Frankreich

Sozialisten fürchten DSK-Gespenst im Wahlkampf

Es ist das vorläufige Ende einer fast hollywoodreifen Story: Dominique Strauss-Kahn kommt frei. Für seine Partei käme seine Rückkehr jedoch ungelegen.

Die Fernsehbilder, die einen unrasierten, düster blickenden Dominique Strauss-Kahn zeigten, während er in Handschellen aus einem Polizeirevier in Harlem geführt wird, könnten in Kürze überblendet werden von Aufnahmen eines lächelnden Mannes, der gut gelaunt eine Air-France-Maschine Richtung Paris besteigt. Nach 102 Tagen Ermittlungen hat die New Yorker Staatsanwaltschaft, wie erwartet, der Klägerin Nafissatou Diallo in einem kaum 60 Sekunden dauernden Gespräch eröffnet, dass sie dem zuständigen Richter die Einstellung des Verfahrens empfehlen wird.

Das Gericht folgte der Empfehlung. Es wird keine Anklage gegen Strauss-Kahn wegen sexueller Aggression und Freiheitsberaubung erheben.

In einem 25-seitigen Dossier erläutert Staatsanwalt Cyrus Vance jr., die Ermittlungsergebnisse ließen es nicht zu, „jenseits aller vernünftigen Zweifel“ zu beweisen, dass der Beschuldigte am 14.Mai Gewalt angewandt habe, um das Zimmermädchen in der Suite 2806 des New Yorker Hotels „Sofitel“ gegen deren Willen zu einem sexuellen Akt zu zwingen.

Diallo habe wiederholt die Unwahrheit gesagt

Zwar sei medizinisch nachweisbar, dass es zwischen dem 63 Jahre alten damaligen Direktor des IWF und dem 33 Jahre alten, aus Guinea stammenden Zimmermädchen zu einer „eiligen sexuellen Begegnung“ gekommen sei. Für die Anwendung von Gewalt und die fehlende Einwilligung gäbe es jedoch keine Beweise. Man habe keine DNA-Spuren eines der Beteiligten unter den Fingernägeln des anderen gefunden.

Eine Anklage hätte daher allein auf der Aussage von Nafissatou Diallo beruht. Im Laufe der Ermittlungen, so schreibt der Staatsanwalt, habe Frau Diallo jedoch „wiederholt, und gelegentlich unerklärlicherweise die Unwahrheit gesagt, während sie Dinge von geringer, aber auch von großer Wichtigkeit für den Fall beschrieb“. Da die Staatsanwaltschaft das mutmaßliche Opfer für nicht mehr glaubwürdig hält, sei es ihr unmöglich, eine Geschworenenjury zu bewegen, Frau Diallo zu glauben.

Der Anwalt von Nafissatou Diallo, Kenneth P. Thompson, äußerte sich nach dem Treffen mit den Vertretern der Staatsanwaltschaft erbost und enttäuscht. Die Entscheidung sei ein hinterhältiger Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Frau Diallo, so Thompson.

Zivilprozess steht noch aus

Ob sich Dominique Strauss-Kahn nach seiner Freilassung größere Luftsprünge gestatten sollte, ist allerdings zweifelhaft. Zum einen droht ihm in den USA weiterhin ein Zivilprozess inklusive einer Forderung nach Schmerzensgeld und Strafzahlungen. Eine entsprechende Klage hat Diallos Anwalt Thompson vor zwei Wochen bei einem Gericht in der Bronx eingereicht. Eine Zivilklage läuft in den USA unabhängig von einem Strafprozess.

Im Zivilprozess ist es nicht nötig, die Schuld des Angeklagten „jenseits aller Zweifel“ zu beweisen. Es muss für die Juroren lediglich wahrscheinlicher sein, dass er die Tat begangen hat. Ob es zu einem solchen Prozess kommt, ist jedoch mehr als ungewiss. In der Regel enden derartige Verfahren mit einer finanziellen Einigung im Vorfeld.

Die Möglichkeit einer baldigen Rückkehr nach Frankreich dürfte für Dominique Strauss-Kahn derzeit zudem nur eine eingeschränkt verlockende Perspektive sein. Zum einen sieht er in seiner Heimat einer weiteren Vergewaltigungsklage entgegen. Der Anwalt der Autorin Tristane Banon, David Koubbi, bedauerte die Einstellung des New Yorker Verfahrens. Er glaube Nafissatou Diallo, sagte Koubbi und fügte hinzu: „In Frankreich fängt der Fall DSK gerade erst an.

Seine Mandantin Banon wirft Strauss-Kahn vor, im Jahr 2003 versucht zu haben, sie zu vergewaltigen. Nach den New Yorker Ereignissen hatte sie schließlich Klage eingereicht.

Als Präsidentschaftskandidat kommt er nicht mehr infrage

Eher geringe Begeisterung löst die Vorstellung einer baldigen Rückkehr Strauss-Kahns bei den französischen Sozialisten aus. Zwar drückten Martine Aubry, François Hollande und andere Parteigrößen ihre „Erleichterung“ angesichts der bevorstehenden Freilassung des prominenten Genossen aus. Für den gerade beginnenden Wahlkampf käme die Rückkehr DSKs nach Frankreich jedoch eher ungelegen. Als Präsidentschaftskandidat kommt er nicht mehr infrage, und für die anderen Bewerber ist er vor allem ein Störfaktor, der über dem Wahlkampf schweben könnte wie ein lästiges Kompetenz-Gespenst.

Am Wochenende hofften die Sozialisten eigentlich, mit ihrer traditionellen Sommeruniversität in La Rochelle das Publikum für politische Programmdiskussionen zu interessieren. Daraus wird jetzt nichts. Denn alle werden wieder nur über DSK reden.