Er wohnt in einer Wiener Mietshaussiedlung, verschläft Termine beim Arbeitsamt, schimpft kleinlaut auf Ausländer – "Tschuschen", wie Österreicher verächtlich sagen. Die halbstündige Milieustudie "Am rechten Rand" begleitet Philipp, einen kahlgeschorenen Jugendlichen, der es genießt, vor laufender Kamera im Mittelpunkt zu stehen. Die Reportage zeigt ihn als Verlierer, als schüchternen Jungen, der im Leben bisher nichts erreicht hat, aber auch nie große Anstrengungen unternommen hat, diesen Zustand zu ändern. Sein Skinhead-Look ist Protest. Der Zuschauer bekommt eine Vorstellung davon, was junge Menschen wie Philipp in erster Linie überhaupt zu mit rechten Parolen um sich werfenden "Skinheads" werden lässt: ihre Angst, alleingelassen zu werden von der Gesellschaft.
Doch dieser Aspekt spielt derzeit in der hitzigen öffentlichen Diskussion um den Film in Österreich gar keine Rolle. Die Sendung ist aus ganz anderen Gründen zum Politikum geworden. Denn der Reporter wird vom Chef der Freiheitlichen Partei (FPÖ), Heinz Christian Strache, der Verschwörung bezichtigt. So soll der Journalist versucht haben, Strache vor laufender Kamera als Skinhead-Sympathisanten bloßzustellen.
Der Vorwurf stützt sich auf ein Vorkommnis während des Drehs der Reportage. Reporter Eduard Moschitz, sein Hauptdarsteller Philipp und dessen Kumpel Kevin fahren zu einer politischen Kundgebung der FPÖ. Dort mischen sie sich unter die Autogrammjäger und versuchen, an den Parteivorsitzenden Strache heranzukommen. Der 40-Jährige ist das enfant terrible der österreichischen Politik. Noch zu Lebzeiten Jörg Haiders übernahm er die Regentschaft am politisch rechten Rand. Von vielen Burschenschaftern gefeiert, verfolgt er eine national-konservative Politik – Plakatkampagnen wie „Wien darf nicht Istanbul werden“, „Daham statt Islam“, und „Sichere Pensionen statt Asyl-Millionen“ gehen auf sein Konto.
Vor laufender Kamera dreht sich Strache plötzlich zu dem Reporter und behauptet, dieser habe seine beiden Protagonisten, die Skinheads Philipp und Kevin, dazu aufgefordert, "Sieg Heil" zu rufen – und ihn dadurch und die Anwesenheit von „Nazi-Statisten“ öffentlich zu diskreditieren. Straches Pressereferentin, im Schlepptau des Politikers, nickt eilfertig und sagt, sie habe "es" auch gehört. Reporter Moschitz bestreitet den Vorwurf.
Seit der Ausstrahlung der Reportage redet nun ganz Österreich über diese Filmsequenz. Wer lügt? Politiker oder Reporter?
Mittlerweile behauptet Strache, der Fernsehsender habe die Tonspur des Rohfilmmaterials nachträglich manipuliert, um die Nazi-Parolen der beiden Skinheads herauszufiltern und ihn Lügen zu strafen.
Debatte um moralische Maßstäbe für Journalisten
Im Kern geht es um die Frage, welche moralischen Maßstäbe für einen öffentlich-rechtlichen Sender wie den ORF gelten, ob der Sender seine Protagonisten für eine Reportage auf eine politische Wahlveranstaltung karren darf – nur aus Gründen der Inszenierung, um der medienwirksamen Bilder und der politischen Botschaft Willen.
Während sein Kumpel Kevin behauptet, nie aus eigenem Antrieb zu dieser Veranstaltung gegangen zu sein, erzählt Protagonist Philipp im Interview mit der Tageszeitung "Kurier", er hätte sie womöglich auch ohne Begleitung des Fernsehteams besucht.
