Gefahr durch Islamisten

Wie irakische Christen um das Überleben kämpfen

Die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen im Irak sind spannungsgeladen und verschlechtern sich weiter. Das war vor dem Einmarsch der USA anders.

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Mindestens 60 Tote bei Anschlägen

Video: Reuters
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Die Kamera läuft, Erzbischof Louis Sako von Kirkuk lächelt und gibt sich optimistisch: „Wir haben gute Beziehungen zu den muslimischen Politikern und Imamen im Irak. Alle sagen uns: ‚Wir brauchen euch Christen!‘ Wir sind die ausgleichende Kraft, die dieses Land erneuern kann!“

Fröhlich erzählt er von seinem Freund, dem Imam der benachbarten Moschee. Wie dieser zu Ostern zum Gottesdienst in die Kathedrale kommt und wie er beim Gegenbesuch zum Fastenbrechen in der Moschee freundlich empfangen wird.

Dann gehen die Lichter aus, die Objektivdeckel werden auf die Kameras geschraubt, die Journalisten verabschieden sich, und die Welt ist eine andere. „Wir sind eine verfolgte Kirche – und die Verfolger sind die Islamisten!“

Die feine Stimme des irakischen Gottesmannes klingt resigniert. „Diese Fundamentalisten versuchen, einen Schariastaat zu errichten. Nicht nur im Irak, sondern im ganzen Nahen Osten.“ Und sein Freund, der Imam? „Der kann sich selbst kaum gegen die Fanatiker wehren.“

Wer sich mit Christen solidarisiert, hat einen schweren Stand

Im islamischen Denken sind Religion und Politik oft untrennbar miteinander verbunden und ein unpolitischer Imam, der sich mit Christen solidarisiert, hat einen schweren Stand. Das Problem, erklärt Sako, seien nicht die Muslime, sondern die gewaltzentrierte Interpretation der islamischen Lehre.

„Trotz aller Gewalt ist aus meiner Diözese bisher kein einziger Christ konvertiert“, sagt Erzbischof Sako stolz. „Im Gegenteil, viele Muslime kommen zu mir und wollen sich taufen lassen, aber das ist mir verboten!“ Glaubensabfall ist nach strenger Auslegung des Korans ein todeswürdiges Vergehen.

Gibt es unter diesen Umständen einen echten Dialog mit dem Islam? Erzbischof Sako lacht. Aber es klingt nicht fröhlich. „Wenn ich das Christentum verlasse, würde mich niemand verfolgen und mir den Kopf abschlagen. Das ist der Unterschied zum Islam.“

Jussif G. ist Bürgermeister eines der vielen Dörfer in der Ninive-Ebene, in die die Christen der Millionenstadt Mossul geflohen sind. Hinter drei Meter hohen Betonmauern und mit bewaffneten Söldnern als Wachen sind die Christen nun ganz unter sich. Hier wagt Jussif es, offen über sein Verhältnis zu den Muslimen zu sprechen. „Früher waren wir alle einfach nur Iraker. Ich hatte muslimische Nachbarn, mit denen ich mich wunderbar verstanden habe.“

Der Einmarsch der Amerikaner hat alles verändert

Durch den Einmarsch der Amerikaner habe sich alles verändert. Die Sicherheit brach zusammen, und in das Vakuum drängten radikal-islamische Gruppen, die das Land ins Chaos stürzten. „Seitdem wird in den Moscheen nur noch Intoleranz gepredigt, und die politischen Islamisten bezahlen Verbrecher dafür, dass sie Jagd auf Christen machen“, sagt Jussif. Unter diesen Umständen blieb den meisten Christen nur die Flucht ins Ausland oder nach Irakisch-Kurdistan, wo die kurdische Miliz und Söldner für Sicherheit sorgen.

Doch die Islamisten geben nicht auf. „Eines Nachts kamen Männer über die Mauer und begannen, am Stadtrand eine Moschee zu bauen, obwohl hier gar keine Muslime wohnen“, erzählt Jussif. „Natürlich haben wir den Bau gestoppt und sofort wieder abgerissen.“

Wäre auch nur eine notdürftige Moschee im Dorf errichtet worden, hätten die Terroristen das Dorf sofort zum „Schariagebiet“ erklärt und die Christen Schritt für Schritt vertrieben. So sei es bereits in vielen anderen Siedlungen geschehen. „Wir sind nur sicher vor den Muslimen, wenn wir ihnen zeigen, dass wir die Kontrolle haben“, sagt Jussif und zeigt auf seine Kalaschnikow.

