Nach Thronfolger-Tod

Saudi-Arabien sucht einen neuen Kronprinzen

König Abdullah trauert um seinen Bruder und Thronfolger Sultan. Der konservative Prinz Naif gilt nun als Favorit – er könnte die wenigen Rechte der Frauen wieder beschneiden.

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Wenn das saudi-arabische Fernsehen sein Programm unterbricht und plötzlich Sequenzen von der Großen Moschee in Mekka über die Bildschirme flimmern, untermalt mit Koranversen im Singsang des Muezzin, dann ist entweder die Zeit des Fastenbrechens im Monat Ramadan angebrochen oder etwas Furchtbares passiert.

Der islamische Fastenmonat endete am 29. August. Es war also etwas geschehen, das schwerwiegende Konsequenzen für das Königreich haben würde: Am Wochenende starb der saudische Thronfolger Sultan Bin Abdul-Aziz al-Saud im Presbyterianer-Krankenhaus in New York nach langer Krankheit im Alter von 83 Jahren. Er hinterlässt mehrere Frauen und 32 Kinder, darunter seinen Sohn Bandar, den früheren Botschafter in den USA, der den Nationalen Sicherheitsrat Saudi-Arabiens leitet. Westlichen Diplomaten zufolge soll Sultan bereits seit mehr als einem Monat klinisch tot gewesen sein.

„Mit großer Trauer und tiefem Schmerz gibt der Hüter der beiden heiligen Moscheen (in Mekka und Medina, d. Red.), König Abdullah, den Tod seines Bruders und Kronprinzen bekannt, der im Ausland nach einer Krankheit verstorben ist“, hieß es in einer kurzen Nachricht der staatlichen Presseagentur, die ein junger Fernsehmoderator pflichtschuldig und mit starrem Gesichtsausdruck verlas. Die Trauerfeier für Sultan soll nach Mitteilung des Palastes am Dienstag in Riad stattfinden.

Er stand für eine enge Bindung an den Westen

Der Tod des offenbar seit Langem an Demenz und Darmkrebs leidenden Kronprinzen kam nicht überraschend. Bereits eine von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte US-Depesche aus dem März 2009 bescheinigte dem Kronprinzen, „in jeder Hinsicht arbeitsunfähig“ zu sein.

Die Trauer über seinen Tod aber dürfte ehrlich gemeint sein – nicht nur innerhalb des royalen Establishments. Sultan stand als Verteidigungsminister, ein Amt, das er 41 Jahre lang ausgeübt hat, für eine enge strategische Bindung Saudi-Arabiens an den Westen.

Er sei ein wichtiger und einflussreicher Prinz gewesen, der eine wesentliche Rolle in den Beziehungen zu den anderen Staaten des Golf-Kooperationsrates gespielt habe, gab der bekannte Kolumnist Hussein Shobokshi im arabischen Sender al-Dschasira zu Protokoll. Besonders stark sei sein Engagement in Bezug auf das zerrissene und von Bürgerkrieg geplagte Armenhaus der Arabischen Halbinsel gewesen: Jemen. „Er suchte immer nach Stabilität und war fast versessen darauf, dort ein ruhiges politisches Klima zu schaffen, um das Königreich nicht zu belasten.“

Familienrat wird erstmals tagen

Anders als in europäischen Königshäusern geht die Krone nicht direkt vom König auf dessen ältesten Sohn über, sondern wird im Konsens unter allen Söhnen des 1953 verstorbenen Landesgründers König Abdul-Aziz Bin Saud ausgehandelt. Bislang residierten fünf seiner Söhne in Riads Königspalast: Saud, Faisal, Khaled, Fahd und nun Abdullah.

Prinz Sultan war der siebte der 36 Söhne des Dynastie-Urvaters, der das Reich 1932 vereinte und gründete. Rund 20 von ihnen sind noch am Leben, wenige gelten als realistische Kandidaten für eine Thronfolge. Sultan gehörte ebenso wie der 2005 verstorbene König Fahd zu den „Sudairi-Sieben“, das ist die mächtige Allianz von sieben Söhnen, die aus der Verbindung von Abdul-Aziz mit einer seiner 22 Frauen hervorgegangen sind: Prinzessin Hissa al-Sudairi.

König Abdullah, selbst schon 87 Jahre alt, kränkelnd und gerade an der Wirbelsäule operiert, muss nun also einen neuen Kronprinzen finden. Bislang wurde der hinter verschlossenen Türen zwischen dem König und mächtigen Prinzen ausgehandelt. Abdullah rief jedoch 2006 einen Familienrat ins Leben, der aus den noch lebenden Söhnen und einigen Enkeln des Staatsgründers besteht. Er wird nun wohl erstmals tagen und im Namen der Stabilität mehr Transparenz in die Thronfolge bringen.

Favorit ist Prinz Naif

Egal ob Rat oder Königsentscheid: Der Favorit für die Thronfolge ist Prinz Naif, der einflussreiche Innenminister und ebenfalls einer der „Sudairi-Sieben“. Ihn hatte König Abdullah nach Sultans Erkrankung 2009 zum zweiten Vizepremier ernannt, ein Amt, das auch der amtierende Monarch innehatte, bevor er zum Kronprinzen ernannt wurde.

Obwohl Naif mit 78 Jahren jünger als der König ist, gilt er als deutlich konservativer und sympathisiert mit der in Saudi-Arabien dominierenden puritanischen Interpretation des sunnitischen Islam, dem Wahhabismus. Mehrfach hatte Naif Abdullahs moderate Reformanstrengungen kritisiert, erklärte gar, er sähe keine Notwendigkeit darin, dass Frauen wählen gingen oder sich an der Politik beteiligten. Insofern könnte Naif, sollte er einmal den saudischen Thron besteigen, die Zusage seines Vorgängers aufheben, dass Frauen bei den Kommunalwahlen 2015 wählen dürfen.

Khaled al-Maeena, Chefredakteur der saudischen Zeitung „Arab News“, empfiehlt dem noch zu bestimmenden Kronprinzen vorsichtig, er müsse als Thronerbe Abdullahs mit „neuen Gesichtern“ und einem sich wandelnden Königreich rechnen: „Ob arabischer Frühling oder arabischer Winter – in unserem Land wächst eine neue Wählerschaft heran. Mit anderen Wünschen und anderen Zielen.“