Es sind gerade die widersprüchlichen Aussagen, die zur Komplexität der Diskussion beitragen. Inzwischen scheint kaum noch jemand in der Lage, die einzelnen Statements der Beteiligten korrekt wiederzugeben und voneinander zu trennen. Der gewiefte Politiker Strache weiß das für sich zu nutzen. So spinnt er sich seinen eigenen großen Medienskandal und nutzt wie eh und je die politische Bühne für seinen Auftritt als Österreichs Streiter für Gerechtigkeit und Ordnung.
Strache kommt dabei auch zugute, dass sich der ORF weigert, das gesamte Drehmaterial an die Staatsanwaltschaft zu überstellen. Dabei geht es laut Angaben des Senders allerdings nicht um mangelnde Einsicht. Man sehe das Redaktionsgeheimnis akut gefährdet, begründet ORF-Chef Alexander Wrabetz seine Entscheidung.
Polizei soll Zeugen unter druck gesetzt haben
Eine besondere Note bekam die Debatte, als die beiden Skinheads Philipp und Kevin in Zeitungsinterviews verlauten ließen, sie seien von der Polizei solange vernommen worden, bis sie den ORF-Reporter belastet – und somit Politiker Strache entlastet hätten: "Ich habe den beiden Polizisten vierzig Mal erklärt, dass es nicht so war“, sagte Kevin. „Vier Stunden haben die mich einvernommen! Schließlich haben sie mir und Philipps Freundin mit U-Haft gedroht. Wir können das Spiel gern weiterspielen, haben sie gemeint, aber wenn ihr nicht kooperiert, dann werdet's euch anschauen. Also hab' ich halt gesagt, was sie hören wollten."
Die Grünen im österreichischen Nationalrat haben die polizeilichen Ermittler jetzt angezeigt – wegen Amtsmissbrauch und Nötigung. Manche Kritiker vermuten eine Unterwanderung der österreichischen Polizei durch die FPÖ.
Sender bezahlte seine Protagonisten
Trotz Entlastung in einigen Punkten wird der Österreichische Rundfunk sich nicht ohne Schrammen aus der Affäre ziehen können. Zu Beginn der Diskussion wurde kommuniziert, man habe den Protagonisten der Reportage jeweils einmalig 100 Euro zur Abgeltung der Persönlichkeitsrechte gezahlt.
Mittlerweile ist heraus, dass diese Summe wohl pro Drehtag den Besitzer wechselte – und zwar bar auf die Hand. Ungeklärt bleibt, ob Redakteur Eduard Moschitz den Hauptdarstellern den finanziellen Aufschlag aus eigener Tasche zahlte, um sie bei der Stange zu halten. Nicht nur Moralisten stellen jetzt die Frage: Was darf Journalismus? Wann wird Realität zur Inszenierung?
Strache leistet sich peinlichen Patzer
FPÖ-Politiker Strache sieht sich darin bestätigt, dass der ORF eine Schmierenkampagne gegen ihn und seine Partei fährt. Allerdings unterlief ihm ein peinlicher Patzer, der vielleicht auch vor Gericht Verwendung finden könnte: In der renommierten Talksendung "Club 2" wurde Strache gefragt, welche Nazi-Parole er während der Parteikundgebung gehört haben will. Der Ausdruck "Heil Hitler" sei gefallen, so Strache. Zuvor hatte er noch behauptet, die Worte seien "Sieg Heil" gewesen. Phonetisch unverwechselbar, wurde sogleich von einem weiteren Gast der Talkshow festgestellt.
Strache steht einmal mehr Mittelpunkt des politischen Geschehens. ORF-Chef Wrabetz hat eine „Arbeitsgruppe zur Qualitätssicherung“ eingerichtet, und im Sender tagt ein Sonderpublikumsrat zum Thema. Eine ausgiebige, ehrliche Diskussion über das eigentliche Reportagethema ist hingegen nicht geplant.





