Friedensnobelpreis-Verleihung

"Ich habe mit der Waffe meiner Frau gekämpft"

| Lesedauer: 10 Minuten
Gerhard Gnauck

Foto: picture alliance / dpa / dpa

China will den Dissidenten Liu Xiaobo nicht zur Nobelpreisfeier ausreisen lassen. Lech Walesa, Preisträger von 1983, weiß, wie das ist.

Morgenpost Online: Herr Walesa, wie war die Situation im Jahr 1983 für Sie?

Lech Walesa: Ich habe aus jeder denkbaren Position heraus den Kommunismus bekämpft. Damals hatte ich die Vermutung, wenn ich zur Preisverleihung nach Oslo führe, würden sie mich nicht wieder ins Land lassen. Deshalb habe ich meine Frau hinausgelassen. Ich habe mit der Waffe meiner Frau gekämpft. Sie war Mutter mehrerer Kinder, sie würde man eher wieder einreisen lassen. So habe ich den Kommunisten auf diese Weise das Leben schwer gemacht. Und es ist gelungen.

Morgenpost Online: Sie haben angeboten, den Preis für Liu Xiaobo entgegenzunehmen.

Lech Walesa: Ja, ich wollte auf einem Treffen der Friedensnobelpreisträger in Japan vorschlagen, dass Gorbatschow, de Klerk und ich in Oslo den Preis entgegennehmen. Aber, verdammt noch mal, dann bin ich krank geworden und Gorbatschow auch. Dann hat jemand von dieser Idee erfahren und mich gefragt. Da konnte ich nicht lügen. So ist diese Idee an die Öffentlichkeit gelangt. Wir konnten nicht nach Japan fahren, und die Idee ist jetzt sozusagen verbrannt.

Morgenpost Online: Wie haben sie 1983 die Preisverleihung erlebt?

Lech Walesa: Ich saß bei Pfarrer Jankowski (Walesas damaliger Beichtvater, d. Red.), in der Brigittenkirche in Danzig, und wir haben die Übertragung der Zeremonie gemeinsam angehört. Natürlich im Radio, denn das polnische Fernsehen dachte nicht daran, sie zu übertragen.

Morgenpost Online: Die polnische Staatssicherheit hat, wie wir heute wissen, versucht, Sie mit gefälschten Dokumenten beim Nobelkomitee zu diskreditieren, zeitweise wohl mit Erfolg. Was hat Ihnen der Preis damals gegeben?

Lech Walesa: Damals hatte Polen die Verhängung des Kriegsrechts hinter sich. Viele Menschen wurden ins Ausland vertrieben, und die Opposition war in Atemnot. Wir waren sehr erschöpft. Der Nobelpreis war wie frischer Wind in unsere Segel. Das war eine Anerkennung für unseren bisherigen Kampf und Ermunterung zu weiterem Kampf. Ohne den Nobelpreis – ich weiß nicht, wie die Sache weitergegangen wäre. Sowohl für Polen als auch für mich persönlich. Mich selbst hat dieser Preis unsterblich gemacht: Elektriker gibt es viele, aber nur einer hat diesen Preis. Elektriker und Nobelpreisträger, das klingt doch etwas anders. Das erleichtert mir manches bis heute.

Morgenpost Online: Welche ausländischen Gewerkschafter haben Ihrer Solidarnosc in den 80er-Jahren am meisten geholfen?

Lech Walesa: In dieser Reihenfolge: die französischen, die italienischen, die amerikanischen, die deutschen.

Morgenpost Online: Hatte der DGB gewisse Hemmungen?

Lech Walesa: Die Deutschen sind vorsichtig. Sie haben weder zu viel noch zu wenig geholfen. Schließlich haben die Sowjets sie beobachtet. Wer weiß, wie die Sowjets reagiert hätten, wenn die Hilfe größer gewesen wäre. In anderen Worten, die Hilfe der Deutschen war ideal dosiert.

Morgenpost Online: Sie waren 1983 in einer besseren Position als Liu Xiaobo. Sie waren damals nach einem Jahr Haft bereits wieder frei, er sitzt im Gefängnis.

Lech Walesa: Ob seine Lage besser oder schlechter ist – schwer zu sagen. Wenn man im Gefängnis ist, fällt alles von einem ab, man kämpft nur dadurch, dass man sitzt. Wenn man in Freiheit ist, aber beschränkte Möglichkeiten hat, ist es schwieriger: Die ganze Welt schaut und wartet, dass man etwas tut, aber zugleich sind einem die Hände gebunden.

Morgenpost Online: Sie haben damals in Ihrer Nobelpreisrede gesagt, Sie bedrohten niemanden. Aber Diktatoren fühlen sich stets bedroht.

Lech Walesa: Kämpfende Aktivisten dieser Art verhalten sich wie Trainer, vor allem beim Gewichtheben. Sie legen nie zu viel Gewicht auf, um den Sportler nicht zu entmutigen. Aber wenn sie sehen, dass er mehr schafft, legen sie mehr auf. So habe auch ich es gemacht: mal neue Gewichte auflegen, mal miteinander reden. Und der Erfolg war am Ende da.

Morgenpost Online: Was raten Sie den Bürgerrechtlern in China?

Lech Walesa: Ich rate, ähnlich vorzugehen. Aber das muss man vor Ort beurteilen: Wie viel Gewicht kann man auflegen, wen muss man als seinen Vertreter auswählen und so weiter.

