Blutbad in Afghanistan

US-Soldat läuft Amok - Taliban wollen sich rächen

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Foto: dpa / dpa/DPA

Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in Südafghanistan werden immer mehr Details bekannt: Der Feldwebel, selbst Vater von zwei Kindern, soll neun Mädchen und Jungen sowie sieben erwachsende Dorfbewohner getötet – und mehrere Leichen verbrannt haben. Nun eskaliert die Lage.

Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten in Afghanistan haben die Taliban mit Vergeltung gedroht. Sie würden sich für „jeden einzelnen Märtyrer bei den Eindringlingen und grausamen Mördern rächen“, drohten die radikalislamischen Aufständischen am Montag auf ihrer Internetseite an.

Am Sonntagmorgen hatte ein US-Soldat in der südafghanischen Provinz und Taliban-Hochburg Kandahar ein Massaker unter Dorfbewohnern angerichtet. Im Morgengrauen verließ er seinen Stützpunkt, brach in die Häuser der Menschen ein und tötete wahllos 16 Zivilisten - darunter neun Kinder und drei Frauen.

Die „New York Times“ zitierte am Montag in ihrer Online-Ausgabe Dorfbewohner, die sagten, der Unteroffizier sei von Tür zu Tür gegangen und schließlich in drei verschiedene Häuser eingedrungen. Dort habe er seine Opfer getötet und mehrere der Leichen verbrannt, darunter auch die von vier Mädchen im Alter von unter sechs Jahren.

Vater von zwei Kindern

Die „New York Times“ berichtete weiter, der Unteroffizier sei von seiner Basis im Unruhedistrikt Pandschwai aus mehr als eine Meile (1,6 Kilometer) weit zum Tatort gelaufen. Der mutmaßliche Einzeltäter habe sich anschließend ergeben. Bei ihm handele es sich um einen 38-jährigen Feldwebel, der verheiratet sei und zwei Kinder habe. Er sei seit vergangenem Dezember in seinem ersten Afghanistan-Einsatz. Zuvor sei er dreimal im Irak stationiert gewesen.

Der Mann wurde festgenommen, nach US-Angaben hatte er psychische Probleme. US-Präsident Barack Obama zeigte sich im Telefongespräch mit seinem afghanischen Kollegen Hamid Karsai zutiefst bestürzt und versprach eine rasche Untersuchung des Vorfalls.

In ihrer Reaktion bezeichneten die Taliban die Angaben zum Zustand des US-Soldaten als Ausrede. Sollten sie aber stimmen, sei dies ein weiteres „Zeugnis für die moralische Verworfenheit des US-Militärs, da es in Afghanistan Verrückte bewaffnet, die dann ihre Waffen ohne zu zögern auf wehrlose Afghanen richten,“ erklärten sie auf ihrer Internetseite.

Heimatstandort als Problemstützpunkt bekannt

Der Heimatstandort des Amokschützen ist vom US-Soldatenmagazin „Stars and Stripes“ als die US-Kaserne mit den meisten Problemen bezeichnet worden. Rund 100.000 Soldaten und Zivilangestellte nennen die Joint Base Lewis-McChord im US-Staat Washington ihr Zuhause. Damit es einer der größten Militärstützpunkte der USA.

Vier von dort aus nach Afghanistan entsandte Soldaten wurden wegen Mordes verurteilt, weil sie 2010 drei Afghanen erschossen und ihnen Finger abgeschnitten sowie Zähne als Trophäen ausgeschlagen hatten. Ein ehemaliger Soldat aus Lewis-McChord schoss 2010 einen Polizisten im US-Staat Utah an und am 1. Januar tötete ein 24 Jahre alter Veteran des Irakkriegs einen Parkwächter im Mount Rainier Nationalpark, bevor er selbst auf der Flucht in der Kälte umkam.

Außerdem nahmen sich eine Reihe von aus dem Krieg nach Lewis-McChord zurückgekehrter Soldaten das Leben. Im vergangenen Jahr begingen dort trotz ausgeweiteten Beratungsangebots zwölf Soldaten Selbstmord. Im Jahr zuvor waren es neun. In über 300 Fällen wurde Informationen der Zeitung „Seattle Times“ zufolge in den vergangenen fünf Jahren im Standortkrankenhaus die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörung zurückgenommen. Das US-Heer untersucht, ob die Ärzte sich davon haben leiten lassen, wie teuer eine derartige Diagnose für die Streitkräfte ist, da damit Pensions- und sonstige Ansprüche einhergehen.

Katastrophe für die Nato-Truppen

Der blutige Vorfall ist für die Nato-geführten internationalen Truppen in Afghanistan (ISAF) eine Katastrophe. Seit Monaten sind die Beziehungen zwischen Washington und Kabul gespannt. Nach der offenbar versehentlichen Verbrennung von Koran-Ausgaben durch US-Soldaten auf dem Militärstützpunkt Bagram nahe Kabul gab es Ende Februar im ganzen Land tagelange Proteste, bei denen 30 Menschen getötet und 200 weitere verletzt wurden. Im Zusammenhang mit der Koran-Verbrennung wurden bis 1. März sechs US-Soldaten von afghanischen Kollegen getötet. Nach dem Amoklauf vom Sonntag rechnet die ISAF nun mit weiteren Racheakten.

( dpa/dapd/ap )

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