Atombombe zerschreddert

Amerikas Monsterwaffe B-53 ist nicht mehr zeitgemäß

Die USA demontieren ihre letzte große Atombombe aus der Zeit des Kalten Krieges. Die B-53 hatte 600 Mal so viel Sprengkraft wie "Little Boy".

Foto: WON Infografik

Die verheerendste Waffe des Kalten Krieges fand ihr Ende in Amarillo, einer Kleinstadt im Norden des US-Bundesstaates Texas: Die USA haben in einer der sichersten Anlagen des ganzen Landes ihre letzte verbliebene Atomwaffe aus dem Jahr 1962 zerstört . Im Kern der mächtigen Bombe vom Typ B-53, die ungefähr so groß wie ein Kleinwagen war, entfernten Spezialisten 135 Kilogramm hoch angereichertes Uran und machten die Waffe unbrauchbar.

Zuvor hatte die Bombe eine Sprengkraft von neun Megatonnen und zählte wohl zu den zerstörerischsten Nuklearwaffen, die die amerikanische Regierung je im Sortiment hatte. Sie hatte eine 600 Mal so hohe Sprengkraft wie die Atombombe „Little Boy“, die von der US-Armee 1945 zum Ende des Zweiten Weltkrieges auf das japanische Hiroshima abgeworfen wurde und deren Explosion rund 140.000 Menschen das Leben kostete.

"Die Welt ist ein sichererer Ort"

Dies sei „ein Meilenstein in den Bemühungen von US-Präsident Barack Obama für die nukleare Abrüstung", sagte Vize-Energieminister Daniel Poneman. Mit der Demontage der B-53 ende eine Ära, sagte Hans Kristensen, Sprecher des Verbands der Amerikanischen Wissenschaftler. „Das ist das Ende dieser Monsterwaffen.“ Nach der Zerlegung sei die Welt „ein sichererer Ort“, sagte Thomas D'Agostino, Leiter der Nationalen Behörde für Nukleare Sicherheit. Die B-53 sei eine Waffe gewesen, die „zu einer anderen Zeit für eine andere Welt“ entwickelt worden sei.

„Die Verschrottung ist ein Symbol für die Tendenz der letzten Jahre: Weg von den großen Sprengkörpern, hin zu kleineren, zielgenaueren Waffen“, sagte der Atomwaffenexperte der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP), Oliver Thränert, gegenüber "Morgenpost Online“. Bereits in den 70er-Jahren haben die beiden Weltmächte USA und die damalige Sowjetunion ihre Atomstrategie geändert. Aus den strategischen wurden mehr und mehr taktische Atomwaffen. Ziel war und ist es, nicht mit einer einzigen Bombe ganze Städte zu zerstören, sondern die Waffen gegen militärische Verbände oder Infrastruktur einzusetzen.

Deutlicher Rückgang der Atomarsenale seit Ende des Kalten Krieges

Daher war die B-53 seit langem ein Auslaufmodell. Stärkste Atomwaffe der USA ist nun die B-83 mit einer deutlich geringeren Sprengkraft von 1,2 Megatonnen. Viele der alten amerikanischen Atombomben wurden in den vergangenen Jahren entweder abgewrackt oder aber zu moderneren Versionen umgebaut.

Dieser Trend zeichnet sich auch bei anderen Atommächten ab: Der russische Präsident Dmitri Medwedjew verkündete 2009, dass ab 2011 die Nuklearwaffen seines Landes kontinuierlich modernisiert und den neuen Begebenheiten angepasst werden sollen. Russland führt mit 12.000 nuklearen Sprengköpfen die Rangliste der Staaten an, die Atomwaffen besitzen. Die USA liegen mit 9600 Sprengköpfen dahinter. Frankreich folgt mit 300 Sprengköpfen, China verfügt über 240 und Großbritannien hält rund 225 Atomsprengköpfe.

