestimmt, um einen Präsidenten aus dem Umfeld des gestürzten Machthabers Husni Mubarak zu verhindern, sagte der Demonstrant Abdullah Walid auf dem Kairoer Tahrir-Platz. „Jetzt bedauere ich das, denn sie sind nur zwei Seiten einer Medaille. Mursi hat nichts für die Revolution getan. Es tut mir so leid, dass ich ein neues unterdrückerisches Regime an die Macht gebracht habe“, sagte Walid.

Politische Polarisierung in Ägypten

Die Auseinandersetzungen spiegelten die tiefen politischen Gräben im Land wider. Die Mursi-Gegner fordern etwa eine breitere Zusammensetzung der Versammlung, die derzeit die neue Verfassung erarbeitet. Darin dominieren die Islamisten, insbesondere Vertreter der Muslimbruderschaft, der auch Mursi angehört.

„Meine Schlussfolgerung lautet, dass Mursi nur der Präsident der Bruderschaft ist – das ist alles. Wir sind wieder am Ausgangspunkt“, sagte der regierungskritische Demonstrant Sajed al Hawari, der sich mit einer Holzbohle gegen heranfliegende Steine schützte. „Wir sind hier, um zu verhindern, dass der Staat zu einem Staat der Bruderschaft wird (...) Wir wollen das alte Regime nicht durch ein neues ersetzen“, sagte die Demonstrantin Rania Mohsen. Der 19-jährige Moes Naggar hingegen forderte: „Wir müssen Mursi eine Chance geben. Je mehr Proteste es gibt, desto weniger können wir von ihm erwarten.“

Die Staatsmedien berichteten am Freitag, der Generalstaatsanwalt weigere sich, sein Amt aufzugeben. Mahmud sagte demnach, Mursi dürfe ihn gemäß der geltenden Verfassung nicht entlassen. Unterstützung erhielt der Generalstaatsanwalt von der Berufsgenossenschaft der Richter. Diese erklärte, Mursi sei für die Sicherheit von Mahmud verantwortlich. Es dürfe nicht angehen, dass der Generalstaatsanwalt demnächst von Anhängern bestimmter politischer Parteien mit Gewalt daran gehindert werde, seiner Arbeit nachzugehen.

Die linken und liberalen Parteien hatten sich am Mittag zu einer bereits seit Wochen geplanten Kundgebung gegen Mursi und das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee versammelt. Die Islamisten hatten ihre Anhänger kurzfristig dazu aufgerufen, zur selben Zeit auf dem Platz zu protestieren.