Wegen der gewaltsamen Proteste in Afghanistan hat sich die Bundeswehr vorzeitig komplett aus ihrem Stützpunkt Talokan zurückgezogen. Allerdings sollte das Lager im März ohnehin geräumt werden. Nach der Koranverbrennung durch US-Soldaten in Afghanistan sind bei gewaltsamen Protesten bereits mehrere Menschen ums Leben gekommen.

Auch am vierten Tag in Folge kam es zu Protesten. In der Hauptstadt Kabul versammelten sich nach dem Freitagsgebet einige hundert Demonstranten. Hunderte Polizisten und Soldaten hielten die aufgebrachte Menge in Schach. Sicherheitskräfte feuerten Warnschüsse ab, um die Versammlung aufzulösen. Die Demonstranten skandierten „Tod für Obama“ und „Tod für Karsai“.

Aus dem Innenministerium hieß es, in mindestens fünf weiteren Städten im Land gebe es Demonstrationen. Sie seien zunächst weitgehend friedlich verlaufen. Am Donnerstag waren bei den Protesten mindestens acht Menschen getötet worden. Darunter waren neben sechs Demonstranten auch zwei Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf, die ein Angehöriger der afghanischen Armee erschoss. Bereits am Mittwoch waren mehrere Demonstranten in Afghanistan ums Leben gekommen.

Lager geräumt

Angesichts eines Auflaufs von rund 300 Demonstranten unmittelbar vor dem Stützpunkt Talokan habe der Kommandeur der Nordregion am Donnerstag die mit der Räumung beschäftigten Kräfte ins rund 70 Kilometer entfernte größere Feldlager Kundus abrücken lassen, teilte die Bundeswehr mit. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos berichtete, die rund 50 Soldaten hätten sämtliche Fahrzeuge mitgenommen.

Ein ZDF-Reporter berichtete, dass das Lager mit Steinen beworfen worden sei. Der relativ kleine Komplex ist schwierig zu sichern, weil er mitten in der 200.000-Einwohner-Stadt liegt. Ob die Soldaten für abschließende Räumarbeiten noch einmal zurückkehren, konnte der Sprecher nicht sagen. Dies entscheide sich je nach Bedarf und Entwicklung der Lage am Ort.

Bereits im vergangenen Frühjahr war die Hauptstadt der Provinz Tachar zweimal in die Schlagzeilen geraten. Bei einem Angriff von Demonstranten auf das Camp wurden im Mai mehrere Menschen erschossen. Keine zwei Wochen später wurden bei einem Anschlag auf den Gouverneurspalast von Talokan unter anderen der Polizeichef für Nordafghanistan und zwei Bundeswehrsoldaten getötet. Der Bundeswehr-Kommandeur für Nordafghanistan, General Markus Kneip, wurde verletzt.

Zahlreiche Demonstrationen in der Nordregion

In Afghanistan hatte es zuvor am Donnerstag auch in der bislang eher ruhigen Nordregion Proteste gegen die Verbrennung von Koran-Ausgaben auf dem US-Stützpunkt Bagram gegeben. Im von Deutschland geführten Regionalkommando Nord der Nato-Truppe Isaf demonstrierten nach Angaben der Bundeswehr zahlreiche Menschen. Die Teilnehmerzahl der Demonstrationen in Maimanah, Baghlan, Talokan und Faisabad reichte demnach von jeweils 100 bis 2000 Menschen.

Bei einer Demonstration vor dem unter norwegischer Führung stehendem Regionalen Wiederaufbauteam (PRT) in Maimaneh gab es den Angaben zufolge gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der afghanischen Polizei. Isaf-Kräfte gaben Warnschüsse ab, ein Isaf-Soldat wurde verletzt. In Baghlan gab gerieten afghanische Sicherheitskräfte mit den bis zu 2000 Demonstranten aneinander. Nach unbestätigten Informationen wurde ein afghanischer Zivilist getötet, zwei weitere Zivilisten sowie zehn afghanische Polizisten wurden verletzt.

In Afghanistan gehen seit Dienstag wütende Demonstranten auf die Straße, nachdem bekannt geworden war, dass US-Soldaten in Bagram Exemplare des Korans verbrannt hatten . Bei den Protesten gab es zahlreiche Tote. Die Taliban hatten nach der Koran-Verbrennung zur Tötung ausländischer Soldaten in Afghanistan aufgerufen. In einer Erklärung forderten die Islamisten, die „militärischen Stützpunkte der Invasoren, ihre Militärkonvois mutig anzugreifen“ und „sie zu töten, gefangen zu nehmen, zu schlagen und ihnen eine Lektion zu erteilen, dass sie es niemals wieder wagen, den heiligen Koran zu beleidigen“.

dpa/AFP/nbo