Martin-Luther-King-Statue

Die USA streiten über den wahren schwarzen Mann

In Washington wird eine Statue für den Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung eingeweiht. Doch viele Schwarze fühlen sich von Obama vernachlässigt.

48 Jahre und sieben Wochen nach seiner "I have a dream"-Rede ist Martin Luther King auf die National Mall zu Washington zurückgekehrt: "An diesem Ort wird er für alle Zeit stehen", sagte Präsident Barack Obama im Schatten der acht Meter hoch aufragenden Statue im Halbrelief, die über das Tidal Basin dem das Thomas-Jefferson-Denkmal zugewandt ist, Abraham Lincoln einige hunderte Meter entfernt im Rücken, Franklin Roosevelt zur Rechten.

Für tausende, überwiegend schwarze Gäste der Einweihung war die Würdigung des ersten Afroamerikaners unter Amerikas Giganten auf der Mall durch den ersten afroamerikanischen Präsidenten die Erfüllung eines für unmöglich gehaltenen Traums.

Die zunächst für den 28. August geplante Einweihung des 120 Millionen Dollar teuren Memorials war von einem Erdbeben und dem Heranziehen des Hurrikans "Irene" verhindert worden. Es fehlte in den Reden nicht an Verweisen auf den ungebetenen Besuch der stürmischen Dame Irene.

Nun strahlte eine herrliche Herbstsonne über dem "Stein der Hoffnung" ("geformt aus einem Berg der Verzweiflung"); Aretha Franklin und Stevie Wonder sangen, die Menge intonierte inbrünstig "We shall overcome". Mitstreiter Martin Luther Kings wie John Lewis, Kongressabgeordneter aus Georgia, und Jesse Jackson erinnerten sich bewegend an ihren Helden und Förderer; gebeugte Veteranen der Bürgerrechtsbewegung im Publikum vergossen Tränen der Genugtuung und des Bedauerns, dass so viele ihrer Mitkämpfer diesen Tag nicht mehr erleben konnten.

Der Allmächtige wurde ungezählte Male von dieser Gemeinde der Feiernden angerufen, am schönsten vielleicht von Aretha Franklin in dem a capella vorgetragenen Kirchenlied "Precious Lord". Selten wurde das Pathos von politischen Statements gebrochen. Bernice King, seine Tochter, forderte: "Wir sollten uns nie damit abfinden, dass ein Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Wohlstands kontrollieren: Ich höre meinen Vater sagen, ,wir brauchen eine radikale Revolution der Werte und eine Neuordnung der Prioritäten dieser Nation.'"

Dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson war es vorbehalten, die (unter den Gästen weitgehend abwesenden) Republikaner im Kongress zu würdigen, als "Männer, die bereit scheinen, das Schiff zu versenken, um den Kapitän zu vernichten."

Das Dilemma Barack Obamas, als Präsident wie schon als Senator und Kandidat, wurde offenbar in der ambivalenten Reaktion der Menge. Er wurde mit begeisterten "Four More Years"-Rufen begrüßt, doch mit eher mattem Applaus bedacht, als er seine Hommage eher kühl als mit dem leidenschaftlichen Baptisten-Furor anderer Redner vortrug.

Obama belehrt Schwarze

Es gibt, von Umfragen belegt, viel Unmut über Barack Obama, Enttäuschung und sogar Stimmen, die mit Wahlboykott drohen, unter Amerikas Schwarzen. Sie werfen ihm vor, ausgerechnet sie, die in der Rezession und seither vom Stellenabbau besonders gelitten haben, demonstrativ zu vernachlässigen.

Um sich gegen den rassistisch getönten Vorwurf der Parteilichkeit für Amerikas Minderheiten und Arme zu wappnen, belehre Obama sie sogar in einer Weise, die sich ein weißer Präsident nicht wagen dürfte. So rügte er öffentlich eine zu große Neigung, sich auf den Staat zu verlassen, und kritisierte den Zerfall der schwarzen Familie, zumal die flüchtigen Väter. Der Vorsitzende der schwarzen Parlamentarier-Gruppe im Kongress, Emmanuel Cleaver, nannte etwa den Last-Minute-Kompromiss Barack Obamas mit den Republikanern zur Erhöhung der Schuldendecke ein "überzuckertes Satans-Geschäft".

So wie es dieser Präsident wagen kann, Schwarze streng zu Arbeit, Verantwortung, Erziehungsehrgeiz anzuhalten, so kann es sich der schwarze, linke Princeton-Professor Cornel West leisten, Obama das "schwarze Maskottchen der Wall Street" zu schimpfen und ihm vorzuwerfen, er handele nicht "wie ein freier schwarzer Mann".

Herman Cain hält sich für den "wahren schwarzen Mann"

Es mangelt aber auch nicht an Verteidigern Obamas. Gerade die alten Kämpfer wie John Lewis zeigen Langmut und Beschützerinstinkt, wenn es um ihren jungen Präsidenten geht. Die besten Tage Obamas kämen erst noch, sagte der alte Abgeordnete am Sonntag in einem CNN-Interview voraus, in der zweiten Amtszeit, wenn die Wirtschaft sich endlich etwas erhole, werde der Präsident zeigen, was er kann. Lewis erbat Geduld und Fairness für Obama, der mit mehr Krisen zu kämpfen habe als jeder andere Präsident seit Franklin Roosevelt.

Herman Cain (65), einst Pizzaketten-Boss und zur Zeit einer von rund acht Präsidentschaftskandidaten bei den Republikanern glaubt, er sei der "wahre schwarze Mann" unter den Bewerbern, nicht Obama, der eine weiße Mutter und einen kenianischen Vater hatte. Die vergessen geglaubte Frage, wie schwarz Obama eigentlich ist, stellt nun ein schwarzer Mann, der alles tut, um sich gegen die Traditionen der Bürgerrechtsbewegung abzusetzen. Rassismus sei für das Vorankommen in Amerika kein Thema, meint Cain, wer scheitere, scheitere an sich selbst. Es gibt Schwarze auf der Linken, die Cain schwarzen Selbsthass vorwerfen.

Obama war keine zwei Jahre alt, als King seinen Traum auf der Mall ausrief. Cain studierte damals und fiel nicht auf. In seinen College-Jahren habe er sich nie an Demonstrationen beteiligt, "ich wollte keinen Streit anfangen".

Martin Luther King und seine Mitkämpfer waren überzeugt, dass das sklavenhaltende weiße Amerika den Streit begonnen hatte. In der "I had a dream Rede" sprach er nicht nur vom "Tisch der Brüderlichkeit", sondern auch vom "Wirbelwind der Revolte", der an den Fundamenten Amerikas rütteln werde, "bis der strahlende Tag der Gerechtigkeit kommt".