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Marx süß-sauer – China entdeckt Ur-Kommunisten

Chinesen und Deutsche nähern sich wieder Karl Marx und haben dennoch Bauchschmerzen dabei. Der deutsche Regisseur Alexander Kluge hilft beim Ausgraben.

Foto: Elizabeth Dalziel/AP/dapd / Elizabeth Dalziel/AP/dapd/AP

Der Philosoph Wang Hui, ein Vordenker der unabhängigen neuen Linken in China, hat bei seinen Vorlesungen an der Pekinger Eliteuniversität Qinghua eine Beobachtung gemacht: Fast ein halbes Jahrhundert sei der Marxismus für Chinas ideologischen Überbau so etwas wie ein Banner gewesen. Doch nun, 30 Jahre nach den Wirtschaftsreformen und der Öffnung Chinas?

„Karl Marx ist heute meinen Studenten viel fremder, als er es den Studenten im Westen ist“, sagt Wang und verweist auf das Hauptwerk des Trierer Ur-Kommunisten: „Das ,Kapital‘ war unsere Quelle zum Verständnis des Kapitalismus. Was Marx herausfand und wie er das tat, ist aber in China heute wieder wichtig.“

Nach 100 Jahren der Metamorphosen „müssen wir heute zu Archäologen werden, um zum verschütteten Wesen der Dinge zu gelangen“, sagt Wang.

Beim Ausgraben soll der deutsche Regisseur Alexander Kluge mit seiner filmischen Annäherung an Marx helfen.

Kluges preisgekrönte Dokumentation „Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital“, eine Montage aus Kurzfilmen, Rückblicken, Fragmenten und Interviews mit deutschen Intellektuellen wie Hans-Magnus Enzensberger oder Peter Sloterdijk, hat im Auditorium des Pekinger Cafa-Museums Premiere. Der 52-jährige Wang will danach ein Streitgespräch mit Kluge über dessen Film führen.

Der Saal ist zum Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler und Filmemacher im Umfeld des Galerienviertels 798 geworden, die etwa 150 Besucher haben den ganzen Tag lang das 570-Minuten-lange Opus Kluges gesehen.

Der Film entstand 2008, acht Jahrzehnte nachdem der Dokumentarfilmer der russischen Oktoberrevolution, Sergej Eisenstein, den Plan fasste, das „Kapital“ von Marx zu verfilmen – nach einem Drehbuch von James Joyce – und damit scheiterte.

Alexander Kluge wird aus München über eine große Videoleinwand live zugeschaltet, er ist gerade 80 Jahre alt geworden und konnte nicht selbst nach Peking kommen. Im simultan übersetzten Gespräch Kluges mit Wang geht es um Emanzipation, um den entfremdeten Menschen und um die frei nach Marx in den Dingen oder der Ware „verzauberten Menschen“. Aber es ist kein Streitgespräch.

Später am Telefon sagt Kluge "Morgenpost Online“, er habe sich trotz der 8000 Kilometer Distanz Wang Hui ganz nah gefühlt, mit gleicher Neugier über Fragmente gebeugt, die den Blick freigäben auf „gesellschaftliche Verhältnisse, die nirgends verschwinden, auch wenn sie aus dem Blick verschwinden“.

"Die Nachteile des neuen Systems"

Tatsächlich versuchen Chinesen und Westler von einem vergleichbaren Aussichtspunkt, Marx’ „Nachrichten aus der ideologischen Antike“ zu entziffern. In Europa und den USA treiben die Wirtschafts- und Finanzkrise schillernde Blüten wie die „Occupy“-Bewegungen. Im Fernen Osten sorgen Ungleichheit und Gerechtigkeitslücken des kapitalistischen Transformationsprozesses dafür, dass man auch dort nach Marx zu graben beginnt.

Im Vorwort des Programmheftes zu Kluges Film schreiben Wang und seine Professorenkollegen Pan Wie und Lao Zhu, in beiden Gesellschaften fänden Menschen, dass „die von der kapitalistischen Dynamik angetriebene Entwicklung wie eine anonyme, unkontrollierbare Macht daherkommt, der sie weder mit demokratischen noch mit autoritär-administrativen Mitteln Herr werden können“.

In Europa provoziere Marx zu der Frage, ob nach erfolgreichen Jahrzehnten die Idee einer sozialen, demokratisch kontrollierbaren Marktwirtschaft auch weiterhin realisierbar sei. China dagegen habe gerade erst erfolgreich die Marktwirtschaft umarmt. „Doch in jüngster Zeit scheinen auch für Chinesen die Nachteile des neuen Systems überhandzunehmen.“

Film zum rechten Zeitpunkt

Kluges Film kommt gerade zum rechten Zeitpunkt. Peter Anders, der neue Leiter des Goethe-Instituts in der chinesischen Hauptstadt, hat die Anregung der Peking-Universität, des Iberia Center for Contemporary Art und der China Academy of Art in Hangzhou aufgegriffen, den Film nach China zu holen. Anders hat das Thema „Das Kapital neu lesen“ mit Film, Theater und Diskurs als einwöchige Veranstaltungsreihe auf die Tagesordnung des Kulturaustauschs gesetzt.

Zwei Monate lang waren drei Übersetzer damit befasst, den Kluge-Film mit chinesischen Untertiteln zu versehen. Zur Premiere wird er zeitgleich an zwei Veranstaltungsorten gezeigt. Immer sind die Säle voll, ebenso wie anderntags beim Debattenforum an der Peking-Universität.