Ganz anders ist Erbil, die Hauptstadt Irakisch-Kurdistans: eine aufstrebende Metropole, in der auch Kirchen gebaut werden. Politisch ist die Region stabil, und auf den ersten Blick herrscht ein geschäftiges Miteinander. Auch zwischen den Religionen? „Die muslimischen Führer werden Ihnen alles erzählen, was Sie hören wollen. Aber ihre Worte bedeuten uns nichts, denn die Wirklichkeit sieht anders aus.“

Muslime dürfen nicht für Christen arbeiten

Erzbischof Baschar Wardas Worte sind ernüchternd, doch scheinen hier wenigstens alle friedlich nebeneinander zu leben. Doch nur nebeneinander zu existieren ist ein zu geringer Grundkonsens für den interreligiösen Dialog, meint Warda. „Wenn ich einen Kindergarten bauen will, finde ich kaum Arbeiter. Die Imame verbieten ihren Gläubigen, auf einer christlichen Baustelle zu arbeiten, selbst, wenn es sich um soziale Projekte handelt.“

In Erbil sind die Christen unter sich, denn die kurdische Autonomieregierung hat ihnen ausschließlich im Vorort Ankawa Baugrund zugewiesen. Von „religiösen Mischgebieten“ hält man in Kurdistan wenig.

Im chaldäisch-katholischen Priesterseminar in Ankawa bildet die Kirche ihre Führungskräfte aus. Die Seminaristen folgen einer lebensgefährlichen Berufung, viele werden später Pfarrer in Städten wie Bagdad oder Mossul, wo Anschläge und Entführungen immer noch an der Tagesordnung sind.

Andere werden in den sicheren, aber trostlosen Dörfern der kurdischen Bergregion Pfarreien betreuen. Überall wird die Nachbarschaft mit Muslimen den Alltag prägen. Ist interreligiöser Dialog ein Thema im Seminar? In der Theorie ja. „Aber bei allem Respekt vor Rom: den praktischen Dialog mit dem Islam gibt es im Irak nicht“, sagt Rektor Fadi Lion.

Er wurde noch im Priesterseminar in Bagdad ausgebildet, bevor dieses nach Ankawa ziehen musste. „Eines Tages bekam ich einen Anruf und erfuhr, dass mein Rektor entführt worden war.“ Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht. Das Seminar zog in die kurdische Provinz.

"Die Imame hören uns nicht zu"

In Ankawa lädt Rektor Lion auch muslimische Geistliche ins Seminar ein. Doch vom Ergebnis ist er nicht überzeugt. „Die Imame kommen, predigen und gehen dann wieder, aber sie hören uns nicht zu.“ Den irakischen Muslimen fehle eine historisch-kritische Betrachtung des Korans. „Sie versuchen nicht einmal, die brutalen Verse im Koran mithilfe ihrer Vernunft als zeitbedingt zu deuten“, erklärt Lion.

Dennoch hat der Erzbischof noch Hoffnung, denn viele reiche muslimische Familien schicken ihre Kinder in christliche Kindergärten und Grundschulen. „Darüber freuen wir uns natürlich sehr“, sagt Erzbischof Sako, „aber wir stellen auch fest, dass diese Muslime eine säkulare Minderheit sind.“

Ist das Zusammenleben im Irak also nur mit modernen Muslimen möglich, die ihren Glauben nicht mehr ernst nehmen? Sako verneint. Auch mit gläubigen Muslimen sei ein Miteinander möglich, aber dazu brauche es eine andere Gesellschaft.

„Die Muslime müssen uns Christen wieder kennenlernen. Früher waren wir Nachbarn, doch heute kennen uns die meisten nur noch vom Hörensagen und durch die Horrorgeschichten ihrer Imame.“ Darum sei es wichtig, dass Muslime christliche Kindergärten und Schulen besuchen. „Wenn sie uns kennen, hassen sie uns nicht!“, sagt Sako.

Der Autor ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit von „Kirche in Not“.