Fukushima nach der Katastrophe

Ein Land will sein altes Leben zurück

In den japanischen Städten Toyoma und Iwaki trifft Bundespräsident Wulff Menschen, die nach Erdbeben, Tsunami und Atomunfall neu anfangen müssen.

Bodenfliesen sind noch zu sehen, und Rudimente von Grundmauern. Kabelstränge ragen neben Wasserrohren aus dem Beton. Einst standen hier Wohnhäuser und Läden. Der 11. März legte alles in Schutt. Toyoma, früher ein Bade- und Fischerort an der japanischen Küste ist nur noch für wenige Menschen Heimat.

In dem Ort, der 80 Kilometer von der Katastrophenregion Fukushima entfernt liegt, lockte ein feiner Sandstrand Touristen. Heute offenbart sich ein Bild der Zerstörung. Das Meer, das mit Gewalt tötete und Häuser sowie Boote wegspülte, ist still, fast unbewegt. Ein leichter Wind und die Wolken, durch die die Sonne schimmert – all das wirkt friedlich, befremdlich friedlich. Sandiger Boden und Seegras lassen erahnen, wie unbeschwert Menschen hier lebten und sich erholten.

Er will Opfern und Überlebenden seinen Respekt erweisen

Ein gutes halbes Jahr nach Erdbeben und Tsunami ist der Bundespräsident nach Toyoma gereist. Gut drei Stunden dauerte der Weg, den Christian Wulff mit dem Auto aus Tokio kommend bewältigt hat. An diesem Dienstagnachmittag führt ihn der Krisenbeauftragte der Stadt Iwaki durch die Geröllfläche, die die Flut gelassen hat.

Wulff will Opfern und Überlebenden der Katastrophe seinen Respekt erweisen. Es blieben viele offene Fragen, sagt er mit Blick auf die noch nicht getroffene Entscheidung, ob der einstige Badeort wieder aufgebaut werden soll.

Als Wulff auf drei, vier Kinder trifft, die vor den leicht höher gelegenen, inzwischen weitgehend sanierten Häusern den Auflauf um den Präsidenten beobachten, hat er Mühe, die richtigen Worte zu finden. „Ihr wohnt alle hier?“ fragt er, und die Kinder nicken. Ein älterer Herr tritt hinzu. „Wir bleiben hier“, sagt er. Gestikulierend erläutert er, entweder müsse der Katastrophenschutz erweitert werden, oder man ziehe in höhere Lagen, um einem weiteren Tsunami zu entgehen.

Wulff sagt, der 11. März bewege die Deutschen noch immer

Fast einen ganzen Tag seines fünftägigen Aufenthaltes in Japan widmet sich der Bundespräsident den Folgen der Dreifachkatastrophe Erdbeben, Tsunami und Atomunfall. Vor dem Besuch in Toyoma wird Wulff wenige Kilometer weiter in Iwaki New Town (Präfektur Fukushima) empfangen. Hier leben die aus Hirono evakuierten Menschen in Behelfswohnungen.

Eine Menschenschar erwartet das deutsche Staatsoberhaupt vor dem Begegnungszentrum des Dorfes aus Wellblechhäuschen. Mit Applaus und den üblichen Verbeugungen begrüßen sie Wulff. Der wird dem Bürgermeister vorgestellt, und während des Gesprächs streift Wulff mit seiner linken Hand den rechten Arm seines Gegenübers fast liebevoll. „Wir machen uns immer noch Sorgen, wie wir all das bewältigen wollen“, sagt der Mann. Wulff sagt, die Deutschen wollten das Leid des japanischen Volkes teilen. Der 11. März bewege die Deutschen noch immer.

Auf dem Weg zum Begegnungszentrum der Siedlung passieren Wulff und seine Entourage eine elektronische Anzeigetafel, die den Atomunfall und seine Konsequenzen verbindet. Digital leuchtet die aktuelle Radioaktivität auf, mal sind es 0,07 Mikrosievert pro Stunde, mal 0,08; beides ist ein niedriger Wert. Betrieben wird die Anzeige mit oberhalb angebrachten Sonnenkollektoren – ein bescheidener Einstieg in die Solarenergie, die selbst im Norden Japans und Ende Oktober gut eingesetzt werden kann.

Ein solches Umdenken hat eingesetzt. Vor allem die jüngere Generation drängt darauf, das Volk ist in dieser Frage längst gespalten. Deutschlands Atomausstieg wird mit Interesse verfolgt. In den vergangenen Monaten ist es den Japanern ohne viel Aufheben gelungen, immerhin 15 Prozent ihres Energiebedarfes einzusparen. Die Kritiker der Atomkraft verweisen darauf, dass derzeit nur 11 der 54 Kraftwerke des Landes laufen – und es an Energie doch nicht mangelt.

