Gaddafis Ende

Paranoider Führer, eingekesselt im "Distrikt 2"

Nach acht Monaten Bürgerkrieg erklärt sich Libyen für befreit. Die Obduktion der Leiche Gaddafis ergab: Er starb durch einen Kopfschuss.

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Er war bis zum Schluss unverbesserlich. Selbst als er im „Distrikt 2“ seiner Geburtstadt Sirte hoffnungslos eingekesselt war, Flakgeschützsalven und Granaten niedergingen, weigerte sich Oberst Muammar al-Gaddafi die Realität wahrzunehmen. Er lebte weiter in seiner Traumwelt, die er sich im Laufe einer 42-jährigen Diktatur erschaffen hatte. Er verstand sich immer noch als „großer Führer“ und internationaler Staatsmann. Die Revolution gegen ihn war vom Westen angezettelt, ein Kampf um Erdöl und gegen den Islam gerichtet.

Das ergibt sich aus den Aussagen von Mansur Dhao Ibrahim , dem Chef der einst in Libyen so gefürchteten Revolutionären Volksgarden. Der Cousin von Gaddafi war mit ihm am 21. August, als die Rebellen in Tripolis einmarschierten, Hals über Kopf aus der Hauptstadt nach Sirte geflohen.

Eine Flucht kam nicht infrage

„Er wusste, dass die Leute, die gegen ihn rebellierten, Libyer waren“, berichtet Ibrahim bei der Vernehmung im Hauptquartier des Militärischen Geheimdienstes in Misrata. Gaddafi habe aber nicht verstanden, warum diese „Ratten und Söldner“ sich gegen ihn und sein Regime erheben. „Das ist mein Land“, soll der Ex-Diktator geantwortet haben, als man versuchte, ihn etwas näher an die Realität heranzuführen. „Die Macht habe ich bereits 1977 abgegeben“, sagte er und bezog sich auf die damals neugeschaffene „einmalige Volksdemokratie“ in Libyen.

Eine Aufgabe der Macht oder eine Flucht ins Ausland, wie das drei seiner Söhne, die Tochter und seine Frau getan hatten, kamen für ihn nicht infrage. Auch sein Sohn Muatassim, der die Idee hatte, sich in Sirte zu verstecken, lehnte Kapitulation und Exil strikt ab. „Leben oder Märtyrertod“, hatte Vater Gaddafi mehrmals im Laufe des acht Monate dauernden Bürgerkriegs in Fernseh- und Radiostatements versichert. Dieser Devise sind er und sein Sohn treu geblieben – und gestorben.

Auf der Flucht vor den einmarschierenden Rebellen war Gaddafi in Begleitung einer zehnköpfigen Entourage am 21. August über die damals noch loyalen Städte Tarhouna und Bani Walid nach Sirte gefahren. „Er hatte große Angst vor Nato-Luftangriffen“, erzählte Ibrahim, der erst nach einer Woche in der Heimatstadt seines berühmt-berüchtigten Cousins eintraf.

Die ersten beiden Wochen konnte Gaddafi in Sirte noch ein relativ normales Leben führen. Als am 9. September der Angriff der Rebellen begann, war es mit allen gewohnten Annehmlichkeiten des libyschen „Beduinenfürsten“ vorbei.

Ein Netzwerk aus alten Gefolgsleuten, Geheimdienstlern und Freiwilligen schafften ihren „Führer“ alle zwei, drei Tage in neue Quartiere. Auswahl gab es genug: Die meisten der Stadtbewohner waren geflohen und ihre Häuser leer. „Warum gibt es keine Elektrizität? Warum gibt es kein Wasser?“ soll sich Gaddafi immer wieder beschwert haben. Zum Essen gab es nur Reis oder Nudeln, die aus den Küchenregalen der verlassenen Wohnungen zusammengesammelt wurden. Gaddafi lebte erstmals wie sein Volk, das er angeblich so liebte, aber Jahrzehnte lang unterdrückt hatte.

