Die radikale Palästinenserorganisation Hamas hat Einzelheiten zum geplanten Gefangenenaustausch mit Israel veröffentlicht. Wie ein Sprecher der Hamas am Donnerstag mitteilte, sollten in einer ersten Phase 450 palästinensische Gefangene aus israelischer Haft entlassen werden. Davon könnten 272 in ihre Heimat im Westjordanland, dem Gazastreifen und Israel zurückkehren.
Jedoch sollten 178 Gefangene deportiert werden, entweder in Drittländer oder – sofern sie nicht von dort kommen – in den Gazastreifen. Dies dürfte ein harter Schlag für viele Angehörige sein, die ihre Verwandten oftmals Jahre nicht gesehen haben.
Bei dem vereinbarten Austausch sollen im Gegenzug für die Freilassung des seit fünf Jahren gefangen gehaltenen israelischen Soldaten Gilad Schalit insgesamt 1.000 Palästinenser freikommen. Die von ganz Israel sehnsüchtig erwartete Freilassung des heute 25-Jährigen durch die radikalislamische Hamas werde voraussichtlich am Dienstag oder Mittwoch erfolgen, schrieb die Zeitung „Jediot Achronot“ am Donnerstag.
Unterdessen berichtete die ägyptische Zeitung „Al Masry Al Youm“, auch Ägypten und Israel planten einen Gefangenenaustausch. Eine offizielle Bestätigung für beide Zeitungsberichte gab es ebenso wenig wie für Angaben eines ägyptischen Beamten, Schilat sei bereits in Ägypten.
In dem Zeitungsbericht heißt es, seine Familie werde Gilat erstmals nach den langen Jahren der Trennung auf einem Militärstützpunkt im Zentrum Israels unter Ausschluss der Öffentlichkeit in die Arme schließen können. Seine Eltern Aviva und Noam hatten ihr Protestzelt vor dem Amtssitz von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in Jerusalem schon am Vortag verlassen. Dort hatten sie die letzten Monate verbracht, um Druck für einen Gefangenenaustausch zu machen.
Israel und die radikalislamische Hamas, die Schilat im Gazastreifen festhält, hatten sich nach Jahren zäher Kontakte unter Vermittlung Ägyptens und Deutschlands auf einen Gefangenenaustausch geeinigt. Im Gegenzug zur Freilassung Schalits hat sich Israel bereit erklärt, 1027 palästinensische Häftlinge zu entlassen. Das wäre in etwa ein Fünftel aller Palästinenser, die im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt in Israel in Haft sind.
Schilat sei bereits über die nahende Freilassung informiert worden, teilte ein Sprecher der militanten Palästinenserorganisation Volkswiderstandskomitee (PRC) mit. Sie hatte Schilat zusammen mit zwei weiteren Gruppen in das Gebiet am Mittelmeer entführt. Wie es Schilat geht, ist unbekannt. Die Entführer ließen keine Besuche zu. Das letzte Lebenszeichen kam 2009.
Dem Bericht von „Jediot Achronot“ zufolge könnte die Freilassungsaktion so verlaufen: Mitte kommender Woche, die in Israel am Sonntag beginnt, wird Schalit vom Gazastreifen aus nach Ägypten gebracht. Dort erwarten ihn israelische Militärs. Sie sollen ihn identifizieren und einer ersten medizinischen Untersuchung unterziehen.
Dann wird der 25-Jährige zu einer Kaserne im Zentrum Israels geflogen, wo er erstmals seine Familie wiedersieht. Anschließend steht die eigentliche Heimkehr per Hubschrauber in sein Elternhaus in dem Ort Mitzpe Hila im Norden Israels an. Schalit soll zunächst mehrere Wochen Ruhe im Kreis seiner Familie gegönnt werden, bevor er zu seiner Geiselhaft befragt wird.
Direkt nach der Übergabe von Schalit an das Rote Kreuz wird eine erste Gruppe von 27 Palästinenserinnen aus israelischen Gefängnissen entlassen. Die meisten von ihnen können an ihre Wohnorte im arabischen Ostteil von Jerusalem oder im Westjordanland zurückkehren. Zwei werden allerdings deportiert. Wohin, war unbekannt.
Anschließend werden 450 männliche Palästinenser aus den Gefängnissen entlassen. Einige dürfen in das Westjordanland oder Ostjerusalem, die meisten aber werden in den Gazastreifen entlassen oder in ein anderes Land abgeschoben.
Israel belegt alle Palästinenser, die ins Westjordanland entlassen werden, mit strikten Auflagen. Für einen Zeitraum von zehn Jahren dürfen sie die Grüne Linie, die Grenze nach Israel, nicht übertreten oder das Westjordanland verlassen. Einmal monatlich müssen sie sich zudem beim israelischen Militär im Westjordanland melden. Während der ersten drei Jahre dürfen sie auch ihren Verwaltungsbezirk nicht verlassen.
Auch die Palästinenser, die in den Gazastreifen oder ins Ausland abgeschoben werden, sind mit Auflagen versehen. Die meisten von ihnen dürfen erst nach Jahren in ihre Heimat im Westjordanland oder Jerusalem zurückkehren. 55 Freigelassene werden sogar mit einer lebenslangen Einreisesperre nach Israel belegt.
In etwa zwei Monaten sollen in einer zweiten Phase die restlichen 550 palästinensischen Häftlinge frei gelassen werden. Über die Zusammensetzung dieser Gruppe entscheidet Israel allein.
Die mögliche Vereinbarung zwischen Ägypten und Israel sehe vor, dass Ägypten den unter dem Verdacht der Spionage in Ägypten verhafteten Israelis Ilan Grapel freilässt. Israel könnte im Gegenzug 81 Ägypter frei lassen. Die Verhandlungen befänden sich in einem fortgeschrittenen Stadium, schrieb die Zeitung unter Berufung auf gutinformierte Kreise in Ägypten.
dapd/dpa/cb