Wulff hat sich am Montag mit Kaiser Akihito und fünf Kabinettsmitgliedern zum Mittagessen getroffen, dabei dürfte es um Fukushima und die Folgen gegangen sein, bei der bilateralen Unterredung mit dem Umweltminister ohnehin. Auch Vertreter von Japans Wirtschaft diskutierten das Thema Atomkraft mit Wulff.

Geschenk für einen kleinen Jungen

Als ein kleiner Junge Wulff in dem behelfsmäßigen Dorf über den Weg läuft, hält der Bundespräsident ihn an und beugt sich herab. Er gehe doch sicher schon zur Schule, fragt Wulff ein wenig suggestiv. Der Junge antwortet sogleich, er besuche die dritte Klasse. „Super“, sagt Wulff und drückt ihm ein deutsch-japanisches Märchenbuch in beiden Sprachen in die Hand. Wulff diktiert der Dolmetscherin eine Widmung, die sie auf Japanisch einträgt. Neben seinen Wünschen formuliert er, etwas frei, einen Ausspruch Johann Wolfgang von Goethes: „Aus Steinen, die im Weg liegen, kann man Großes bauen.“

Beim Betreten des Begegnungszentrums ziehen alle Besucher, auch Wulff, ihre Schuhe aus. Der Raum in den Behelfsbauten, etwa zehn Mal zehn Meter groß, ist alles andere als provisorisch konstruiert und eingerichtet. Die Evakuierung ist offenkundig nicht auf wenige Wochen oder Monate angelegt. Teppichboden, Gardinen, mit Papier gebastelte Pandabären und Blumen machen den Raum wohnlich, trotz des Neonlichts. Auf der Lehne der grauen Klappstühle prangt ein Aufkleber: „Von den Völkern der Welt, übergeben durch das Rote Kreuz.“

"Wir möchten das alte Leben zurück"

Die zehn Menschen, die sich versammelt haben, plagen aber konkretere Nöte als die Frage einer künftigen Energieversorgung. Ein Herr mittleren Alters berichtet Wulff, wie die zehn Meter hohe Flutwelle sein Haus erreichte und wie sehr die Familie seit diesem Schicksalstag zusammenhält. „Die Familie ist die wichtigste Einheit“, sagt er. Ein Bauer schildert, wie sehr ihn die radioaktive Kontaminierung des eigens bestellten Bodens verunsichert. Die obersten Zentimeter der Felder seien besonders fruchtbar und nährstoffreich. „Wir werden nicht informiert, ob es neben dem Abtragen noch eine andere Möglichkeit gibt, den Boden zu dekontaminieren“, klagt er.

„Wir möchten das alte Leben zurück, die alte Umgebung, die alten Strukturen“ – so formuliert ein anderer einen wohl unerfüllbaren Wunsch. Er berichtet, wie er sein Haus in der freiwilligen Evakuierungszone mit einem Hochdruckreiniger zehnmal abgespritzt hat und sagt: „Wir haben das Gefühl, die Regierung informiert uns nicht. Sie wirft uns mit Zahlen zu, aber erklärt uns nicht die Grundlage der Zahlen.“

"Es kommen viele nach Japan. Aber keiner kommt hierher"

Diese überraschend offene Kritik greift Wulff, der am Tag zuvor den Ministerpräsidenten traf, sogleich auf. Er werde der Regierung schreiben und von den Sorgen berichten, verspricht Wulff: „Radioaktivität schmeckt man nicht, fühlt man nicht, sieht man nicht. Ich sage Ihnen aber zu, dass wir allen Sachverstand abfragen, und den Kontakt zu den japanischen Experten aufrecht erhalten.“

Am Ende des einstündigen Gesprächs springt der Älteste der Runde auf, ziemlich zackig, und mit einem militärisch anmutenden Gruß samt Verbeugung. Überschwänglich dankt er Wulff. „Das ist für uns eine unvorstellbare Geste und wir danken von ganzem Herzen“, sagt er. „Es kommen viele hochrangige Persönlichkeiten nach Japan. Aber keiner kommt hierher.“

Wenigstens das ist an diesem Dienstagmittag in Iwaki einmal anders. Doch der alte Mann ist trotz der prekären Situation, in der er sich befindet, frohgemut. Er sei 84 Jahre alt, seine Frau 82. „Seit drei Monaten leben wir hier“, sagt er über das Leben im Behelfsdorf und lächelt. „Wir fühlen uns wie auf der Hochzeitsreise.“ Wenigstens einmal können seine Mitbewohner an diesem Tag von Herzen lachen.