Auch die Rebellenkämpfer bekamen monatelang nur Nudeln mit Tomatensoße in ihren Feldlagern. Wasser und Strom waren für sie Mangelware. Die hygienischen Lebensbedingungen eine Katastrophe: in Misrata oder auch in den Orten der Nafusa-Berge, die die libysche Armee monatelang von der Außenwelt abgeschnitten hatte.

Während seiner letzten Wochen blieb Gaddafi „vom Rest der Welt abgeschnitten“, wie sein Begleiter Ibrahim den neuen Herrschern in Libyen berichtete. Der einst so gefürchtete Herrscher habe viel im Koran gelesen. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt sei ein Satellitentelefon gewesen. Damit habe er den syrischen Radiosender al-Rai angerufen und seine Durchhalteparolen und Botschaften an die Massen zum Aufstand abgegeben: „Erhebt euch in Millionen, marschiert auf Tripolis und befreit es.“

Schließlich wurde der Ausbruch beschlossen

Vor zwei Wochen waren einem seiner verzweifelten Aufrufe gerade mal 30 verbliebene Anhänger gefolgt. Im Stadtteil Abu Salim riefen sie auf der Straße regimetreue Parolen und winkten mit grünen Flaggen. Nach einem kurzen Feuergefecht hatten die Rebellenkämpfer dem Spuk ein Ende bereitet.

Als es in Sirte „um Leben oder Tod ging“, so der ehemalige Chef der Revolutionsgarde, wurde der Ausbruch aus dem eingekesselten „Distrikt 2“ beschlossen. Um drei Uhr morgens hätte es losgehen sollen. Aber aufgrund fehlerhafter Organisation der Unterstützer verschob sich die Abfahrt um fünf Stunden. Schweigsam soll Gaddafi dann in einem Toyota Geländewagen gesessen haben.

Nach 30 Minuten Fahrt trafen Bomben französischer Kampfflugzeuge den Konvoi. Gaddafi und einige seiner Begleiter versuchten zuerst auf eine Farm zu flüchten, begaben sich aber dann zur Hauptstraße, unter der sich die Abwasserrohre befanden, in denen der Diktator später gefunden wurde. Was dann passierte, davon weiß Ibrahim nichts. Unter beständigem Beschuss der Rebellen sei er von einem Granatsplitter getroffen worden und erst wieder im Krankenhaus zu Bewusstsein gekommen.

Mittlerweile haben neben den Vereinten Nationen auch Großbritannien, Russland und mehrere afrikanische Länder eine Untersuchung der Todesumstände Gaddafis gefordert. Die offizielle Version des libyschen Nationalen Übergangsrats (NTC), Gaddafi sei im Kreuzfeuer von einer tödlichen Kugel getroffen wurde, klingt unglaubwürdig. „Die Kampfhandlungen waren schon längst eingestellt“, sagte Peter Boukaert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Zudem tauchte ein neues Handy-Video auf, in dem ein junger Rebellenkämpfer gestand, Gaddafi eine Kugel in den Kopf und unter die Achsel geschossen zu haben.

Unter diesem internationalen Druck hat die zunächst vom Übergangsrat abgelehnte Obduktion der Leiche mittlerweile in Misrata stattgefunden. Die Untersuchung nahm Libyens forensischer Chefpathologe Osman al-Zintani vor. In seinem vorläufigen Bericht bestätigte er, Gaddafi sei durch einen Kopfschuss ums Leben gekommen.

Die Leiche des Diktators und die seines Sohnes Muatassim will der Rat der Familie übergeben. Die Beerdigung soll an einem geheimen Ort stattfinden. Damit sollen sowohl ein Wallfahrtsort für Loyalisten wie auch Grabschändungen vermieden werden.

