Russland

Skepsis nach vereiteltem Anschlag auf Putin

Pünktlich zur russischen Präsidentenwahl enthüllt ein halbstaatlicher TV-Sender vermeintliche Attentatspläne von Islamisten. Doch es gibt Skepsis. Bereits 2008 liefen ähnliche Schlagzeilen.

Genau eine Woche vor den Präsidentenwahlen läuft eine sensationelle Nachricht über den halbstaatlichen russischen Fernsehsender Kanal 1: Russische und ukrainische Geheimdienste haben demnach einen Anschlag auf den russischen Premierminister und Präsidentschaftskandidaten Wladimir Putin vereitelt. In der ukrainischen Stadt Odessa seien mutmaßliche islamistische Terroristen gefasst worden. Kurz nach den Wahlen, die am 4.März 2012 stattfinden, wollten sie angeblich Putin ermorden. Kanal 1 brüstet sich damit, die exklusiven Videoaufnahmen direkt von den ukrainischen Geheimdiensten bekommen zu haben. In Russland mehren sich allerdings die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Berichts.

So wird die Enthüllung des angeblichen Mordkomplotts von kritischen Journalisten als wahltaktisches Manöver vor der Präsidentschaftswahl bezeichnet. Dass der staatliche Fernsehsender die vermeintlichen Mordpläne sechs Tage vor dem Urnengang publik gemacht habe, sei wiederum ein „zeitlich gut geplanter Komplott“, sagte der politische Kommentator des Rundfunksenders Kommersant FM, Oleg Kaschin, am Dienstag. „Bisher wissen wir nicht mit Sicherheit, ob es dieses Komplott wirklich gab oder nicht.“

Bereits am Montag wurde Kritik am Zeitpunkt der Bekanntgabe laut. Auch Putins Gegner bei der Präsidentschaftswahl äußerten sich kritisch. Kommunistenchef Gennadi Sjuganow sagte, der Komplott „stinkt“. Der Nationalist Wladimir Schirinowski sagte, er diene dazu, „chronisches Mitleid für das Opfer“ Putin hervorzurufen.

„Unser Ziel war, nach Moskau zu fahren und zu versuchen, einen Mordanschlag auf den Premierminister Wladimir Putin auszuüben“, gesteht Adam Osmajew, einer der mutmaßlichen Täter, im Interview mit Kanal 1. Seine Hände sind bandagiert, an seinem Kopf sind Blutspuren zu erkennen. Auch die Umstände seiner Festnahme werden gezeigt: Ein Sonderkommando erstürmte eine Wohnung in Odessa über das Fenster. Er arbeite gern mit den ukrainischen Ermittlern zusammen, sagt Osmajew, weil das besser sei, als nach Russland ausgeliefert zu werden.

Der 31-jährige russische Staatsbürger aus der Teilrepublik Tschetschenien stand seit 2007 auf der Fahndungsliste. Er habe lange in London gelebt und von dort aus die Vorbereitung des Terroranschlags koordiniert. Als Auftraggeber für den Mord nannte er den Namen des tschetschenischen Terroristen Doku Umarow, der seit Jahren Krieg gegen den Kreml führt.

Allein, aus dem Interview erschließt sich der Plan der mutmaßlichen Attentäter nicht. Osmajew verwickelt sich darin in Widersprüche: Einmal heißt es, die Gruppe habe den Einsatz von Panzerabwehrminen in Erwägung gezogen. Kurz danach gibt Osmajew zu, dass einer seiner Mittäter auch zu einem Selbstmordanschlag bereit gewesen sei. Der Journalist von Kanal 1 unterstellt, die verhinderten Attentäter wollten Putin mit einer Plastikbombe töten.

Auf Osmajews Laptop will die Polizei nun Beweise für seine Anschlagspläne auf Putin gefunden haben. Es geht unter anderem um das Bild eines leeren Autos, auf den Vordersitzen sind zwei Menschen eingezeichnet, über sie ist ein Fadenkreuz gelegt. Außerdem habe man Videos vom Autokonvoi des Premierministers entdeckt. Als Zeitpunkt sei ein Termin kurz nach den Wahlen ausgemacht worden, dann sollte Putins Wagen in die Luft gesprengt werden.

Ukrainische Ermittler sind dem Mordkomplott angeblich durch Zufall auf die Spur gekommen. Am 4. Januar 2012 war in Odessa eine Wohnung explodiert. Einer der Bewohner starb, ein zweiter überlebte und wurde von den ukrainischen Geheimdiensten vernommen. Bei ihm sei Material zum Bombenbau gefunden worden.

In Russland reagiert man skeptisch auf die Enthüllung. „Aus den Informationen, die im Fernsehen gezeigt wurden, kann ich keine ernsthafte Hinweise darauf erkennen, dass diese Menschen einen Anschlag auf Putin vorbereiten wollten“, sagte der ehemalige stellvertretende Leiter der russischen Sondereinheit zur Terrorbekämpfung Alfa, Sergej Gontscharow. „Gemessen am Niveau der technischen Vorbereitung konnten sie einen solchen Anschlag nicht verüben.“ Außerdem habe man die Videos und Fotos, die angeblich von Osmajews Laptop stammen sollen, leicht im Internet finden können.

„Das, was wir über diesen Anschlagsversuch wissen, lässt nicht auf eine ernst gemeinte Operation schließen“, sagt der Politologe Nikolai Petrow vom Moskauer Carnegie-Zentrum. „Zufällig explodiert etwas, es werden Menschen festgenommen, die sagen, dass sie irgendwann in der Zukunft einen Anschlag auf den russischen Premierminister verüben wollten.“ Außerdem sei Odessa viel zu weit von Moskau entfernt, als dass Attentäter von dort aus einen Anschlag auf Putin in der russischen Hauptstadt planen würden.

Petrow ist auch überzeugt, dass der Zeitpunkt der vermeintlichen Enthüllung keineswegs zufällig gewählt war. Gerade hatte sich Putin in einem Zeitungsbeitrag über russische Außenpolitik vehement gegen die Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten Russlands ausgesprochen. Der Hintergrund des Kanal-1-Beitrags sei klar, so Petrow. „Wir müssen uns einheitlich als Nation hinter unseren Anführer stellen, der so besonnen und effektiv handelt, dass sich unterschiedliche Kräfte gegen ihn verschwören – auch tschetschenische Terroristen.“ mit AFP