Dort diskutieren namhafte deutsche und chinesische Denker, Film- und Kunstkritiker über heutige Kapitalismuskritik. Dabei wird deutlich, wie paradox chinesische Intellektuelle die Situation ihres Landes sehen. Wieso, fragt einer von ihnen, muss Marx in China wiederentdeckt werden?

Wurden und werden nicht die marktwirtschaftlichen Reformen des Landes gerade von einer Partei durchgeführt, die sich auf Marx beruft? Genau deswegen, so antwortet er sich gleich selbst, sei Marx wieder nötig – wegen „der Schere zwischen Arm und Reich und der damit verbundenen Konflikte“, die mit den Reformen kamen.

Chinesische Inszenierung des Sozialismus

Im Diskurs wirkt alles noch fragmentarisch. Aber genau das soll junge chinesische Filmemacher, die sich kommende Woche in Hangzhou treffen, inspirieren.

Sie sollen mit ihrer Annäherung an das „Kapital“ dort anknüpfen, wo Eisenstein und Joyce 1929 ihr „unvollendetes Projekt“ verließen und wo es 2008 Kluge übernahm. Sie sollen Bilder, Geschichten oder Assoziationen zu einem digitalen Film darüber zusammenstricken, wie Ideen aus der marxistischen „Antike“ eine neue Bedeutung zur Bewältigung der Gegenwart bekommen könnten.

Das Umfeld, in dem dieser bemerkenswerte Versuch eines deutsch-chinesischen Diskurses startet, könnte kaum widersprüchlicher sein: Seit Samstag tagen Chinas Volkskongresse mit 5000 Abgeordneten in der Hauptstadt. Eine landesweite Propagandakampagne begleitet diese chinesische Inszenierung des Sozialismus.

Ein vor 50 Jahren gestorbener Held, der Mustersoldat Lei Feng, wird aus Chinas „ideologischer Antike“ geholt und sein Bekenntnis, ein Schräubchen für das Getriebe des Kommunismus zu sein, in der ganzen Stadt plakatiert. Lei Feng ist ein entzauberter, verdinglichter Mensch.

Die politisierte Atmosphäre macht auch vorerst einen Strich durch zwei geplante Aufführungen der deutschen Theatergruppe Rimini-Protokoll mit ihrem Sprech-und-Spiel-Stück „Das Kapital – Erster Band“. Das Pekinger Theater, in dem das international gefeierte Stück aufgeführt werden sollte, bekam keine Spielgenehmigung. Behörden hatten kalte Füße bekommen, in Zeiten des Volkskongresses solch westliches Theater zu zeigen. Das Goethe-Institut will die Tournee in ruhigeren Zeiten nachholen.

Im positiven Sinn aufklärerisch

Dabei provoziert weder das Rimini-Protokoll noch Kluges Film. Vielleicht sind sie im positiven Sinn aufklärerisch: Von der Leinwand herab erklärt Kluge den Zuschauern im Cafa: „Wenn wir 300 solche Filme sehen und es Gewohnheit wird, sich überall so wie heute zu versammeln und miteinander darüber auszutauschen, dann haben wir es geschafft, einen kleinen Eimer Wasser zu dem großen Fluss zu tragen, den wir brauchen.“

Der Regisseur arbeitet längst an einer neuen Ausgrabung. Diesmal geht es um seine Annäherung an China, an eine, wie er sagt, so ganz andere Entwicklung aus der Antike. „Mich hat immer fasziniert, wie sich zwei große Zivilisationen etwa um die gleiche Zeit – also 500 vor Christus – so unterschiedlich entwickelten: Griechenland mit für eine offene Gesellschaft so wichtigen Häfen und China, das keine „Außenfühler“ ausstreckte.

In einem Vorwort zur Pekinger Premiere hat Kluge über die Poetik der Montage geschrieben, mit der er sich Marx nähert. Auch für seinen neuen China-Film montiert er Szenen. Jede zeige für sich gesehen nicht die „Verschränkung des Ganzen“.

"Kolonialismus hat sich historisch umgekehrt"

Der Zusammenhang aber verändere die Betrachtung. Kluge nennt als Beispiel Bremerhaven, wo 1996 die Vulkan-Werft in Konkurs ging. Sie habe einst auch wesentliche Teile der deutschen Flotte hergestellt. China habe nach dem Konkurs die Anlagen gekauft und nach Tsingtau transportiert.

„Das aber war einst eine deutsche Kolonie. Wir sehen hier einen Fall, in dem sich der Kolonialismus historisch umgekehrt hat.“ Kluges Zehn-Stunden-Film über China, von dem sechs Stunden fertig sind, soll im Herbst als Beitrag zum deutsch-chinesischen Kulturjahr erscheinen.

Viele Macher sind an Kluges Filmprojekt beteiligt, wie Stefan Aust mit einem Beitrag über Konfuzius und den Aufstieg Chinas und Helge Schneider, dessen Reise von Bottrop zu den Olympischen Spielen 2008 nach Peking nachgedreht wurde. Im Herbst erwartet Kluge den Besuch seines neuen Freundes Wang Hui in München, um weiter zu diskutieren, wie man mit Ausgrabungen zum Wesen der Dinge kommt.

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