Mit den Jahren sei er von Paranoia aufgefressen worden

„Ganz am Anfang war Gaddafi ein sehr netter und höflicher Mann“, behauptet Abdallah Zaki Banoun, ein bekannter Anwalt in Tripolis. Zu Beginn der 70er-Jahre sei der Diktator ein freundlicher zuvorkommender Mensch gewesen, erinnert sich Banoun, der seit 1964, noch unter König Idris I., Jurist ist. „Anfang der 70er Jahre habe ich den damals jungen Herrscher mehrfach getroffen und war mit ihm lange im Süden der libyschen Sahara unterwegs.“

Mit den Jahren sei Gaddafi jedoch von Geld, Macht und der Paranoia, beides zu verlieren, aufgefressen worden. Als Anwalt kann Banoun die Verdunkelung der Todesumstände nicht gut heißen. „Aber ich habe mir eine Entschuldigung zurecht gelegt“, fügt der 72-Jährige an. „Nach 42 Jahren Terror kann man das Verhalten der jungen Kämpfer, die Gaddafi gefangen nahmen, verstehen.“

Rat erklärt das Ende des Krieges

Alle, so scheint es fast, wollen Gaddafis Libyen schnell vergessen, um ein neues Land aufzubauen. Allen voran der Übergangsrat. In Bengasi, wo am 17. Februar der Aufstand gegen das Regime begonnen hatte, feierten die Libyer am Sonntag offiziell den „Tag der Befreiung“. Der Rat erklärte das Ende des Kriegs und den Beginn einer neuen, demokratischen Ära in Libyen.

„Nun wird es zuerst eine neue Übergangsregierung innerhalb von 30 Tagen geben“, sagt Anwalt Banoun. „Danach haben wir acht Monate Zeit, um politische Parteien für die Wahlen aufzubauen.“ Der glattrasierte, ältere Herr mit Krawatte lächelt in seinem großräumigen Büro in der alten Medina zufrieden. „Das sind die ersten Schritte zur Demokratie, allerdings steht leider noch nichts definitiv fest.“

Seiner Einschätzung nach könne es innerhalb des Übergangsrates zu einem Machtkampf kommen. Die ideologischen Differenzen zwischen sozialistischen, liberalen, salafistischen und normalen muslimische Gruppen seien eklatant. „Sie arbeiten in erster Linie nicht für die Interessen des Landes, sondern für ihre eigenen.“

Dschibril tritt als Premier zurück

Liberale und Sozialisten innerhalb des Rates dürften keine große Probleme haben, eine neue Übergangsregierung zu bilden. Die Frage ist nur, wie sie mit den Islamisten auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Am Wochenende trat Mahmud Dschibril als Premierminister zurück – angeblich auf Druck von Ismael Sallabi, eines bekannten islamischen Gelehrten und Fundamentalisten der Muslimbruderschaft. Sallabi unterhält, ebenso wie seine beiden Brüder, eine eigene Miliz.

Große Hoffnungen auf die Nachfolge Dschibrils macht sich sein Stellvertreter, Ali Tarhouni, der im Namen des Übergangsrates die Leiche Gaddafis in Sirte identifizierte. Tarhouni lebte seit 1973 in den USA im Exil und war 1980 Mitbegründer einer damals marxistisch ausgerichteten Oppositionsgruppe, die sich „Nationale Demokratische Front“ nannte. Ob sich die Islamisten erneut auf einen säkularen Premierminister einlassen, ist fraglich. Zumal auch Abdel Hakim Belhadsch Premierminister werden will. Er leitet den Militärrat von Tripolis und ist der ehemalige Emir der Libyschen Islamistischen Kampffront (LIFG), die einige Jahre zu al-Qaida im Maghreb (AQIM) gehörte.

Die Libyer aber feierten in Bengasi, Tripolis, im ganzen Land ausgelassen den „Tag der Befreiung“. Politische Ränkespiele sind vorerst noch kein Thema. Es ist erst am vergangenen Donnerstag ein blutiger, acht Monate langer Bürgerkrieg zu Ende gegangen.