Schluss mit Anschreiben

Bankaufsicht dreht verschuldeten Türken Geldhahn zu

In der Türkei ist das Leben auf Pump selbstverständlich. Oft finanzieren Konsumenten eine Kreditkarte durch eine andere. Nun will die Bankaufsicht Vorschüsse sperren.

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In der Türkei zeigen die Preisschilder auf teureren Waren nur, wie viel das Produkt bei Ratenkauf kostet. Wer gleich alles bezahlen und den entsprechenden Preis erfahren will, muss oft das Kleingedruckte suchen oder den Verkäufer fragen. Ob das so ist, weil die meisten Türken auf Raten kaufen, oder ob sie auf Raten kaufen, weil das so einfach ist, ist eine gute Frage. Wohl eine Mischung.

Wer also auf Raten kauft, reicht dem Verkäufer seine Kreditkarte. Es muss eine türkische sein, denn was dann passiert, gibt es bei den Kartenanbietern anderer Länder nicht: Der Händler fragt, wie viele Raten man möchte und zieht die Karte durch das Lesegerät – das war’s. Der Kredit ist perfekt, solange die Summe in den Dispo-Kredit des Kunden passt.

Boom auf Kredit

So kauft die ganze Türkei. Es ist das Geheimnis des türkischen Wirtschaftswachstums. Ein Boom auf Kredit, getragen von einer Binnennachfrage, die zum Teil eine Folge aggressiven Kreditkarten-Marketings ist. Die Kunden machen begeistert mit, doch sie sind letztlich die Verlierer.

Denn das Geschäft, in dem mit der Kreditkarte bezahlt wird, bekommt das Geld von der Bank – je nach Vertrag – beispielsweise in drei Raten ausbezahlt, während der Kunde die Kaufsumme üblicherweise in zehn Monatsraten abbezahlt. Die Bank selbst streckt die Rückzahlung für den Kunden auf kleinere Monatsraten, damit er es sich leichter „leisten“ kann. Dafür kassiert die Bank kräftig: Die Zinsen liegen zwischen sechs und 13 Prozent. Pro Monat.

Lockere Kreditkartenvergabe

Um zu verstehen, warum die türkische Bankenaufsicht nun hart gegen dieses Phänomen vorgehen will, muss man einen Blick in die Geschichte der türkischen Kreditkarte werfen. Dort haben die Banken erst vor etwa zehn Jahren begonnen, Kreditkarten, Privat-, Immobilien- und Fahrzeugkredite anzubieten.

Zuweilen errichteten sie kleine Kioske in den Einkaufsstraßen, Passanten wurden angesprochen, und nachdem sie ein Formular ausgefüllt hatten, hielten sie eine Kreditkarte in der Hand. Wie locker das gehandhabt wurde, zeigt das Beispiel einer Istanbuler Putzfrau, die hier nicht genannt werden soll.

Sie verfügt über kein gemeldetes Einkommen, lebt von dem Stundenlohn, den ihr diverse Arbeitgeber bar auf die Hand zahlen, hat aber zwei Kreditkarten. Die zweite Karte nahm sie nur, um damit die Schulden auf der ersten – zumindest teilweise – abzutragen, als diese ausgereizt war.

Tradition des Anschreibens

Die unbedarfte Kreditkartenvergabe mag mit der Tradition des Anschreibens zusammenhängen. In der Türkei bekommt man in vielen Geschäften „Kredit“, zumindest wenn man als „ehrbarer“ Kunde gilt, zahlt später aber auch wirklich. Es scheint jedoch, dass der Kreditkartenrausch diesen Geist der Ehrbarkeit etwas verdünnt hat. Mit gravierenden Folgen. Es gibt mehr als 27 Millionen Kreditkartenkunden, und zusammen mit den Privatkrediten beliefen sich die Schulden von mehr als 40 Millionen Türken zu Jahresbeginn auf 475 Milliarden Lira, nach damaligem Kurs über 200 Milliarden Euro.

Aber es ist nicht so sehr das Ausmaß der Schulden – Türken sind im Vergleich zu ihrem Vermögen weniger verschuldet als beispielsweise Amerikaner –, sondern vielmehr deren rapider Anstieg, der für Ungleichgewichte sorgt. Vor zehn Jahren seien türkische Haushalte typischerweise mit rund sieben Prozent verschuldet gewesen, sagt Türkei-Experte Gareth Jenkins. Im März dieses Jahres waren es 35 Prozent, und seither ist die Zahl noch einmal deutlich gestiegen.

Kaum noch Geld fürs tägliche Leben

Jetzt aber greifen die türkischen Behörden ein. Die Zeitung „Hürriyet“ berichtet unter Bezug auf die Bankenaufsicht, dass 2,5 Millionen Kreditkartenbesitzer nur die gesetzlich vorgeschriebenen 20 Prozent ihrer Kreditkartenschulden monatlich zurückzahlen. Weitere vier Millionen zahlen weniger als 50 Prozent ihrer Schulden zurück.

Diese beiden Verbrauchergruppen geraten nun in Schwierigkeiten: Eine neue Regel sperrt ihre Karten für Bargeldvorschüsse, bis sie mindestens 50 Prozent ihrer Kreditkartenschuld beglichen haben.

Für viele bedeutet das, dass sie kaum mehr Geld fürs tägliche Leben haben, da ihre Gehälter – falls vorhanden – mit den diversen Ratenzahlungen schon überbelastet sind. Nach Auffassung des türkischen Verbraucherschutzbundes sind rund zehn Millionen Menschen von der neuen Regelung betroffen. Der Verband will laut Medienberichten gegen die Verordnung klagen, da seiner Auffassung nach die Kunden nicht frühzeitig genug informiert wurden.

Doppelter Schock für Verbraucher

Die Verbraucher erwartet ein doppelter Schock. Nicht nur versiegt plötzlich die Finanzierung durch einen Vorschuss über die Kreditkarte, zugleich hat der Wert der Lira in den vergangenen Wochen drastisch abgenommen. Importprodukte werden also teurer, die Inflation wird steigen.

Höhere Preise und weniger Bargeld bedeuten, dass auf die bislang boomende türkische Wirtschaft möglicherweise ein heilsamer Schock zukommt. In den vergangenen Jahren wuchs die Wirtschaft fast so schnell wie die chinesische. Es kann sein, dass die Kreditkarten-Notbremse der Bankenaufsicht zumindest vorübergehend auch das Wachstum bremsen wird.