Angriffsserie

"Frühjahrsoffensive" der Taliban erschüttert Afghanistan

Koordinierte Angriffe der Taliban erschüttern Kabul und andere Städte. Auch die deutsche Botschaft gerät unter Beschuss.

Eine Serie von koordinierten Angriffen der radikalislamischen Taliban hat am Sonntag die afghanische Hauptstadt Kabul und den Osten des Landes erschüttert. In Kabul waren laut übereinstimmenden Angaben unter anderem die Botschaften Deutschlands und der USA im Diplomatenviertel sowie das Parlament betroffen. Die Taliban bekannten sich zu den Attacken, die sie als Beginn ihrer „Frühjahrsoffensive“ bezeichneten.

An der Angriffsserie seien „viele Selbstmordattentäter“ beteiligt gewesen, teilten die Taliban mit. Die Islamisten wollten mit dem Auftakt ihrer „Frühjahrsoffensive“ unter Beweis stellen, dass sie kampffähig seien. Die Aufständischen ziehen sich in den kalten afghanischen Wintern regelmäßig zurück und intensivieren ihre Angriffe auf die Regierung und die Nato-Truppe Isaf im Frühling wieder.

Auch die Deutsche Botschaft betroffen

Von den Angriffen im Diplomatenviertel von Kabul war auch die deutsche Botschaft betroffen, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin sagte. Es gebe „kleinere Sachbeschädigungen“ auf deren Gelände, jedoch keine Verletzten. Die Diplomaten mussten Schutz im Bunker suchen. An dem Gebäude, das schon Anfang 2009 bei einem Selbstmordanschlag vor dem Areal erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden war, entstand geringer Schaden. Einige Geschosse schlugen ein. Über die diplomatische Vertretung knatterten Maschinengewehr-Salven. Die Aufständischen setzten auch Panzerfäuste ein. Auch in der Nähe der US-Botschaft waren schwere Explosionen und Schüsse zu hören. Die US-Vertretung teilte ebenso wie die britische Botschaft später mit, alle Mitarbeiter seien unverletzt in Sicherheit gebracht worden.

Mehrere Kämpfer versuchten nach Behördenangaben, das Parlament in Kabul zu stürmen, wurden aber von Sicherheitskräften überwältigt. Ein Abgeordneter sagte, einige Parlamentarier hätten zur Verteidigung selbst zurückgeschossen. Nach Polizeiangaben wurde ein Angreifer getötet, als Einsatzkräfte gegen Kämpfer vorgingen, die sich in einem Gebäude neben dem Parlament verschanzten. Demnach hielten sich auch in anderen höheren Gebäuden in Kabul Angreifer versteckt.

Zwei Selbstmordattentäter am Flughafen

Aus Geheimdienstkreisen hieß es, zwei mit Sprengstoff bewaffnete Männer und ein weiterer Angreifer hätten das Haus vom Mohammed Karim Chalili, einem Stellvertreter von Präsident Hamid Karsai, im Visier gehabt, seien aber gefasst worden. Südlich von Kabul stürmten Selbstmordattentäter nach Behördenangaben mehrere Regierungsgebäude und eine US-Basis. Ein Isaf-Sprecher sagte, afghanische Sicherheitskräfte hätten die Einsätze geleitet.

Im Osten Afghanistans wurden laut Polizei mehrere Menschen verletzt, als sich zwei Selbstmordattentäter am Flughafen der Stadt Dschalalabad, wo sich auch ein Nato-Stützpunkt befindet, in die Luft sprengten. Zwei weitere mit Sprengstoff ausgerüstete Angreifer seien verletzt festgenommen worden. In der östlichen Stadt Gardes griffen mehrere Aufständische ein Ausbildungslager der Polizei an und töteten vier Zivilisten.

Etwa hundert Taliban getötet

Die US-Botschaft war zuletzt Ende September Ziel eines Angriffs gewesen. Bei einer Schießerei starben damals ein US-Bürger und der Angreifer. Zwei Wochen zuvor hatten Aufständische einen Großangriff auf das Diplomatenviertel in Kabul verübt. Bei der rund 19 Stunden dauernden koordinierten Attacke wurden mindestens 14 Afghanen getötet. Derzeit sind noch etwa 130.000 Isaf-Soldaten in Afghanistan stationiert, die bis zum Jahr 2014 abziehen sollen.

Vor der Angriffsserie vom Sonntag teilten die afghanischen Behörden mit, binnen eines Tages seien etwa hundert Taliban getötet, verletzt oder festgenommen worden. Den Angaben zufolge geschah dies in einer zwischen den afghanischen Sicherheitskräften und der Isaf abgestimmten Aktion.

USA loben afghanische Reaktion auf Taliban-Offensive

Nach der Serie von koordinierten Angriffen in Kabul und Umgebung haben die USA die afghanischen Sicherheitskräfte für ihre Reaktion gelobt. „Wir sind Zeugen einer sehr professionellen Reaktion der Sicherheitskräfte geworden“, sagte der US-Botschafter in Afghanistan, Ryan Crocker, am Sonntag dem US-Nachrichtensender CNN. Die afghanischen Kräfte hätten gezeigt, dass sie „solche Ereignisse ganz alleine in die Hand nehmen können“. Dies sei „ein klares Zeichen von Fortschritt“.

Die Angriffe zeigten aber auch, „warum wir vor Ort sein müssen“, sagte Crocker weiter. Ein Abzug, bevor die afghanischen Kräfte die Sicherheit vollkommen übernommen hätten, sei „eine Einladung an die Taliban und an Al-Kaida zurückzukommen“. Und dies könne „die Tür für einen neuen 11. September öffnen“, sagte der Botschafter mit Blick auf die Terroranschläge in den USA 2001. „Das ist nicht hinnehmbar.“

Taliban befreien 384 Häftlinge in Pakistan

Die ohnehin sehr vagen Hoffnungen für etwaige Friedensverhandlungen mit den Taliban erlitten durch die koordinierten Angriffe vom Sonntag einen weiteren Rückschlag. Im März hatten die Aufständischen Gespräche mit den USA im Golfstaat Katar ausgesetzt. Weil Washington sich nicht an Abmachungen halte, seien die Gespräche „Zeitverschwendung“, teilten die Taliban damals mit.

Dabei läuft aus Sicht des Westens und der afghanischen Regierung die Zeit davon: Ende 2014 soll der Nato-Kampfeinsatz enden. Ob die afghanische Armee und Polizei dann wirklich in der Lage sein werden, selber für Sicherheit zu sorgen, ist ungewiss – erst recht, wenn die Taliban dann weiterhin unerbittlich kämpfen.

Eine spektakuläre Operation gelang am Sonntag auch den Taliban im benachbarten Pakistan. 150 bis 250 schwer bewaffnete Aufständische stürmten im Nordwesten des Landes ein Gefängnis. Die Wärter hatten gegen die Übermacht keine Chance. Die Aufständischen befreiten fast 400 Häftlinge. Die Behörden warnten, darunter seien etwa 20 sehr gefährliche Extremisten.