Im Vergleich mit früheren Statistiken zeigen diese Zahlen einen deutlichen Rückgang der Atomarsenale seit Ende des Kalten Krieges. Die USA reduzierten nach mehreren Abrüstungsverträgen mit der Sowjetunion sowie mit dem späteren Russland schrittweise ihre Nuklearwaffen. Das Weltarsenal atomarer Waffen schrumpfte von fast 70.000 Sprengkörpern in den 80er-Jahren auf den heutigen Stand von 23.360.

Erst im April vergangenen Jahres einigten sich Obama und sein russischer Amtskollege Medwedjew auf ein neues bilaterales Abrüstungsabkommen – den sogenannten Start-Vertrag III – das vorsieht, die Zahl der Langstreckenwaffen beider Seiten auf 1500 zu verringern. Den Staaten bleiben laut Vereinbarung nun noch sechs Jahre Zeit, diesen ambitionierten Plan in die Realität umzusetzen. Ob das gelingt, ist jedoch fraglich, denn allein in den vergangenen sieben Monaten wurden in den USA lediglich zehn aktive Sprengköpfe demontiert und der russische Bestand sogar um neue 29 erweitert.

Die größte Bedrohung, darüber sind sich internationale Abrüstungsexperten einig, stellt heute die unkontrollierte Verbreitung von Atomwaffen dar und nicht mehr die riesigen Bombenarsenale der Supermächte. Aus diesem Grund unterzeichneten die fünf offiziellen Atommächte 1968 den Atomwaffensperrvertrag. Dadurch verpflichteten sie sich, ihre Waffen nicht an andere Staaten weiterzugeben beziehungsweise andere nicht darin zu unterstützen, Nuklearwaffen zu entwickeln.

Die anderen Mitglieder des Vertrages, die selbst keine atomaren Waffen besitzen, versicherten durch ihre Unterschrift, keinen Besitz von Atomwaffen anzustreben und die Atomkraft nur im friedlichen Sinne zu nutzen. Um dies zu gewährleisten, übernahm die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) die Kontrolle der Mitgliedstaaten.

USA wie Russland behalten sich Einsatz ihrer Atombomben vor

Allerdings sind mittlerweile auch Länder offiziell im Besitz von nuklearen Sprengköpfen, die das Abkommen bis heute nicht unterzeichnet haben. Zum einen Pakistan, das wohl an die 70 bis 90 Atombomben in seinem Arsenal hat, zum anderen Indien mit ebenfalls circa 80 Sprengköpfen. Immer wieder führten die Nachbarstaaten Tests mit atomwaffenfähigen Kurzstreckenraketen durch, was die Spannungen zwischen den beiden Ländern, die bereits drei Mal gegeneinander Krieg geführt haben, noch verstärkte.

Im Mittelpunkt der Kritik der internationalen Staatenwelt stehen zudem der Iran und Nordkorea. Das Regime des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il war viele Jahre lang Mitglied des Atomwaffensperrvertrages, trat jedoch 2003 wieder aus. Nach eigenen Angaben besitzt das Land mehrere einsatzfähige Sprengköpfe, verifiziert worden konnte das bisher allerdings nicht.

Angesichts der Gefahren, die durch die Weiterverbreitung von Atomwaffen entstehen, behalten sich sowohl die USA als auch Russland den Ersteinsatz ihrer Atombomben vor. „Russland und die USA versuchen allerdings, die nukleare Schwelle hochzuhalten“, sagt Atomwaffenexperte Thränert. Beide wollen ihre Waffen lediglich als letztes Mittel in einem Konflikt einsetzen.

So verkündete Barack Obama im vergangenen Jahr, dass die USA im Kriegsfall keine nuklearen Sprengkörper gegen Staaten einsetzen werden, die selber nicht über diese verfügen. Als Voraussetzungen dafür nannte er, dass diese Länder den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben und ihn auch einhalten – Iran und Nordkorea erfüllten nicht diesen Bedingungen. Nichtsdestotrotz ist sich Thränert sicher: „Atomwaffen bleiben das wichtigste Mittel zur Abschreckung.“