Morgenpost Online: Sie wurden beschattet, dennoch ist es Ihnen gelungen, mit den Solidarnosc-Führern im Untergrund auf den Nobelpreis anzustoßen?…

Lech Walesa: Ja, aber mit der Zeit wurde es immer schwieriger, den Verfolgern zu entkommen. Die Geheimpolizei hatte in unserer Wohnung von oben, vom Nachbarn her, die Decke an mehreren Stellen durchbohrt und winzige Kameras installiert, was ich nicht wusste. Jede meiner Bewegungen wurde überwacht. Wenn ich nur aufstand, um das Haus zu verlassen, waren sie sofort an der Tür. Später, als ich Präsident war, konnte ich diese Kameras anschauen. Sie waren so klein wie Stecknadelköpfe.

Morgenpost Online: Wohin geht China? Wird das System auch so aufgeweicht werden wie damals in Polen?

Lech Walesa: Selbstverständlich. Dieses System kann nicht funktionieren. Der Kommunismus als System war in keinem Land der Welt erfolgreich, auch in China nicht. Die Chinesen sind ja auch schon ziemlich weit davon abgekommen. Der Kommunismus besteht aus zwei Elementen – dem wirtschaftlichen und dem politischen. Einparteienherrschaft und Staatswirtschaft. Die Wirtschaft haben sie etwas gelockert. Aber Polen ist klein wie ein Mercedes, der kann schnell fahren, 200 Stundenkilometer. China ist ein schwerer Lastwagen mit drei Anhängern, der kann das nicht.

Morgenpost Online: Kann Chinas Modell Erfolg haben?

Lech Walesa: Wenn die Menschen zu Ökonomen, zu Kapitalisten werden, werden sie auch Einfluss auf die Regierung haben wollen. Also werden sie, wenn auch auf längeren Umwegen, zum selben Ziel kommen.

Morgenpost Online: Vor 40 Jahren hat Willy Brandt in Warschau gekniet. Erinnern Sie sich an diesen Tag?

Lech Walesa: Das war eine Evolution. Die Kommunisten waren ja am Anfang ziemliche Banditen, aber sie hatten begonnen, sich zu zivilisieren. Sie sahen, dass sie auf der Verliererstraße sind. Das Verhalten eines Mannes wie Brandt hat die Sache auch vorangebracht: Es gab Kontakte, Gespräche, Zusammenarbeit. Das alles hat uns dem heutigen Zustand näher gebracht, in dem wir die Grenzen in Europa beseitigen. (Walesa strahlt)

Morgenpost Online: Moment mal, nicht so schnell. Wie haben Sie also den Besuch Brandts in Erinnerung behalten?

Lech Walesa: Natürlich haben dieser Kniefall und das alles eine Rolle gespielt. Wir waren ja damals Todfeinde, aber Brandts Besuch war eine Lockerung, wir waren uns danach weniger feindlich gesinnt. Es wurde damals nicht darüber diskutiert, es gab keine freie Presse, aber im kleinen Kreis hat man schon darüber gesprochen.

Morgenpost Online: Ihr Vater war in einem deutschen KZ und ist kurz nach seiner Entlassung, völlig entkräftet, gestorben. Was bedeutete Brandts Besuch für Sie in diesem Kontext?

Lech Walesa: Man muss die Epoche begreifen. Die damalige Zeit war die Epoche des Bodens. Die Bedürfnisse waren gering. Essen, Schlafen, ein Dach über dem Kopf. Damals kämpften wir um den Boden: um einen Weg, ein Stück Land. Jetzt haben wir die Epoche des Intellekts, der Information, der Globalisierung. In der Zwischenzeit sind wir zu Händlern geworden. Heute bekommt man mehr für seinen Intellekt als für schwere Arbeit. Damals konnte man sich noch bekriegen, aber gegen Händler führt man nicht Krieg, da bekommt man keinen Mercedes dafür.

Morgenpost Online: Ihre Gefühle gegenüber den Deutschen?

Lech Walesa: So waren eben die Zeiten. Die Zeiten waren fatal, und sie haben uns gegeneinandergestellt. Aber heute haben wir die Chance, Polens Mittellage aus einem Fluch in Segen zu verwandeln.

Morgenpost Online: Nochmals zu Brandt: Die polnischen Medien haben damals die Bilder so abgeschnitten, dass man nicht sah, dass er kniete?…

Lech Walesa: Das System brauchte einen Feind. Solange es keine andere Erlaubnis aus Moskau gab, hat man sich in Polen an das sowjetische Konzept gehalten: Ohne einen Feind kann man nicht regieren.

Morgenpost Online: Volker Schlöndorff hat kürzlich den Film „Strajk“ gedreht – über den Streik in Danzig, aus dem die Gewerkschaft Solidarnosc entsteht.

Lech Walesa: Ich habe ihn gesehen. Schlöndorff wollte nicht so sehr ins Politische gehen, das System, den Krieg und so weiter behandeln. Er blieb beim Ökonomischen. Eben das Klassische: schmutzige Arbeiter, die selber nicht wissen, worum sie kämpfen. Der Film ist aber nicht schlecht.

Morgenpost Online: Auch die historische Figur Walesa spielt in dem Film eine wichtige Rolle. Fühlen Sie sich gerecht behandelt?

Lech Walesa: Nicht so richtig. Wir waren nicht dermaßen schmutzig und verschmiert. Das war ein niedriges Niveau damals, ja, aber nicht so niedrig wie im Film. Und wir waren intellektuell stärker.

Morgenpost Online: Herr Walesa, als Sie in Berlin waren zum Jubiläum des Mauerfalls, hat ein Kamerawagen Sie angefahren. Danach ging es Ihnen gesundheitlich schlecht. Und jetzt?

Lech Walesa: Das ist vorbei, machen Sie sich keine Sorgen.

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